Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
„Junge Alternative“ in der Grauzone

Rechtspopulismus und autoritäre Ideologie „Junge Alternative“ in der Grauzone

Der Marburger Erziehungswissenschaftler und Rechtsextremismus-Experte Professor Benno Hafeneger setzt sich mit den „modernen“ Phänomenen  des Rechtsextremismus und Rechtspopulismus auseinander.

Voriger Artikel
Die Bausteine des Lebens
Nächster Artikel
Schon 300 Beratungsfälle sind dokumentiert

Plakate der Jungen Alternative: Die Jugendorganisation setzt unter anderem auf Antifeminismus und fordert eine andere staatliche Kriminalitätsbekämpfung.

Marburg. Die rechtsextreme politische Kultur, sagt Hafeneger, ist von Auseinandersetzungen und Konkurrenzen im eigenen Lager geprägt und kommt vielfach in neuen, modernen Gewändern daher. Er spricht von einer breiten „Grauzone“ von rechtspopulistisch bis rechtsextremen Merkmalen. Und: Das „alte“ rechte Lager, zu denen NPD und „Die Rechte“ gehören, Kameradschaften und  „Autonome Nationalisten“, ist in seinen Ausdrucks- und Mobilisierungsmöglichkeiten traditionell eher auf Aufmärsche, Flugschriften und ähnliches beschränkt. Das „neue“ Lager benutzt vor allem auch die elektronischen Medien,  nutzt Themen, „die aus der Mitte der Gesellschaft kommen“, wie es Hafeneger formuliert, etwa Europaskeptizismus oder Angst vor Islamisierung, um sich als Diskussionsforum zu profilieren.

Entsprechend haben sich die Methoden der  Wissenschaftler geändert, die die Phänomene der „Neuen Rechten“ einordnen. Das Internet ist wichtigste Quelle geworden, in die permanente, kontinuierliche Beobachtung wesentlicher Seiten ist zur Voraussetzung für neue Erkenntnisse geworden.

Zwei wichtige  Elemente des „neuen“ Rechtsextremismus hat Hafeneger aktuell untersucht: Die Identitären und die AfD-Jugendorganisation „Junge Alternative“. Hin und wieder durch „kleine Skandale“ wie mit dem Plakat der „fünf nackten Hintern“ von Frauen aufgefallen, aber bisher kaum öffentlich wahrgenommen, hat sich eine neue rechtskonservative/-populistische nationalliberale Jugendorganisation Jugendorganisation gegründet: die „Junge Alternative (JA)“, die Parteijugend der AfD.

Sie hat sich, sagt Hafeneger, in erstaunlicher Geschwindigkeit orgsanisiert: Inzwischen hat sie  acht Landesverbände, zahlreiche Bezirks- und Landesverbände und derzeit etwa 350 Mitglieder. In Freiburg gibt es die erste Hochschulgruppe.

Im Internet ist die JA mit ihren bisherigen programmatischen Forderungen präsent,  den agierenden Personen und ihren nächsten Entwicklungsschritten, etwa dem Aufbau einer Jugendakademie, die der politischen Bildung dienen soll.
Hafeneger werdet das als einen erneuten Versuch, im ideologischen Bereich in der Grauzone zwischen „konservativ“ und „rechtsextrem“ Jugendliche und junge Erwachsene anzusprechen, zu gewinnen und zu organisieren.

Die JA hat wie die AfD vor allem eine eurokritische Position . Sie setzt auf

  • eine neue Währungsordnung (die der Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Staaten entsprechen soll)
  • einen Nord-Euro der wirtschaftsstarken EU-Länder
  • auf die nationalstaatlichen Interessen mit einem „Europa der Vaterländer“, die mit bilateralen Beziehungen verbunden sind  und zusammenarbeiten.

Auch die JA, so Hafeneger, wendet das „immer das gleiche Muster der rechten Krisenerzählung“ an: „Eine Minderheit wird als homogene, feindliche Gruppe dargestellt und mit einem apokalyptischen Bedrohungsszenario versehen, die Mehrheit wird zum Opfer der Minderheit erklärt.“ Weil dies von der etablierten Politik nicht eingelöst werde, müsse eine „Alternative“ her.  Feindbilder sind laut Hafeneger „die“ Muslime, Flüchtlinge, Hartz-IV-Empfänger, Lesben und Schwule („Homolobby“), Feministinnen,

„Die JA setzt“, nennt Hafeneger ein wesentliches Merkmal – „Akzente in der Bekämpfung des „Feminismus“; sie ist gegen den von ihr so bezeichneten „Genderwahn“ („Genderismus“) und die Frauenquote. In den familien- und geschlechterpolitischen Vorstellungen ist die AfD familialistisch-antifeministisch, sie proklamiert den „Familienschutz“ und die Familie als Keimzelle.

