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„Keine Insel der Glückseligkeit“

Forschung Marburg „Keine Insel der Glückseligkeit“

Auf die Spuren der Marburger Blindenstudienanstalt in der Zeit des Nationalsozialismus hat sich der Marburger Sozialwissenschaftler Dr. Wolfgang Form begeben.

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Die Blista-Bibliothek mit Schülern und Lehrern in den 30er-Jahren.

Quelle: Blindenstudienanstalt

Marburg. Die Marburger Blindenstudienanstalt sei in der Zeit zwischen 1933 und 1945 keine Insel der Glückseligkeit gewesen, zieht Dr. Wolfgang Form ein erstes Fazit seiner Nachforschungen, die er im Auftrag der Blindenstudienanstalt aus Anlass der 100-Jahrfeier betrieben hat. Denn auch diese 1916 gegründete deutschlandweit ein
zigartige Bildungseinrichtung für Blinde und Sehbehinderte sei immer auch ein Teil der NS-Realität gewesen, erläutert der Wissenschaftler. Dies verbinde die ­Blista mit zahlreichen weiteren Institutionen, die in der NS-Zeit nicht aufgelöst oder verboten worden seien.

Dennoch müsse man differenzieren: Eine solche Einrichtung könne sich entweder eng in die Strukturen des Nationalsozialismus eingebunden oder eher auf die Vorgaben durch das Regime reagiert haben. Im Falle der Blindenstudienanstalt geht der Marburger Sozialwissenschaftler eher davon aus, dass die Verantwortlichen vermutlich auf die gesellschaftlichen Umstände reagiert hätten. Das bedeutet aber Forms Ansicht nach nicht, dass nicht auch NS-spezifische Ideen ebenfalls in der Blista vorhanden gewesen seien.

Keine Einstellung erbkranker Mitarbeiter

Immerhin: Nur 20 Prozent der Beschäftigten waren Mitglieder der NSDAP. Das bedeute im Umkehrschluss, dass um die 80 Prozent der Angestellten, Arbeiter und Verwaltungsmitarbeiter es nicht für notwendig befunden hätten, in die Hitler-Partei einzutreten. Zum Vergleich: Die Quote der NS-Parteimitglieder lag bei Juristen um ein Vielfaches höher, erläutert Form.

Doch es habe auch einige Verstrickungen in das NS-System gegeben. So durften nach 1933 auf Druck des zuständigen Ministeriums aus Berlin keine erbkranken Mitarbeiter mehr eingestellt werden. Das Kapitel „Erbgesundheit“ war für die Blindenstudienanstalt eine Art Gradmesser.

„Es gab die Nazi-Doktrin, dass gewisse Erscheinungen von Blindheit als erblich bedingt zu bezeichnen waren“, erläutert Form. Aufgrund des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses seien mindestens zwei Blista-Mitarbeiter zwangssterilisiert worden. Zudem mussten Schüler vor ihrer Aufnahme in die Schule der Blista nachweisen, dass sie nicht „erbkrank“ oder bereits sterilisiert waren. Es wurden mindestens zwei Schüler der Blista, die 1934/35 an der Schule waren, in Marburg zwangssterilisiert.

Regimekonforme Lehrmittel

Auch der Schulalltag – damals gab es mit insgesamt bis zu 30 Schülern allerdings deutlich weniger Schüler als heute – habe sich entsprechend der NS-Vorgaben geändert. So hätten sich politisch einschlägige Aufgabenstellungen in den Abiturprüfungen gefunden: Beispielsweise sollten in der Mathematik Kurvenberechnungen für einen bestimmten Bombentyp unternommen werden.

Und in der Bibliothek wurden auch regimekonforme Lehrmittel eingestellt, berichtet Form. Adolf Hitlers „Mein Kampf“ zählte zu den NS-Büchern, die im Verlag der Blista in der Nazi-Zeit in Blindenschrift gedruckt wurden. „Gedruckt wurde ‚Mein Kampf‘ in einer ersten Auflage von 500 Exemplaren als Propaganda-Instrument“, macht Wolfgang Form klar.

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs brachte für die Blinden-Bildungseinrichtung, die ursprünglich zur Weiterbildung der Kriegsblinden aus dem Ersten Weltkrieg gegründet worden war, erneute Änderungen. So galt die Blista unter anderem deswegen als kriegswichtige Einrichtung, weil sie in Marburg in der Liebigstraße ein Reserve-Lazarett für Menschen aufbaute, die im neuerlichen Krieg durch Kopfverletzungen erblindet waren.

Wie in anderen Behörden oder Firmen der Stadt Marburg waren auch an der Blindenstudienanstalt, und zwar in den Sparten Technik und Versorgung, mehr als 20 Zwangsarbeiter aus Frankreich und Italien als billige Arbeitskräfte beschäftigt.

von Manfred Hitzeroth

 
Hintergrund

Die Aufarbeitung der NS-Geschichte der Marburger Blindenstudienanstalt (Blista) ist ein Baustein der Ausstellung „blick:punkte“, die im Blista-Jubiläumsjahr 100 Jahre nach der Gründung präsentiert wird und am Sonntag, 22. Mai, um 11 Uhr im Marburger Landgrafenschloss eröffnet wird.

Den Auftrag dazu erhielt der Marburger Sozialwissenschaftler Dr. Wolfgang Form. Er konnte dafür unter anderem auf eine 2002 veröffentlichte Dissertation des Marburger Politikwissenschaftlers Mohammad Reza Malmanesh mit dem Titel „Blinde unter dem Hakenkreuz“ zurückgreifen. Darin wird zum Teil auch die Blista-Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus thematisiert.

Zudem hat Form 160 Akten aus den Beständen der Blindenstudienanstalt gesichtet und zum Teil schon aufgearbeitet. Die Ergebnisse einer ersten Analyse hat er für die Ausstellung im Schloss aufbereitet. Es soll nun noch eine weitere Auswertung folgen, die Hans-Peter Friedrich von der Initiative Geschichtswerkstatt Marburg übernehmen wird.

Zusammen mit weiteren Nachforschungen von Form zum Erbgesundheitsgericht soll dann auf Initiative der Blista-Verantwortlichen noch in diesem Herbst eine kompakte Broschüre mit einem Umfang von bis zu 50 Seiten zum Thema „Blindenstudienanstalt in der NS-Zeit“ publiziert werden

 
Die Marburger Blindenschrift-Ausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ mit Hakenkreuz. Foto: Thorsten Richter
 
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Mit dem Machtantritt des NS-Regimes gab es auch in den Leitungsgremien der Blindenstudienanstalt 
Veränderungen.

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