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Marburger Schüler haben die besseren Zähne

Kariesprophylaxe Marburger Schüler haben die besseren Zähne

Marburg nimmt beim Kampf gegen Karies eine Vorreiterposition ein. Dies beweist eine Studie von Professor Klaus Pieper, Leiter der Abteilung Kinderzahnheilkunde der Marburger Zahnklinik.

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Eine Vergleichsstudie zwischen Marburg und Osnabrück hat die Wirksamkeit von Karies-Präventionsprogrammen in Marburger Schulen bewiesen.

Quelle: dpa

Marburg. Die WHO hat dem Zucker den Kampf angesagt. In ihren neuen Richtlinien empfiehlt sie, nur noch fünf Prozent des täglichen Kalorienbedarfs über „freien Zucker“ zu decken – also Zucker, der dem Essen zugesetzt wird oder von Natur aus in Honig, Sirup und Fruchtsäften enthalten ist. Mit dieser neuen Empfehlung hofft die WHO, das Risiko, an Übergewicht, Diabetes, Herzkrankheiten oder Karies zu erkranken, einzudämmen. Fünf Prozent – das entspricht etwa 25 Gramm oder sechs Teelöffeln Zucker. Allein in einer Dose Limonade sind durchschnittlich zehn Teelöffel Zucker enthalten. Übertreibt die WHO da nicht ein bisschen?  

Ja, finden viele Wissenschaftler – wenn es um Diabetes oder Herzkrankheiten geht, denn Beweise, dass Zucker diese Krankheiten auslöst, gibt es kaum. Nein, sagen die Wissenschaftler, wenn es um Karies geht, denn der Zusammenhang zwischen Zucker und der Zahnfäule ist belegt.

„Die Zahnmedizin hat lange auf verlorenem Posten gestanden“, bedauert Professor Pieper. „Auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern sind die durch Zucker bedingten Erkrankungen inzwischen zu einem riesigen Problem geworden.“ Nicht nur in Deutschland sondern weltweit gehört Karies zu den häufigsten Krankheiten. Nur etwa ein Prozent der Erwachsenen sind hierzulande kariesfrei. Auffällig ist, dass das Vorkommen von Karies stark mit der Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht zusammenhängt. Dabei zeigen sich schichtspezifische Unterschiede umso stärker, je jünger die Kinder sind.   

Karies – abhängig von der sozialen Schicht?

Um der Verbreitung von Karies vorzubeugen, wird im Landkreis Marburg-Biedenkopf bereits seit fast 40 Jahren eine zahnmedizinische Basisprophylaxe angeboten – auch bekannt als „Marburger Modell“. Zwei Mal im Jahr kommt ein Expertenteam in die Schulen und führt mit den Kindern Zahnputzübungen durch, vermittelt Informationen rund um das Thema Zahngesundheit und untersucht die Zähne. Außerdem gibt es das Angebot, Fluoridlack auf die Zähne auftragen zu lassen. Der soll verhindern, dass Bakterien den Zahn angreifen und Karies entsteht.

In den 1990er-Jahren wurde das „Marburger Modell“ um eine „Selektive Intensivprophylaxe“ (SIP) erweitert. Sie ist vor allem für Kinder mit hohem Kariesrisiko geeignet und zielt darauf ab, spätere Ungleichheiten bei der Zahngesundheit zu verhindern und gleiche Gesundheitschancen für alle herzustellen. Die SIP wird in Schulen in sozialen Brennpunktgebieten angeboten. Neun Schulen in unserem Landkreis sind daran beteiligt. Statt halbjährlich besucht das Expertenteam die Schule vierteljährlich. Die Betreuung ist also viel intensiver.  Wirkt sich das wirklich positiver auf die Mundgesundheit der Kinder aus?

Das wollte Professor Pieper herausfinden und führte eine Vergleichsstudie mit Kindern der Klassen 1, 4 und 6 aus dem Landkreis Osnabrück durch, in deren Schulen keine SIP durchgeführt wird. Der Landkreis Osnabrück kam auch deshalb für das Forschungsprojekt infrage, weil er eine demografisch vergleichbare Region zu Marburg ist. Dieser Vegleichsgruppe aus Osnabrück wurde eine Prüfgruppe von Erst-, Viert- und Sechstklässlern des Landkreises Marburg-Biedenkopf gegenübergestellt, die bereits im Rahmen des Marburger Modells an der SIP teilnahmen. In einem Zeitfenster von 28 Wochen wurden in den Schulen in beiden Regionen Untersuchungen durchgeführt.

