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"Es ist noch nicht alles von allen gesagt"

Forschung Marburg "Es ist noch nicht alles von allen gesagt"

Um die Mediengeschichte des Interviews ging es im OP-Gespräch mit dem ­Medienwissenschaftler Professor Jens Ruchatz.

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Medienwissenschaftler Professor Jens Ruchatz.

Quelle: Manfred Hitzeroth

Marburg. In seiner Habilita­tionsarbeit hat sich der Medienwissenschaftler Professor Jens Ruchatz mit dem Thema Interview befasst. Was lag also näher, als den Marburger Forscher in einem Interview zu seinen Kernthesen zu befragen? OP-Redakteur Manfred Hitzeroth traf den Medienwissenschaftler dazu in seinem Büro  in der Philosophischen Fakultät.

Oberhessische Presse: Können Sie sich noch an das erste Interview erinnern, das Sie bewusst gelesen haben?

Jens Ruchatz: Ich kann mich daran erinnern, wie meine Faszination für Interviews entstand. Es war, als ich als Jugendlicher den Film „Pauline am Strand“ gesehen hatte und mehr über ihn herausfinden wollte. Das einzige Buch, das ich über den Regisseur finden konnte, enthielt vor allem Interviews. Mein erstes Interesse war also vor allem, etwas über eine Person und ihr Werk zu erfahren. Ansonsten kann ich mich nicht an mein „erstes Interview“ wie an die klassische „erste Schallplatte“ erinnern. Im weiteren waren für mich Interviews auch bei allen Themen rund um Popmusik und Populärkultur wichtig.

OP: Welches war das beste Interview und welches am  schlechtesten?

Ruchatz : Ein  richtig schlechtes Interview fällt mir jetzt nicht ein, dazu gibt es zu viele. Aber was ich besonders faszinierend fand, war ein Fernsehinterview mit Andy Warhol aus den 60er Jahren, das ich auf Youtube entdeckt habe. Warhol lässt Fragen des Interviewers mit Antworten wie „Ja“ oder „Nein“ einfach ins Leere laufen, ohne groß zu überlegen. Dabei scheint er sehr viel Spaß zu haben.  Interessiert hat mich das Ganze weniger vom  Inhalt her als wegen der spannenden, frechen Form, wegen der man darüber nachdenken kann, warum man von diesem Interview irritiert ist.

OP: Was interessiert Sie ansonsten besonders am Interview als journalistischem Genre?

Ruchatz: Persönlich geht es mir dabei darum, dass ich mein Interesse an einer bestimmten Person vertiefen kann. Beispielsweise erfahre ich darin mehr über einen Regisseur und seine Arbeitsweise. Aus medienwissenschaftlicher Sicht finde ich daran spannend, was mit einer Gattung  passiert, wenn sie die Medien wechselt. So gab es das Interview zunächst als gedrucktes Interview in Zeitungen und Zeitschriften, danach aber auch als Interview im Hörfunk und Fernsehen und im Dokumentarfilm.

OP: Haben Sie selber schon Interviews geführt oder gegeben?

Ruchatz: Als Interviewer war ich noch nicht selbst aktiv. Allerdings habe ich in meiner Funktion als Medienwissenschaftler schon rund zehn Interviews gegeben. Da ging es zum Beispiel um das Thema „Handtaschenträger von Stars“ oder um die Folge Nummer 1 500 der Fernsehserie „Lindenstraße“. Als Wissenschaftler bin ich der typische Fall für ein Experten-Interview. Durch diese Interviews habe ich auch selber die Mechanismen, wie die Gespräche für die gedruckte Version aufbereitet werden, besser kennengelernt.

OP: Was ist interessanter: Ein Print-Interview oder ein TV-Interview?

Ruchatz:   Der Reiz von „Print-Interviews“, die in Zeitungen oder Zeitschriften erscheinen, liegt daran, dass sie etwas Vertiefendes haben können. Wenn ein solches Interview gut geführt und gut geschrieben   ist, scheint es mehr Dimensionen zu erschließen als ein TV-Interview.  Prinzipiell muss man aber sagen, dass in einem Print-Interview der Stil des Interviewers, der das Interview ja in einen schriftlichen Text verwandelt, sehr stark mit drin steckt. Der Reiz bei einem Fernseh-Interview ist dagegen, dass man den Personen scheinbar unvermittelt beim Reden zuschauen und zuhören kann. So kommt die interviewte Person – wie sie sich ausdrückt und gibt – eventuell mehr zur Geltung.

OP: Um das Jahr 1830 lag Ihrer Darstellung nach die Geburtsstunde des Interviews. Ist nach mehr als 150 Jahren jetzt nicht alles gesagt?

Ruchatz: Nein, denn es gibt schließlich immer wieder neue Individuen, die interviewt werden. Das Interview ist erst dann am Ende, wenn Individualität keine Rolle mehr spielt oder wenn keiner mehr Interviews glaubt. Anders gesagt: Es ist noch nicht alles von allen gesagt. Allerdings stimmt es schon, dass es heute nicht mehr so leicht ist, in Interviews authentisch zu wirken.

OP: Wie hat sich das Genre im Laufe der Zeit weiterentwickelt?

