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Forschung Marburg

Kontakt hilft gegen Vorurteile

Wie Vorurteile und Diskriminierung gegenüber Gruppen anderer ethnischer Herkunft bekämpft werden können, untersuchen zwei Marburger Sozialpsychologen.
Die Hände zu reichen, ist der erste Schritt zum Abbau von Vorurteilen. Foto: Thorsten Richter

Die Hände zu reichen, ist der erste Schritt zum Abbau von Vorurteilen.

© Thorsten Richter

Marburg. Die beiden Marburger Sozialpsychologen Professor Ulrich Wagner und Dr. Gunnar Lemmer betreiben Kontaktforschung. Ihnen geht es allerdings nicht um die Erforschung der Wirksamkeit von Kontaktanzeigen oder anderer Formen der zwischenmenschlichen Kontaktanbahnung. Vielmehr ist ihr gemeinsames Thema der Kampf gegen Vorurteile.

Dabei erforschen die beiden Psychologen vor allem die Frage, wie sinnvoll gegenseitige Kontakte von Angehörigen unterschiedlicher ethnischer Herkunft sind, um rassistischen oder anderen Vorurteilen entgegenzuwirken.

Kontaktprogramme außerhalb von Laboren

In einer jetzt abgeschlossenen Übersichtsarbeit haben Lemmer und Wagner nach einer umfangreichen Literaturrecherche mehr als 100 sozialpsychologische Studien ausgewertet, in denen es um spezielle „Kontaktprogramme“ außerhalb von Laboren ging - vorwiegend in Schulen oder Universitäten.

„Das Ziel war es, einen Forschungsüberblick zur Frage zu bekommen, wie effektiv solche Maßnahmen sind“, erklärt Lemmer. Die Antwort fällt eindeutig aus: Generell sind diese interkulturellen Kooperationsprogramme sehr effektiv. „Man sieht, dass die Kontakte zur Reduktion von Vorurteilen führen“, so Lemmer. Personen, die Kontakt mit anderen sozialen und ethnischen Gruppen haben, neigen demnach auch weniger zu Diskriminierung oder Gewalt gegenüber diesen Gruppen.

Programme sollen Vorurteile mindern 

Aus der Marburger Meta-Analyse gehe zudem hervor, dass diese Effekte auch noch längerfristig - also zwischen einem Monat und einem Jahr nach dem Ende der Programme - bemerkbar seien. Durch die Programme wurden nicht nur Vorurteile gegenüber einzelnen Menschen vermindert, sondern gleich gegenüber einer ganzen fremden Gruppe. Besonders interessant findet Professor Wagner, dass diese Kontaktprogramme auch in ehemaligen Krisengebieten wie in Nordirland oder Zypern gut funktioniert haben, wie die Marburger Meta-Analyse belegt.

Allerdings gibt es auch Grenzen dieser „Versöhnungsprogramme“, vor allem in ehemaligen Bürgerkriegs-Gegenden, wie Wagner erläutert. So hat Kerstin Duffler, eine Doktorandin von ihm, Begegnungscamps von Jugendlichen aus Palästina und Israel beobachtet, bei denen auch starke Emotionen und Angstgefühle im Spiel gewesen seien. „Man kann nicht erwarten, dass solche Kontaktprogramme die ganze Welt verändern“, macht Wagner deutlich.

Keine aufggeheizte Grundstimmung

In Deutschland seien die Effekte aber auch deswegen längerfristig und nachhaltig wirksam, weil es hier nicht eine so aufgeheizte Grundstimmung gebe wie in vielen Kriegs- oder Krisengebieten dieser Welt.

Generell werden von den Forschern in ihrer Übersichtsarbeit vier Formen von „Kontaktprogrammen“ unterschieden:

- der kooperative Unterricht, bei dem beispielsweise in Grundschulen deutschstämmige Schüler und Schüler mit Migrationshintergrund bewusst gemeinsam unterrichtet werden;

- die Kontakt-Meetings, bei denen die kulturellen Unterschiede der beiden beteiligten Gruppen direkt zum Thema gemacht werden. Das ist beispielsweise der Fall bei gemeinsamen Workshops von palästinensischen und israelischen Jugendlichen;

- die „stellvertretenden Kontaktprogramme“, in denen die Teilnehmer zum Beispiel über Geschichten oder Filme mehr über den interkulturellen Kontakt erfahren, oder

- die „virtuellen Kontaktprogramme“, bei denen Chats oder andere Formen von Computer-Kontakten eine entscheidende Rolle spielen.

Aus den bisherigen Erfolgen der „Kontaktprogramme“ leitet Wagner auch für die Bewältigung des aktuellen Flüchtlings­ansturms einige Schlussfolgerungen ab. So müssten die Beziehungen der alteingesessenen Bevölkerung zu den Neuankömmlingen durch ähnliche Programme gestärkt werden. Und im Städtebau sollte man darauf achten, Ghetto-Bildungen zu verhindern und nicht reine Migranten-Wohnviertel zu schaffen, so der Marburger Sozialpsychologe.

von Manfred Hitzeroth


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