Zur Person
Prof. Dr. Klaus Pieper hat nach seinem Abitur am Neusprachlichen Gymnasium Melle Zahnmedizin an der Georg-August-Universität Göttingen studiert und erhielt 1975 seine Approbation als Zahnarzt. Zwei Jahre später promovierte er über den Einfluss von Kenntnissen über Kariesprophylaxe auf die Mundhygiene von Jugendlichen. 1984 wurde er Oberarzt in der Abteilung für Zahnerhaltung und Parodontologie der Klinik für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten der Universität Göttingen, wo er vier Jahre später auch habilitierte. 1992 zog er nach Marburg, wo er Direktor der Abteilung Kinderzahnheilkunde im Medizinischen Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Philipps-Universität Marburg wurde und bis heute immer noch ist.

Da es in der Studie darum ging, durch Karies entstandene Zahnschäden zu erfassen, waren zahnmedizinische Untersuchungen Hauptgegenstand der Untersuchung. Aber auch die soziologischen und psychologischen Aspekte waren für die Forscher von Interesse. Dazu wurde ein Fragebogen erstellt, der sowohl Alter, Geschlecht, Familienstand, Bildung und Angaben zu beruflicher Stellung oder ethnischer Herkunft abfragte. Diese Daten dienten zur Bildung „statistischer Zwillinge“, also Personen, bei denen bestimmte, in diesem Fall soziodemografische Merkmale, gleich sind. Die Zusammensetzung der Stichproben waren hinsichtlich Geschlecht, sozialer Schicht und ethnischer Herkunft also vergleichbar. 

Aber auch die Ernährungsgewohnheiten waren für die Forscher von Interesse. Um diese zu erheben, wurden für sechs konkrete Situationen des Alltags erfragt, welche Nahrungsmittel gegessen oder getrunken werden. Als Antwort wurden sowohl gesunde als auch ungesunde Nahrungsmittel aufgelistet.

Fragebögen geben Aufschluss über Ernährung

Für jede Antwort wurde ein Punkt bestimmt, diese dann am Ende aufsummiert und ein Zucker-Score errechnet. War er besonders hoch, war die Ernährung besonders zuckerhaltig. Auch die Eltern sollten diese Fragebögen ausfüllen. Ziel dieser psychologischen Fragen war es, einen einfachen Fragebogen zu entwickeln, der für Kinder der ersten, vierten und sechsten Klassen und ihren Eltern benutzt werden kann. „Es ist nicht zu aufwendig, aber genau genug, um herauszufinden, wie die Person sich ernährt“, so Pieper.

Den Fragebogen finden Sie in abgespeckter Form hier:

Im Ergebnis zeigte sich, dass die Zähne der Viertklässler, die unterhalb der zehnten Perzentile lagen, also besonders wenig zuckerhaltige Nahrungsmittel zu sich nahmen, weniger von Karies befallen waren, als die, die oberhalb der neunzigsten Perzentile lagen. Diese ernährten sich besonders zuckerhaltig ( siehe Grafik).

Insgesamt konnten in den untersuchten Altersgruppen unterschiedliche Effekte beobachtet werden. Während sich die Erstklässler bezüglich der Zahngesundheit kaum unterschieden, ergaben sich signifikantere Differenzen bei den Viert- und Sechstklässlern. Der sogenannte „DMF-Index“, ein statistischer Gradmesser für die Schwere und Auswirkung einer Karieserkrankung, war am Ende der Grundschulzeit bei der Prüfgruppe aus Marburg niedriger als bei der Vergleichsgruppe aus Osnabrück. Der größte Unterschied zeigte sich aber in den sechsten Klassen. Hier wiesen die Jugendlichen aus Osnabrück etwa doppelt soviel Karies auf wie die Kinder aus Marburg.

Dieses Ergebnis ist erschreckend und erfreuend zugleich: „Unsere Studie bestätigt, dass die SIP eine positive Wirkung auf die Zahngesundheit von Kindern hat, die in sozialen Brennpunkten leben“, so Pieper. Auch die vierteljährlichen Anwendungen eines Fluoridlacks zeigen Erfolg: Sie hemmen das Voranschreiten von Karies deutlich. Zudem ist einmal mehr klar geworden, dass Essgewohnheiten einen Einfluss auf unsere Zähne haben.

So schonen Sie Ihre Zähne in der Weihnachtszeit
„Nutzen Sie die ruhigen Tage, um wirklich drei Mal täglich die Zähne mit einer fluoridhaltigen Zahnpaste zu putzen“, rät Pieper vor dem Weihnachtsfest. Wer viel Süßigkeiten isst, sollte zwischendurch zudem eine antibakterielle Spüllösung benutzen. „Nicht nur während der Weihnachtszeit kann die Menge des aufgenommenen Zuckers eingeschränkt werden, indem bei der Zubereitung des Plätzchen- oder Kuchenteigs die Zuckermenge halbiert oder noch stärker reduziert wird.“

von Ruth Korte

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