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Eine unbequeme Entscheidung

PSA-Test Eine unbequeme Entscheidung

Kaum ein medizinischer Test ist so umstritten, wie der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs bei Männern. Marburger Forscher entwickeln und testen derzeit eine Software, die Ärzten und Patienten bei einer Entscheidung helfen soll.

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Wegfall aller Grenzen bleibt Utopie

PSA-Screening, v.l. Kathrin Schlößler, Prof. Dr. med. Norbert Donner-Banzhoff, Katrin Kuss und Dr. med. Charles Christian Adarkwah. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter
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Marburg. Die Krankenkasse zahlt ihn nicht, der Arzt empfiehlt ihn aber. Der Kollege hat ihn gemacht und hatte einen erhöhten Wert. Nach erster Angst und anstrengenden Untersuchungen: am Ende doch kein Befund. Jetzt sagt die eigene Ehefrau: „Wir gehen auf Nummer sicher. Du gehst jetzt in die Praxis und machst ihn!“

„Ihn“, das ist in all diesen Beispielen der PSA-Bluttest, eine Maßnahme zur Früherkennung von Prostatakrebs. Die Entscheidung für oder gegen einen PSA-Test ist nicht einfach. Auf der einen Waagschale liegen die Vorteile: vor allem eine kleine Chance, einen Tod durch Prostatakrebs zu verhindern. Auf der anderen die Nachteile: insbesondere das Risiko, eine Diagnose zu erhalten, die unnötige Untersuchungen und Behandlungen sowie deren Nebenwirkungen zur Folge haben kann.

„Unsicherheit bleibt“

„Eine Unsicherheit bleibt in jedem Fall“, sagt der Wissenschaftler und Hausarzt Norbert Donner-Banzhoff. Die Aufgabe eines Arztes sei, den Patienten individuell und unabhängig von eigenen Emotionen oder Erfahrungen zu beraten. „Ein Urologe könnte zum Beispiel Erfahrungen mit einem Krebspatienten gemacht haben, der qualvoll gestorben ist und keinen PSA-Test gemacht hat“, sagt Donner-Banzhoff.

Ein anderer könnte aber wiederum einen Patienten erlebt haben, der sich nach einem erhöhten PSA-Test einen Tumor entfernen ließ, der eigentlich nicht lebensbedrohlich war und jetzt unter starken Komplikationen leidet. „Wir sind alle sehr emotionale Wesen“, sagt der Professor für Allgemeinmedizin. Das Entscheidende bei der Beratung sei aber, die Fakten und Unsicherheiten, die Chancen und Risiken klar darzustellen - allerdings ohne die Männer in eine bestimmte Richtung zu drängen.

Individuelle Entscheidung

Damit jeder Mann zu einer individuellen Entscheidung kommt, die „das persönliche Risiko und die jeweilige Persönlichkeit mit berücksichtigt“, so der Mediziner. Allgemeinmediziner der Philipps-Universität haben hierfür eine computergestützte Entscheidungshilfe zum Einsatz während der Beratung entwickelt, die im Laufe dieses Jahres in hausärztlichen Praxen der Region Marburg erprobt wurde.

In diesem von der Deutschen Krebshilfe geförderten Projekt wurden zunächst 32 Männer durch ihre Ärzte (Urologen und Allgemeinmediziner) mit der Entscheidungshilfe beraten. Im Anschluss wurden beide Seiten zu ihren Erfahrungen befragt. So konnte die Entscheidungshilfe konkret an die Bedürfnisse der Anwender angepasst werden - das Thema ist nämlich sehr komplex.

Ziel der Beratung ist es, dass Männer in der Altersgruppe von 55 bis 69 Jahren eine fundierte Entscheidung treffen können, ob sie den Test durchführen lassen oder nicht. „Nach der zweiten Studienphase mit 170 Patienten sind wir ermutigt, dass das PC-Programm seinen Zweck erfüllt“, sagt die Statistikexpertin Kathrin Kuss, die zur Forschergruppe gehört.

Die Software läuft technisch einwandfrei und per standardisiertem Fragebogen konnten die Forscher feststellen, dass der Wissenstransfer zum Patienten gelingt und die Entscheidungskonflikte abnehmen. „Für eine abschließende Bewertung ist es zu früh“, sagt die Wissenschaftlerin und Ärztin Kathrin Schlößler, auf deren Initiative die Studie zurückzuführen ist.

Repräsentative Ergebnisse erwartet man sich von der nächsten Projektphase der kooperierenden Uni in Münster, die Anfang 2015 startet wird und an der 3000 Patienten beteiligt sein sollen. Dem Mediziner Charles Adarkwah ist es wichtig zu betonen, dass die Forscher die Patienten mit der Beratungssoftware nicht in die eine oder andere Richtung drängen wollen: „Es gibt in diesem Fall keine ‚richtige‘ oder ‚falsche‘ Entscheidung, sondern nur eine ‚eigene‘“.