Hafenegers Kernthese:

Die Partei und Jugendorganisation sind der Versuch, ein „Bündnis“ zwischen „bürgerlicher, rechter Mitte“ (flexibler ökonomischer Wettbewerbspopulismus und Marktradikalismus) und nationalistischen, chauvinistischen Ideologiefragmenten mit autoritärer Innenpolitik (Andere abwerten und Dominanzkultur als politische Ideologie) zu errichten. Der Richtungsstreit zwischen den Parteiflügeln und Gruppen ist noch nicht beendet; er bewegt sich zwischen elitär, konservativ-(radikal)liberal und rechtspopulistisch und chauvinistisch. Adressaten der JA  , so Hafeneger, sind vor allem Schüler und die akademische junge Generation versteht. Verwoben ist die JA nach seinen Erkenntnissen mit dem studentischen Verbindungsmilieu.

Die Zahl der BWL-Studierenden wird bei den Mitgliedern als „recht hoch“ angegeben; auch der Vorsitzende Philipp Ritz hat Betriebswirtschaft studiert. „Damit steht die JA in der Tradition des elitären Denkens und der Elitenreproduktion, das angeblich eine neue politische – auch parteipolitische – Heimat sucht.“

von Till Conrad

AfD könnte sich langfristig etablieren

Marburg. Wird die „Alternative für Deutschland“ nach ihrem Wahlerfolg bei der Europawahl zu einer dauerhaften Kraft im deutschen Parteiensystem? Oder wird sie nach kurzer Zeit wieder in der Versenkung verschwinden, so wie es den Piraten zu ergehen droht?

Professor Benno Hafeneger hält es für möglich, dass der Wahlerfolg der AfD langfristig Folgen auf das Parteiensystem haben könnte: „Die weltpolitischen Prozesse, aber auch die Eurokrise spielen Parteien
am rechten Rand in die Karten“, glaubt er mit Blick auf die Ergebnisse der Europawahl unter anderem in Frankreich und England.
In Deutschland sind die klassischen rechten Parteien wie die NPD wahlpolitisch gesehen bedeutungslos – insofern, so Hafen­eger, wäre Platz für eine Kraft, die mit rechtspopulis­tischen Inhalten und Figuren aus dem bürgerlichen Lager den Spagat zwischen rechtskonservativer und rechtspopulistischer Politik schaffen kann.
Die Voraussetzungen sind für die AfD, so Hafeneger, gut: Bei den AfD-Akteuren handelt es sich um „Eliten“ aus der Gesellschaft, um 50- bis 70-jährige Männer, die aus dem akademischen Milieu stammen und über Einfluss verfügen. Die AfD ist, anders als die Piraten, keine „Einpunktpartei“, sie verfügt über Galionsfiguren, die zudem das notwendige Geld beschaffen können.

Möglich also, dass die AfD ähnlich wie der Front National in Frankreich eine langfristige, systematische Entwicklung nimmt. Die entscheidende Frage sei, wo sich die AfD langfristig verortet: „Wenn sie sich im rechtspopulistischen Lager einordnet, wird sie unbedeutend bleiben – wenn sie sich als konservativ-nationalliberale Partei profiliert, hat sie sicherlich ein Wählerpotential von 5 bis 10 Prozent.“

Auf diesem Hintergrund, sagt Hafeneger, sind auch die Diskussionen in der CDU über den Umgang mit der AfD zu sehen: Das ist keine ideologische, sondern eine strategische Frage. Die Union will den rechten Rand des demokratischen Parteienspektrums besetzt halten.

von Till Conrad

Über Benno Hafeneger

Professor Benno Hafen­eger ist Professor am Fachbereich Erziehungswissenschaften und dort zuständig für die Themenfelder Jugend und Jugendkulturen, Jugend und Rechtsextremismus und außerschulische Jugendbildung. Hafeneger gilt als einer der profiliertesten Rechtsextremismusforscher. Als Vortragsredner und Berater ist Hafeneger, der zahlreiche Studien zur lokalen Verbreitung rechtsextremistischer Tendenzen verfasst hat, bundesweit gefragt.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Rechtsextremismus
Koordinieren die hessenweite Beratung bei rechtsextremistisch motivierten Konflikten (von links): Rainer Becker, Katharina Seyfferth, Professor Benno Hafeneger und Tina Dürr.

Die Forschungen von Hafeneger und seinen Mitarbeitern sollen nicht nur der wissenschaftlichen Erkenntnis dienen, sondern auch, so formuliert es Professor Dr. Benno Hafeneger, einen praktischen Nutzen bringen: jenen nämlich, die sich mit rechtsextremen Tendenzen auseinanderzusetzen haben - in der Schule, im Jugendclub oder im Sportverein beispielsweise.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr