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Künstler-Protest bleibt lebensgefährlich

Forschung Marburg: Literatur in Syrien Künstler-Protest bleibt lebensgefährlich

Wie der „Arabische Frühling“ und der anschließende Konflikt in Syrien die Kunst- und Literaturproduktion beeinflussen, das untersucht ein Team unter Leitung der Marburger Arabistik-Professorin ­Friederike Pannewick.

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Poesie als Slogan: Ein Demonstrant zeigt in der syrischen Stadt Sildib auf einem Spruchband Verse des tunesischen Nationaldichters Abu al-Qasim al-Shabbi.

Quelle: privat

Marburg. Der blutige Mehrfrontenkampf in dem von einem mehrjährigen Bürgerkrieg gebeutelten arabischen Land Syrien beherrscht die Welt-Schlagzeilen derzeit genauso wie die Dramen um syrische Flüchtlinge.

Doch wie wirkt sich die Situation in Syrien zwischen dem sich verzweifelt an der Macht festklammernden Herrscher Bashar al-Assad, den radikalen Kämpfern des Islamischen Staates und den „moderaten Rebellen“ auf die Literatur- und Kulturszene aus?

Das untersuchen Professorin Friederike Pannewick sowie ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter Dr. Felix Lang in einem großangelegten Forschungsprojekt mit mehreren Teilprojekten. (siehe HINTERGRUND).

Für Syrien haben Pannewick und Lang ein spezielles Jahr als Wendepunkt ausgemacht, das sie genauer ins Visier nehmen wollen. Dabei handelt es sich um das Jahr 2011. Mit dem damaligen Überschwappen des Phänomens des Arabischen Frühlings aus Tunesien und Ägypten habe sich nicht nur in der syrischen Gesellschaft Entscheidendes verändert, sondern auch in der Literatur, erläutert Pannewick.

Widerstand birgt Gefahr

Die Forscherin stellt die Ausgangsfrage, ob sich widerständisches Denken in Zeiten dieses revolutionären Umbruchs ebenso geäußert habe wie in einer scheinbar unverrückbaren Diktatur. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts sei in der syrischen Literatur unter dem Deckmantel mythischer oder historischer Figuren und Geschichten oft schwarzer Humor und subversive Satire vorherrschend gewesen.

Widerständische Gedanken, die bei zu offenen Äußerungen lebensgefährlich seien, hätten sich also eher indirekt gezeigt. Dieses habe sich dann im Zuge der „Arabellion“ ab 2011 auch in Syrien durch die neuen Ausdrucksmöglichkeiten des Internets und einer „radikalisierten Straße“ gewandelt.

Satire gegen das autokratische System sei auf einmal „offen und unverschleiert“ geäußert worden. Aber auch die Formensprache habe sich verändert. Literarische Fragmente oder Textzitate seien beispielsweise zu politischen Slogans auf Kundgebungen, Protestsongs auf „Youtube“ oder Graffiti auf Häuserwänden verarbeitet worden.

Slogans werden untersucht

Die althergebrachte Dichtung habe so in revolutionären Zeiten den Weg auf die Straße gefunden. Zwischenzeitlich sei so in Syrien wie in anderen arabischen Ländern eine Art „Mauer der Angst“ durchbrochen worden. Doch nach wie vor bleibe ein offener künstlerischer Protest in Syrien lebensgefährlich, bilanziert Pannewick.

Die Literaturszene sei auch dadurch beeinflusst worden, dass viele Schriftsteller geflohen seien. „Man findet jetzt kaum noch Schriftsteller, die innerhalb Syriens agieren“, erklärt Felix Lang. Mehrere Wellen der Emigration führten zunächst über dem Libanon und andere nenachbarte Staaten, aber dann auch in die USA und nach Europa.

„Nicht allein die Erfahrung oder das Trauma des Krieges, sondern vor allem die Bedingungen, unter denen sie produziert werden, verändern die Literatur“, konstatiert Pannewick. Denn es gebe angesichts der Exilsituation der meisten bekannten syrischen Schriftsteller in Syrien kaum mehr die früher klassischen Lesungen in Kaffeehäusern oder im Theater. Stattdessen löse sich die Literaturszene immer mehr in eine internationale virtuelle Gemeinschaft auf.

Im Internet gebe es einerseits vermehrt Online-Debatten über Bücher. Daneben sei auch ein neues Genre zu beobachten: Online-Tagebücher, die in einer dokumentarisch-literarischen Mischform die Revolutions- und Bürgerkriegswirren begleiten.

Bei Forschung auf syrische Studenden angewiesen

„Viele Autoren haben gesagt, dass jetzt nicht die Zeit für Romane ist, sondern dass sie ihre Stimme als Sprecher für Syrien erheben wollen“, erläutert Pannewick. Gleichzeitig sieht sie eine stärkere Bedeutung der Ausdrucksformen moderner visueller Künste, wozu Graffiti im öffentlichen Raum oder Handy-Filme zu zählen seien.

Als Beispiel nennt die Arabistin eine Kunst-Aktion, bei der mitten auf einem zentralen Platz in Syriens Hauptstadt Damaskus die Fontänen eines Brunnens mithilfe von roter Farbe zu „Blutfontänen“ gemacht worden seien, was gefilmt und online gestellt worden sei.

Welche Slogans bei den Demonstrationen eine Rolle spielten und wie sie von ausländischen und einheimischen Journalisten wahrgenommen wurden, das untersucht in einem Teilprojekt der syrische Doktorand Eylaf Badr Eddin. Besonders auf die Mitarbeit von syrischen Studierenden und Nachwuchsforschern, die die Region aus erster Hand kennen, sind Pannewick und Lang bei ihrem Forschungsprojekt angewiesen.

Zur vollständigen Bestandsaufnahme der Literaturszene zählt aber auch die Wahrnehmung der regimetreuen oder vom Regime geduldeten Autoren oder der Memoiren-Literatur von Islamisten.

von Manfred Hitzeroth

 
Hintergrund

„Denkfiguren/Wendepunkte. Kulturelle Praktiken und sozialer Wandel in der arabischen Welt“: Das ist das Thema der von Professorin Friederike Pannewick geleiteten und von Dr. Felix Lang koordinierten „Leibniz Forschungsgruppe“, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft von 2012 bis 2019 gefördert wird.

Finanziert wird sie mit der Preissumme von 2,5 Millionen Euro für den wichtigsten deutschen Forschungspreis, den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis, den Pannewick 2012 erhielt. Untersucht werden sollen neue Formen von Kunst, Literatur und Musik, die im Umfeld des „Arabischen Frühlings“ rund um die gesellschaftlichen Transformationsprozesse seit 2011 aufgekommen sind.

Die zeitgenössische arabische Kulturproduktion wird von den Forschern einerseits als Vorbotin und andererseits als Katalysator für die stattfindenden sozialen Veränderungen verstanden. Neben dem Gemeinschafts-Vorhaben zu Syrien gibt es mehrere Einzelprojekte, unter anderem zu den Vorgängen in Ägypten und Marokko, aber auch zu Themen wie „HipHop in Ägypten“.

 
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Spezialsoftware soll arabische Texte durchsuchen

Für ihr Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der syrischen Gegenwartsliteratur bedienen sich die Marburger Arabisten auch der Hilfe von Informatikern.

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