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Forscher identifizieren alte Königsstadt

„Sternstunde der Altertumsforschung" Forscher identifizieren alte Königsstadt

Eine 3 500 Jahre alte­ Königsstadt der Hethiter wurde von den Marburger Wissenschaftlern Professorin Elisabeth Rieken und Professor Andreas Müller-Karpe jetzt mithilfe von Keilschrift-Funden identifiziert.

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An der Ausgrabungsstätte in der Türkei werden die einzelnen Abschnitte genau vermessen und kartiert.

Quelle: Andreas Müller-Karpe

Marburg. Bei Ausgrabungen des Vorgeschichtlichen Seminars der Philipps-Universität Marburg in Kayalıpınar (Türkei) sind Keilschrifttafeln entdeckt worden, die erstmalig den hethitischen Namen des Ortes nennen: Samuha (siehe unten)
Zu diesem Ergebnis kam die Marburger Professorin Elisabeth Rieken vom Fachgebiet Vergleichende Sprachwissenschaft und Keltologie bei ihrer vor einigen Wochen  abgeschlossenen Bearbeitung der neuen Textfunde. Samuha war als bedeutende Metropole bereits seit Längerem aus Schriftquellen anderer Fundorte bekannt. Wo diese Stadt jedoch lag, blieb in der Forschung heftig umstritten.

Die jüngsten Ausgrabungen brachten nun den Durchbruch: Der Ort befand sich am Nordufer des längsten Flusses Anatoliens, des Kızılırmak (hethitisch Marassantija) in der ostkappadokischen Provinz Sivas.

Die Marburger Professorin für Vergleichende Sprachwissenschaften Elisabeth Rieken

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„Es ist völlig unzweifelhaft: Auf der Tafel werden Kult-Lieferungen der Stadt Samuha erwähnt. Es geht dabei um Lieferungen für Tempel-Feste, dabei wird viermal Samuha genannt“, berichtet die Philologin, die eine Spezialistin für hethitische Keilschrift ist. Auf der Tafel sei beispielsweise zu lesen gewesen, dass der Distriktvorsteher von Samuha  24 Schafe zu geben pflege. Zudem werde der Name eines Großkönigs der Hethiter aus dem 13. vorchristlichen Jahrhundert mit dem Namen Muwatalli genannt.

Sternstunde der Altertumsforschung

„Das ist eine der Sternstunden der Altertumsforschung. Schließlich geht es nicht um eine unbedeutende Ortschaft, sondern um ein früheres Zentrum mit einer historischen Bedeutung“, freut sich der Marburger Vor- und Frühgeschichtler Professor Andreas Müller-Karpe, der jetzt eine schon 2000 in einem Aufsatz von ihm geäußerte These bestätigt sieht.

Der Marburger Vor- und Frühgeschichtler war im Jahr 1999 auf den jetzigen Fundort per Zufall gestoßen, als er im Rahmen von Ausgrabungen bei der türkischen Stadt Sarissa, wo er ebenfalls eine Stadtruine der Hethiter ausgegraben hatte, einen Ausflug unternahm.

Kieler Experten bestätigen Marburger Entdeckung

Professor für Vor- und Frühgeschichte Andreas Müller-Karpe, Foto: Eckstein/Uni-Pressestelle

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Dabei entdeckte er auf einem Hügel bei der Kleinstadt Kayalıpınar an der Oberfläche ein erstes Tontafel-Fragment mit einem Teil einer schriftlichen Festbeschreibung. Für den Frühgeschichtler war dies bereits ein Indiz dafür, dass sich unter der Erdoberfläche auch Überreste einer ehemaligen Stadt befinden könnten.

Die Annahme des Marburger Forschers wurde durch großflächige geophysikalische Untersuchungen von Experten der Universität Kiel bestätigt. Die von Müller-Karpe beantragten Ausgrabungs-Genehmigungen wurden durch die Antikenbehörde in Ankara erteilt.

Ab dem Jahr 2005 fanden in Kayalıpınar regelmäßig mehrere Ausgrabungs-Kampagnen unter Leitung von Andreas Müller-Karpe und seiner Frau Dr. Vuslat Müller-Karpe statt, teilweise in Kooperation mit einheimischen Forschern. Dabei wurden insgesamt 25 Keilschrifttafeln gefunden, die Rieken auch jedesmal entzifferte.  Weitere Funde waren ein Göttinnen-Relief aus Stein sowie Scherben von Keramikgefäßen.

Schon nach dem ersten Tafelfund hatte Müller-Karpe in einem Aufsatz die These formuliert, dass  die aufgefundene Stadtruine mit der ehemaligen hethitischen Stadt Samuha identisch sein müsse. Dafür führte der Forscher den topographischen Bezug zu der Stadt Sarissa und die in hethitischen Keilschrifttexten erwähnte Lage Samuhas an einem schiffbaren Strom an.

von Manfred Hitzeroth

Was ist Samuha?

Die älteste Erwähnung Samuhas datiert in das 19. Jahrhundert v. Chr.  Altassyrische Tontafeln aus Kültepe bei Kayseri belegen, dass schon in dieser Zeit ein Palast in der Stadt existierte und somit ein Herrscher hier residierte. Händler aus dem 750 Kilometer entfernten Assur (Irak) unterhielten hier einen Stützpunkt. Noch wichtiger wurde die Stadt in der Epoche des Hethiterreiches, insbesondere im 14. Jahrhundert v. Chr., als der Regierungssitz zeitweilig nach Samuha verlegt wurde. Großkönig Tuthalija III. richtete hier seine Residenz ein und blieb dort bis zu seinem Lebensende.

Sein Sohn und Nachfolger Suppiluliuma I. führte von Samuha aus zahlreiche Feldzüge, eroberte das hethitische Kernland und die Hauptstadt Hattusa zurück. Später erweiterte er sein Herrschaftsgebiet zu einem Großreich, das mit Ägypten um die Vormachtstellung im Alten Orient konkurrierte. Im 13. Jahrhundert v. Chr. wurde Samuha Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen innerhalb des Königshauses. Hattusili III.  entmachtete Thronfolger Mursili III. und übernahm selbst die Herrschaft zusammen mit seiner Frau Puduhepa. Um 1 200 v. Chr. wurde die Stadt jedoch endgültig zerstört und geriet wie das gesamte Hethiterreich in Vergessenheit.

Seit 2005 graben Mrburger Vor- und Frühgeschichtler in der Türkei

Die Ausgrabungsarbeiten an der archäologischen Stätte in der Türkei werden in Kooperation mit der Deutschen Orientgesellschaft durchgeführt und seitens der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie der Fritz-Thyssen-Stiftung finanziert. Sie finden auf einem 20 Hektar großen Areal statt, wobei jeweils rund 30 Ausgrabungshelfer mit dabei sind. Pro Kampagne werden rund 100 000 Euro benötigt. Seit 2005 haben Marburger Vor- und Frühgeschichtler unter Leitung von Professor Andreas Müller-Karpe dort regelmäßig immer im Sommer für jeweils rund zwei Monate mehrere Grabungskampagnen unternommen.

Die Kooperation der Vor- und Frühgeschichtler mit der Hethitologin Professorin Elisabeth Rieken vom Fachgebiet Vergleichende Sprachwissenschaften und Keltologie besteht seit einigen Jahren. An der Philipps-Universität bietet das „Marburger Centrum Antike Welt“ die Plattform für interdisziplinäre Forschungen, die nun durch den Erfolg der Identifizierung der Ausgrabungsstätte mit der historisch bedeutenden Stadt Samuha gekrönt wurde.

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