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Fischsoßen-Fabrik aus dem alten Rom

Archäologische Grabung an der Algarve Fischsoßen-Fabrik aus dem alten Rom

Archäologen der Uni ­Marburg haben gemeinsam mit Kollegen aus Portugal die Überreste einer Lebensmittelfbrik aus der ­Zeit zwischen dem 1. und 5. Jahrhundert  nach Christus entdeckt.

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Marburger Archäologiestudenten legen ein vier Mal vier Meter großes Produktionsbecken für Fischsoßen in Boca do Rio frei.

Quelle: Felix Teichner

Marburg. Bereits fünf ehemalige Tanks, in denen in früheren Jahrhunderten die Fischsoße Garum für den Export im großen Maßstab hergestellt wurden, haben Marburger Archäologen des Vorgeschichtlichen Seminars der Uni Marburg in der portugiesischen Bucht bei Budens ausgegraben. Geoarchäologische Voruntersuchungen der Marburger Forscher deuten darauf hin, dass mehr als 30 Becken zu der Anlage gehörten. Damit sei diese auf einem Areal von rund vier Hektar in der Antike eine der bedeutenderen Anlagen im Mittelmeerraum gewesen, erläutert Professor Felix Teichner, der von Marburger Seite aus das Forschungsvorhaben betreut, im Gespräch mit der OP.

Das Forschungsprojekt der Wissenschaftler aus Marburg und von der Universität Faro in Portugal ist Bestandteil eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Vorhabens. In enger Zusammenarbeit mit Geowissenschaftlern aus Aachen und Köln wird die Funktionsweise der römischen Hafen-Netzwerke untersucht. Übergreifendes Thema ist, wie die unterschiedlichen Bausteine eines das gesamte römische Weltreich umspannenden Wirtschafts-Netzwerks ineinandergriffen. Dabei ging es vor allem um die Versorgung der römischen Soldaten in den Garnisonen im Norden Europas mit gesunder Mittelmeerkost.

Zu diesem Zweck gab es an strategischen Orten an den Mittelmeerküsten Standorte für die Produktion von Fischkonserven und von für lange Transportwege haltbar gemachten Fischsoßen. Es gab Spezialisten für den Fischfang, die Haltbarmachung der Fische und Herstellung der Soßen sowie die Anfertigung von Ton-Amphoren, mit denen die Produkte transportiert wurden, erläutert Teichner.  Aber auch Salinen, die das unerlässliche Salz zum Pökeln der Fische lieferten, wurden benötigt. Es habe einen Boom der Soßen- und Pökelfisch-Industrie gegeben, erklärt der Marburger Forscher. Diese Industrie sei damals sehr wichtig gewesen und habe große Gewinnspannen versprochen. Die Produkte seien bis zu den römischen Außenposten in Germanien wie beispielsweise auch auf die Saalburg im heutigen Hessen geliefert worden.

Die Produkte aus Boca do Rio wurden wohl zunächst zum Seehafen im heutigen spanischen Cadiz weitertransportiert und von dort an viele Stellen des römischen Reichs verschifft.

Zerstörerischer Tsunami

Am  Beispiel der an der Meeresküste mit Flussdelta gelegenen Fischsoßen-Fabrik gehen die Wissenschaftler nun der Frage auf die Spur, wieso es im 3. Jahrhundert nach Christus einen Einbruch bei der Garum-Produk­tion gegeben habe, der mit einer neuen Struktur der Werkstätten verbunden gewesen sein könnte. Es gibt erste Hinweise darauf, dass um diese Zeit oberhalb der Ruinen einer ersten Fabrik eine neuere Fabrik errichtet wurde. Die derzeitige Theorie lautet, dass die Ursache ­dafür nicht menschengemacht war, sondern dass ein Naturdesaster dafür verantwortlich war.

Möglich ist nämlich, dass ein größeres Seebeben (Tsunami) oder zumindest eine sehr große Flutwelle die erste Fabrik zerstörte.

Eindeutig ist jedenfalls, dass zu den Überresten dieser zweiten, jüngeren Phase kleinere Amphoren und wohl auch kleinere Becken für die Zubereitung der Fischsoßen gehören. Und ebenso gesichert ist, dass das Ende für die globalisierte römische Wirtschaft um die Mitte des fünften Jahrhunderts mit dem Zusammenbruch des römischen Weltreichs gekommen war. An der Flussmündung von Boca do Rio sind bis heute noch die Reste einer Uferbefestigung aus festen Steinen zu sehen. Sie bildeten wohl in antiker Zeit die Einfahrt in einen heute versumpften und verlandeten Hafen. Das gesamte Küstengebiet wurde durch das große Erdbeben von 1755 (das heißt einen Tsunami) vollständig verändert. Dieses Meeresbeben war seinerseits auch dafür verantwortlich, dass die Ruinen der Fischfabrik jahrhundertelang nicht mehr sichtbar waren.

Die archäologischen Forschungen in Boca do Rio seien Ende des 19. Jahrhunderts von dem portugiesischen Bergbauingenieur Estácio da Veiga aus Tavira begonnen worden, erklärt Professor Teichner. Dieser habe die kunstvoll verzierten Mosaikböden einer Villa am Meeresrand entdeckt und ausgegraben.

In den 1970er- und 1980er-Jahren habe dann der damalige ­Direktor des Nationalmuseums Lissabon die Forschungen wiederaufgenommen und gefragt, woher die Grundlage für den dahinterstehenden Wohlstand gekommen sei. Damals seien bereits zwei der kleineren Tanks für die Fischsoßen-Produktion ausgegraben worden.