von Tim Gabel

Zur Person
Professor Dr. med. Norbert Donner-Banzhoff ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin an der Philipps-Universität in Marburg. Er hat als Gastprofessor an Universitäten in Toronto (Kanada) und Warwick (Großbritannien) gearbeitet. Donner-Banzhoff sitzt im Vorstand des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierter Medizin (EbM).
Diese Gesellschaft fördert den bewussten, ausdrücklichen und abwägenden Gebrauch der jeweils besten empirischen Evidenz (Studien- und Forschungslage) für Entscheidungen in der Versorgung einzelner Kranker, von Gruppen von Kranken und ganzen Bevölkerungen. Gleichzeitig ist er in einer Marburger Gemeinschaftspraxis noch immer als Hausarzt und Allgemeinmediziner tätig und hat so den Kontakt zur Praxis nie verloren.
Die von ihm entwickelte Computersoftware „arriba“ berechnet die Risiken eines Herzinfarkts oder die positive Wirkung einer Ernährungsumstellung auf Herz-Kreislaufprobleme. Sie hilft Ärzten und Patienten dabei, individuelle Risiken einzuschätzen und gemeinsam angemessene Behandlungsstrategien zu entwickeln. Dafür wurde die Software unter anderem 2009 mit dem Berliner Gesundheitspreis ausgezeichnet.
Hintergrund
  • Das „Prostata-spezifische Antigen“ (PSA) ist ein Eiweiß, das in der Prostata gebildet und in die Samenflüssigkeit abgegeben wird. Es dient dazu, die Samenflüssigkeit zu verdünnen, damit sich die Spermien besser bewegen können.
  • Da die Prostata sehr gut durchblutet ist, gelangen bei jedem Mann ständig kleine Mengen PSA ins Blut. Wenn sich die Prostata verändert oder gereizt wird, kann etwas mehr PSA ins Blut gelangen. Ein erhöhter PSA-Wert kann auf Prostatakrebs  hindeuten, aber auch viele andere Ursachen haben: zum Beispiel eine Entzündung oder eine gutartige Vergrößerung der Prostata.
  • Weil ein erhöhter PSA-Wert viele Ursachen haben kann, ist ein auffälliges Testergebnis noch keine Krebsdiagnose. Um festzustellen, ob ein Tumor der Grund für den erhöhten Wert ist, sind weitere Untersuchungen nötig. Die wichtigste Untersuchung ist eine Gewebeentnahme (Biopsie) aus der Prostata. Entzündungen und andere Nebenwirkungen lassen sich nicht immer vermeiden.Auf der anderen Seite ist ein unauffälliger PSA-Test keine Garantie dafür, dass ein Mann keinen Krebs hat: In seltenen Fällen kann der PSA-Wert trotz Prostatakrebs im normalen Bereich liegen.
  • Das Ergebnis einer groß angelegten europäischen Studie mit weit über 150 000 Patienten aus acht Ländern und einer Kontrollgruppe, der kein PSA-Test angeboten wurde, macht deutlich, warum der Test zur Früherkennung umstritten ist: Im Laufe der dreizehn Jahre haben die meisten Männer, denen ein PSA-Test angeboten wurde, durchschnittlich zwei Mal den Test machen lassen. Wenn 1 000 Männern im Alter zwischen 55 und 69 einen PSA-Test zu den in Deutschland üblichen Grenzwerten durchführen, werden 140 von ihnen ein auffälliges Ergebnis haben. Bei 40 von ihnen findet sich dann tatsächlich Krebs. 100 Männer hatten einen „falschen Alarm“.
  • Sein Nutzen liegt darin, dass der Test einen von 1 000 Männern in zehn Jahren davor bewahren kann, an Prostatakrebs zu sterben. Durch den PSA-Test wird bei 1 000 Männern in zehn Jahren 96 Mal Krebs gefunden, vier Männer versterben an Prostatakrebs. In der Kontrollgruppe ohne PSA-Tests wurde der Krebs seltener „entdeckt“: 62 Mal. Hier versterben fünf Männer an Prostatakrebs.  
  • Dem steht als wichtigster Schaden gegenüber, dass der Test zu ca. 40%, also bei 40 der 96 gefundenen Krebse (bei 1.000 Männern in zu Jahren), Prostatakrebs „entdeckt“, der unbemerkt im gesamten Leben keine Beschwerden ausgelöst und auch nicht zum Tod geführt hätte. Die Diagnose Krebs löst bei Männern und ihren Familien Ängste und Sorgen aus. Sie ist daher an sich schon ein Schaden. Ängste sind auch ein Grund, warum sich viele Männer für eine Behandlung entscheiden, wenn ein Prostatakrebs festgestellt wurde. Die Behandlung durch Operation, Medikamente und Bestrahlung kann wiederum Nebenwirkungen haben, die die Lebensqualität beeinträchtigen können, wie zum Beispiel Impotenz und Inkontinenz.
  • Nicht allen Männern, die die Diagnose Prostatakrebs erhalten, wird direkt zu einer Behandlung geraten. Die Alternative dazu ist, durch regelmäßige Kontrollen zu überwachen, ob der Krebs überhaupt wächst und ihn nur dann zu behandeln, wenn er sich verändert. Diese Alternative hängt aber von der Beschaffenheit des Tumors, vom Alter und der persönlichen Abwägung ab.

(Quelle: gesundheitsinformation.de)

Mehr Wissen
  • Verlässliche und fundierte Informationen können noch nicht Entschiedene bislang unter den Webauftritten des Krebsinformationsdienstes (www.krebsinformationsdienst.de) und des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitssystem (www.gesundheitsinformation.de) bekommen.
  • Eine sehr schöne Informationsseite für Männer (mit nicht mehr ganz aktuellen Zahlen, aber tollem didaktischen Konzept) bietet die Krankenkasse AOK öffentlich an. (www.aok.de/portale/bundesweit/psa/content/)

 

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