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Jüdischer Blista-Gründer musste Vorstand verlassen

Forschung Marburg Jüdischer Blista-Gründer musste Vorstand verlassen

Mit dem Machtantritt des NS-Regimes gab es auch in den Leitungsgremien der Blindenstudienanstalt 
Veränderungen.

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Blista-Gründer Alfred Bielschowsky mit seinen Kindern.

Quelle: Blindenstudienanstalt

Marburg. Besonders augenfällig waren die personellen Einschnitte im Blista-Vorstand, die schon relativ bald nach der am 30. Januar 1933 erfolgten Machtergreifung der Nationalsozialisten erfolgten, am Beispiel von Alfred Bielschowsky. „Er war im Jahr 1916 der eigentliche Gründer und Vater der Blindenstudienanstalt“, erläutert der Sozialwissenschaftler Dr. Wolfgang Form.

Im Gründungsjahr war er Professor an der Augenklinik der Marburger Universität, wo er bis zu seinem Weggang im Jahr 1923 nach Breslau wirkte.„Er war europaweit eine Kapazität in Sachen Schiel-Erkrankungen“, erläutert Form. Noch knapp ein Jahrzehnt nach seinem Weggang nach Breslau spielte Bielschowsky eine wichtige Rolle im Vorstand der Blista. Bis zum Oktober 1932 war er zweiter stellvertretender Vorsitzender.

Doch dann wurde Bielschowsky wohl aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus der Blista hinausgedrängt. Zwar wurde er im Jahr 1933 noch zu den Vereinssitzungen eingeladen, doch ein Jahr später taucht sein Name in den Akten über die Sitzung dort nicht mehr auf. Und im September 1934 musste Bielschowsky nach antisemitischen Protesten von Studenten Breslau verlassen und emigrierte in die USA, wo er 1940 im Alter von 49 Jahren starb.

Schule nach Mitbegründer Carl Strehl bennant

Bereits bei der 20-Jahr-Feier im Jahr 1936 sei Bielschowskys Rolle bei der Gründung der Blindenstudienanstalt verschwiegen worden, erläutert Form. Dass der Name des ehemaligen Blista-Gründers dann jahrzehntelang aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sei, sei auch eine Nachwirkung der NS-Zeit gewesen. Dieses „permanente Vergessen“ habe aber auch damit zu tun gehabt, dass Bielschowsky nur die Anfangsjahre der Bildungseinrichtung sichtbar geprägt habe und dann durch seinen Weggang aus Marburg aus dem Blickfeld geraten sei.

Bis heute ist vorwiegend der Name von Carl Strehl (Foto: Blindenstudienanstalt) mit der Geschichte der Blindenstudienanstalt verbunden. Der bei einem Chemieunfall erblindete Volkswirtschaftsstudent Strehl war zusammen mit Bielschowsky 1916 einer der Mitgründer der Blista und leitete diese dann ab 1927. Nicht nur in der NS-Zeit, sondern auch noch bis 1965 war Carl Strehl als Direktor das Gesicht der Blindenstudienanstalt und bestimmte so fast 40 Jahre die Geschicke der Blista. Die Schule der Blista heißt nach ihm Carl-Strehl-Schule.

Strehl war Freimaurer und trat nicht in die NSDAP ein. Noch nicht aufgearbeitet ist nach Darstellung von Form die Frage, wieso Strehl im Jahr 1935 kurz vor dem Rausschmiss gestanden sei. Damals habe es ein Schreiben aus dem Reichsministerium für Bildung in Berlin gegeben, wonach die Blindenstudienanstalt nicht nach den Vorgaben des NS-Regimes gearbeitet habe. Diesem Druck habe Strehl dann jedoch standgehalten.

Widerstand und Zugeständnisse

Im Verwaltungsbericht des Jahres 1935 habe der Blista-Vorstand klargestellt, dass Forderungen nach einer Vernachlässigung der Weiterbildung von Blinden nicht akzeptabel seien, erläutert Form. Probleme wegen möglicher Erbkrankheiten seien bei der Klientel der Blindenstudienanstalt auch nur in Ausnahmefällen zu erwarten.

Zudem habe er darauf hingewiesen, dass es bei der Beurteilung von Blinden oft zu falschen Einschätzungen komme. Jedoch habe Strehl auch gewisse Zugeständnisse gemacht. So habe er für die Umsetzung der „sozialhygienischen Vorgaben“ des NS-Regimes plädiert.

Strehl agierte allerdings auch nicht im luftleeren Raum. Denn als Ersatz für den Marburger Oberbürgermeister Johannes Müller kam im Jahr 1933 ein Nationalsozialist in den Vorstand der Blindenstudienanstalt: der Marburger Professor Wilhelm Pfannenstiel. Das Spezialgebiet des Mediziners war die „Rassen- und Fortpflanzungshygiene“. Ab 1940 war er auch in der Inspektion von Konzentrationslagern eingesetzt.

Nach 1945 musste sich auch Carl Strehl den Entnazifizierungsverfahren der amerikanischen Besatzungsmacht stellen. Er wurde als nicht belastet eingestuft und durfte dementsprechend auch als Blista-Direktor weiterarbeiten.

von Manfred Hitzeroth

 
Zur Person

Dr. Wolfgang Form (57) studierte von 1981 bis 1986 Politikwissenschaft, Soziologie, Geschichte und Öffentliches Recht an der Philipps-Universität. Von 1987 bis 1997 war er wissenschaftlicher Angestellter bei der Stadt Stadtallendorf, der Uni Mainz und dem Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden.

Seit Oktober 1997 ist er Projektmitarbeiter am Fachbereich Rechtswissenschaften bei mehreren Drittmittelprojekten zur NS-Justiz in Deutschland und Österreich. Zudem ist er Mitgründer und Koordinator des Forschungs- und Dokumentationzentrums für Kriegsverbrecherprozesse an der Uni Marburg.

Form war Kurator der Wanderausstellung „Verstrickung der Justiz in das NS-System“. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem der deutsche Faschismus und die Entwicklung des Völkerstrafrechts.

 
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