Ruchatz: Zunächst einmal muss man sagen, dass sich ein Punkt nicht verändert hat: Es geht um das Versprechen der Gattung, im Gespräch hinter die Fassade einer Person zu blicken. In welcher Form dieses Versprechen eingelöst werden soll, das verändert sich allerdings mit jedem neuen Medium. Beim Print-Interview ging es zunächst um die technische Frage, ob man die Interviews aus dem Gedächtnis aufschreibt oder während des Gesprächs mitschreibt oder es dann mit einem Gerät aufzeichnet. Als Interviews dann im Hörfunk gesendet wurden, war der Gewinn der Stimme das Neue. Letztlich hat man dann bei Fernseh-Interviews, bei denen man auch die Interviewten während des ganzen Gesprächs gesehen hat, gemeint, dass man in Interviews nicht länger lügen könne. Doch auch das hat sich wohl als Illusion herausgestellt.In welche Richtung das Internet das Genre bringt, muss man abwarten. Speziell neue Formen haben sich dort bisher nur in den Chats entwickelt, wo die Leser selbst zu Interviewern werden. In Sachen Interaktivität ist das zwar neu, doch meistens sind die Texte eher unergiebig und es werden eben keine neuen, sondern die typischen Fragen gestellt. Professionell gemachte Interviews in Zeitungen und Zeitschriften sind daher inhaltlich oft interessanter als solche „Chat“-Interviews“.

OP: Was bringen Gespräche mit Stars außer dem reinen Unterhaltungswert?

Ruchatz: Sie befriedigen auch immer noch die Neugier darauf, wie sich Individuen darstellen. Wie zeigt man, dass man besonders ist? Wie reden Menschen über sich, die mit ihren Ideen und Leistungen besonders erfolgreich sind? Man ist gespannt darauf, ob die Stars privat auch so sind, wie sie sich öffentlich  darstellen. Sich als Individuum glaubhaft darzustellen, ist ja etwas, das jeden – eben auch Leser und Zuschauer von Interviews – betrifft

OP: Welcher dieser drei Interview-Partner ist am interessantesten: Papst Franziskus, Fußballstar Thomas Müller oder Bundeskanzlerin Angela Merkel?

Ruchatz: Bei Thomas Müller ist es eigentlich am wenigsten interessant, weil bei ihm seine „Echtheit“ vor allem in seinem Sport, also in diesem Fall auf dem Fußballplatz, zu sehen ist. Natürlich ist er auch ein guter Interviewpartner. Er produziert guten Text, aber bei ihm gibt es über seine Person in einem Interview nicht mehr so viel zu entdecken. Ganz anders ist das bei Papst Franziskus: Kann man  beim Oberhaupt der katholischen Kirche als  „Stellvertreter Gottes“ auf Erden wirklich herausbekommen, wie er wirklich ist? Er ist eine spannungsreiche Figur alleine wegen seiner Position. Und zudem ist es wohl sein Prinzip, seine menschliche Seite besonders herauszustreichen. Da ist die Frage: Wo wären im Interview seine Grenzen?  Bei Angela Merkel scheint es so zu sein, dass sie mit der von ihr aufgebauten Fassade verschmilzt. Je höher diese Fassade wird, desto größer könnte allerdings auch das Rätsel dahinter sein. Jedoch glaube ich nicht, dass es bei Merkel noch ein Dahinter gibt.

OP: Gilt auch bei Interviews der Spruch, dass es keine dummen Fragen gibt?
Ruchatz: Es gibt sicher in Interviews unproduktive Fragen. Das sind die Fragen, auf die man die Antworten eigentlich schon weiß und die sich jederzeit anderswo abfragen lassen. Was überall steht, muss man nicht fragen. Dann gibt es die Klischeefragen, wenn man beispielsweise einen Sportler fragt, wie er sich fühlt. Es kann allerdings in Ausnahmefällen auf eine dieser eher dummen Fragen auch einmal eine gute Antwort kommen. Das gilt dann aber eher für Live-Interviews im Fernsehen, weil die dann im Nachhinein nicht mehr verändert werden.

OP: Woran liegt es, dass das Interview-Magazin „Galore“, in dem nur Interviews abgedruckt wurden, sich am Markt nicht durchgesetzt hat?

Ruchatz: Zwar waren in „Galore“ schon interessante und auch gute Interviews zu lesen. Der Misserfolg lag wahrscheinlich daran, dass es Interviews auch sonst überall zu lesen gibt und gab.  Außerdem interessieren Interviews meist, weil man eine bestimmte Person interessant findet und nicht einfach, weil man Interviews lesen will. Also war es aus meiner Sicht kein Signal dafür, dass die Gattung insgesamt in der Krise ist. So gibt es jetzt neuerdings das aus den USA stammende, von Andy Warhol gegründete   „Interview“-Magazin auf Deutsch. Der Ansatz ist da aber ein anderer. Dort stehen im Mittelpunkt Stars, die in einer Art Plauderton andere Stars interviewen. Die Leser sollen den Eindruck haben, sie „belauschen“ gewissermaßen, wie Stars mit einander reden.

von Manfred Hitzeroth

Zur Person
Professor Jens Ruchatz (45) wurde in Schopfheim (Südbaden) geboren.Von 1990 bis 1996 studierte er Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Kunstgeschichte und Soziologie an der Universität Köln und an der Sorbonne in Paris. Nach Stationen als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Gesamthochschulen Essen und Siegen promovierte er 2002 mit einer Arbeit über die Geschichte der Diaprojektion an der Uni Köln, bevor er von 2004 bis 2012 Assistent und Wissenschaftlicher Rat am Institut für Theater- und Medienwissenschaften der Uni Erlangen-Nürnberg war. Seit 2012 ist er Professor für Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt „Audiovisuelle Transformationsprozesse an der Uni Marburg. Forschungsgebiete sind unter anderem die Diskursgeschichte der Medien, die Starforschung sowie „Medien und Gedächtnis“.
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