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Kollision mit Eisscholle und Boot-Rettung

Erinnerungen an Grönland-Expedition Kollision mit Eisscholle und Boot-Rettung

Bisher der Forschung unbekannte Tagebücher der Grönland-Expedition des Marburgers Walter Böhme aus 1929 werfen neue Schlaglichter auf die vorletzte Grönland-Expedi­tion des Polarforschers Alfred Wegener.

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Walter Böhme in Grönland auf dem Expeditionsschiff „Krabbe“ 1929.

Quelle: privat

Marburg. Es ist eine Situa­tion, von der wohl jeder Forscher träumt: Bisher unbekannte und noch nicht ausgewertete schriftliche Dokumente tauchen auf, nachdem sie jahrzehntelang auf einem Dachboden oder in einer Schublade geschlummert haben.

In diesem Fall geht es um zwei Tagebücher aus dem Nachlass des bereits 1969 verstorbenen Marburgers Dr. Walter Böhme, in denen er über eine Grönland-Expedition im Jahr 1929 berichtet, und bei der sich seine Wege auch einige Wochen lang mit denen des weltberühmten Polarforschers und damals bereits ehemaligen Marburger Professors Alfred Wegener kreuzten.

Die Dokumente gelangten zusammen mit Fotos, Zeitungsausschnitten und weiteren ­Archivstücken über Böhmes Nachfahren Ende Dezember vergangenen Jahres in die Hände des emeritierten Marburger Geographie-Professors Alfred Pletsch, der sie jetzt ausgewertet hat. Der Aufsatz von Pletsch wird im Jahrbuch 2015 der Marburger Geographischen Gesellschaft veröffentlicht. Der Nachlass Böhmes soll eventuell der Marburger Uni-Bibliothek zur Verfügung gestellt werden.

Professor Pletsch schaut sich eine Seite aus dem Tagebuch von Walter Böhme genauer an. Foto: Thorsten Richter

Quelle:

Anhand des Vergleichs mit der ebenfalls auf Tagebüchern beruhenden und ausführlich in einem Buch dokumentierten Wegener-Expedition fand Pletsch schnell heraus, dass sich die Wege von Böhme und Wegener überschnitten.

In Jakobshavn fand am 27. September 1929 das erste Treffen zwischen Wegener und Böhme statt. Zeitweise begleitete der 25-jährige Neuling Böhme auf seiner ersten und einzigen Polar-Expedition den Arktis-Veteranen Wegener und leistete ihm dabei wichtige Hilfsdienste.

Besonders spannend fand Pletsch, wie ernst Wegener und sein erfahrenes Team damals augenscheinlich den jungen Nachwuchs-Akademiker genommen hatten. In den Böhme-Tagebüchern kann man Ereignisse, die auch in Wegeners 1930 erschienenem Buch „Mit Motorboot und Schlitten durch Grönland“ dokumentiert sind, nun auch noch aus einer gänzlich neuen Perspektive lesen.

Genau dieses macht aus Sicht des Experten Pletsch den Reiz der Tagebücher aus – genauso wie auch die Authentizität der Beschreibungen der Expeditionserfahrungen. Besonders zwei abenteuerliche Ereignisse stehen im Mittelpunkt der Schilderungen:

* Im Auftrag Wegeners sollte Böhme ein Faltboot mitsamt der darin „gestrandeten“ Messgeräte bergen, mit dem sich zwei Teilnehmer der Wegener-Expedition bei einer Erkundungstour bei einem Gletscher in der Disko-Bucht in eine nahezu aussichtslose Lage manövriert hatten. „Dass Böhme verantwortlich die Bergung des Kajaks im Tasiusak-Gletscher übertragen wurde, war ein großer Vertrauensbeweis“, meint Alfred Pletsch. Zusammen mit zwei von zwei Grönländern geführten Hundeschlitten bewältigte der Novize die schwierige Aufgabe mit Bravour. Besonders beeindruckte die Einheimischen die Geschicklichkeit, mit der Böhme das Boot auseinanderbaute und in seinen Rucksack packte, in dem er dann das fast 50 Kilogramm schwere Gepäckstück über steile und unwegsame Wege ­zurückschleppte. Begeistert waren sie auch, als er das Faltboot beim Rückweg über einen Süßwassersee wieder zusammenbaute.

* Auch eine Beinahe-Katastrophe erlebte der junge Doktorand aus Marburg bei der gemeinsamen Expedition mit Wegener, als das Forschungsteam das Expeditionsschiff, die „Krabbe“ auf den Weg ins Winterquartier nach Godhavn brachte. Als Böhme am Ruder war, zerbrach durch die Kollision mit einem nicht sichtbaren großen Eisstück die Schiffsschraube des Motorboots. Doch Expedi­tionschef Wegener machte dem „Steuermann“ keinen Vorwurf. Glücklicherweise kam es zu keinen weiteren Unfällen, und das Schiff wurde auf dem Rückweg in den Winterhafen als Segelboot genutzt. Mit einem „Ehrengedicht“ setzt Böhme in seinem Tagebuch der „Krabbe“ sogar noch ein kleines Denkmal. „Dass Böhme bei dieser Fahrt das Ruder der ‚Krabbe‘ bedienen durfte, zeugt ebenso wie seine fast selbstverständliche Einbindung in Wegeners Expeditionsgruppe von dem Vertrauen in seine Fähigkeiten“, schätzt Pletsch ein.

von Manfred Hitzeroth

 
Die Hauptstationen Professor Pletschs Begegnung mit Wegener zeigt die Grafik.  
   
Zur Person  

Professor Alfred Pletsch (74) war von 1974 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2005 Geographie-Professor an der Universität Marburg. Nach dem Studium von Geographie, Romanistik und Ethnologie in Grenoble und Marburg verfasste er 1970 an der Philipps-Universität seine Doktorarbeit zum Thema „Strukturwandlungen in der Oase Dra“.

Pletschs Habilitationsarbeit erschien über das Thema „Moderne Wandlungen in der Landwirtschaft des Languedoc“. Pletsch ist Experte für die Landeskunde von Kanada und Frankreich. Er war 1992 erster Preisträger des John Diefenbach Awards der kanadischen Regierung und wurde 2006 Ehrendoktor der Wilfried Laurier University in Waterloo/Ontario.

Außerdem liegen seine fachlichen Schwerpunkte in Kulturgeographie, der Landeskunde und der Bevölkerungs-Geographie. Unter anderem leitete er auch das Projekt „Marburger Stadtführer für Menschen mit Behinderung“ . Im Jahr 1985 war Alfred Pletsch Mitgründer der Marburger Geographischen Gesellschaft, deren Vorsitzender er von 1985 bis 2012 war.

Foto: Thorsten Richter

   
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1000 Reichsmark waren Reisekapital für die Expedition

Für Dr. Walter Böhme war die Expedition durch Grönland im Jahr 1929 ein einzigartiges Erlebnis.

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