An diese­ archäologischen Vorarbeiten knüpft jetzt die aktuelle Forschung an (siehe Artikel unten).

von Manfred Hitzeroth

Geoarchäologie liefert Hinweise auf Grabungen

Moderne Methoden der Geoarchäologie liefern die Basis für die aktuelle Grabungskampagne an der Algarve.

Aufgrund der Vorarbeiten war klar, dass auf dem Areal an der Algarve in Boca do Rio die Überreste einer ehemaligen Fischsoßen-Fabrik zu finden waren. Denn zwei Ende des vergangenen Jahrhunderts ausgrabene kleinere Tanks mit einem Umfang wiesen von der Bauart große Ähnlichkeiten mit vergleichbaren Anlagen an anderen Standorten im Mittelmeerraum auf, die bereits von Archäologen erschlossen worden sind. So sind beispielsweise in der spanischen Stadt Almunecar die Ruinen einer Fischkonserven-Fabrik aus der römischen Antike ausgegraben worden und komplett zugänglich gemacht worden.

So wussten die Archäologen der Universitäten Marburg und Faro (Portugal) bereits, wonach sie suchen mussten. Um nun die genaue Lage zu orten, kommen moderne Methoden der Geoarchäologie ins Spiel, für die  Professor Felix Teichner und sein Team vom Vorgeschichtlichen Seminar der Uni Marburg die Expertise und die nötigen Gerätschaften haben. ­Dabei kommt eine Kombination von Methoden der Geomagnetik und der Geoelektrik zur Anwendung. Vereinfacht gesagt wird dabei der Boden durchleuchtet, ohne ihn zu zerstören – ­also auch zunächst ohne Grabungen.

Bei den geoelektrischen Methoden wird eine geringe Stromdosis ins Erdreich eingespeist. Die Messung des elektrischen Widerstands liefert dann Hinweise auf besonders auffällige Strukturen im Boden wie Gräben, Lehm, Sandschichten, Feuerstellen oder Mauerwerk. Die Geomagnetik wiederum macht sich die Tatsache zunutze, dass die unterschiedlichen Bodenbestandteile über unterschiedliche Grade von Feuchtigkeit und  magnetischer Ladung verfügen. Zur Hilfe bei der Kartierung des zu erkundenden Geländes wurden wegen des nicht besonders detaillierten Kartenmaterials  von den Wissenschaftlern aus Marburg Drohnen-Fotos aus der Luft angefertigt. Nach den Voruntersuchungen erfolgten die ersten Grabungen. Es gab im Frühjahr eine fünfwöchige Phase, und im Sommer schloss sich eine soeben beendete sechswöchige Grabungskampagne an. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter vor Ort betreute Florian Hermann von der Universität Marburg die Grabungen, an denen 16 Studierende des Vor- und Frühgeschichtlichen Instituts aus Marburg sowie fünf portugiesische und zwei brasilianische Studierende teilnahmen. Projektleiter waren Professor Teichner (Marburg) und Professor Joao Pedro Bernardes (Universität der Algarve). Die Fortsetzung der Grabungen ist dank der DFG-Finanzierung zunächst für die beiden kommenden zwei Jahre gesichert. Ein Ziel könnte es dabei auch sein, die Reste des ehemaligen Hafens ans Tageslicht zu bringen.

 
Hintergrund
Am Hang seitlich der Flussmündung am Strand von Boca do Rio stießen die Archäologen aus Marburg und Portugal auf fünf gemauerte Tanks. Sie sind mit einem in der ­römischen Antike gebräuchlichen wasserundurchlässigen Estrich ausgekleidet. In diesen Tanks fanden sich zudem Fischknochen, die über die Jahrhunderte konserviert wurden. Das war möglich, weil die zurückfließenden Wassermassen des Tsunamis aus dem Jahr 1755 die auch durch das Seebeben zerstörten Gebäude mit viel Sand zugeschüttet haben. Zoologen der Uni Brüssel sollen analysieren, von welchen Fischarten die Knochen stammen. Nach Ansicht der Archäologen ist eindeutig, dass in den Tanks die Fischsoße ­Garum produziert wurde. Dafür wurden frisch gefangene Fische aus dem Atlantik sowie Salz verwendet. Mehrere Laken Fisch und Salz wurden aufeinandergelegt und unter der heißen Sonne mehrere Wochen fermentiert. Die entstandene Flüssigkeit, das Garum, wurde bei der Römern als Gewürz für salzige und ­süße Speisen benötigt.
 
Zur Person
Professor Felix Teichner (51) wurde in Herborn geboren und wuchs in Wetzlar auf. Von 1985 bis 1990 studierte er an der Uni Frankfurt Archäologie. Es schlossen sich drei Jahre der Mitarbeit im Deutschen Archäologischen Institut in Lissabon an. Dann war Teichner ein Jahr Reisestipendiat des Instituts, was ihm Forschungsreisen durch die meisten Länder der Mittelmeer-Region ermöglichte. Nach Zwischenstationen an den Universitäten Jena, Frankfurt, Innsbruck und Heidelberg sowie einer Tätigkeit für das Auswärtige Amt in Mazedonien und auf dem Kosovo ist Teichner seit 2013 Akademischer Rat im Vorgeschichtlichen Seminar der Uni Marburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Archäologie in den Gebieten des römischen Reiches sowie die Geoarchäologie. Zu seinen Veröffentlichungen zählt das Buch „Zwischen Land und Meer“: In dieser mit dem Heisenberg-Stipendium der DFG ausgezeichneten Habilitationsschrift geht es um die Rolle der Landwirtschaft in Portugal (damals Lusitanien) zur Zeit des Römischen Reiches.
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