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Ein ehrenwertes Haus

Forschung Marburg Ein ehrenwertes Haus

Platon hat vor mehr als 2300 Jahren in Griechenland gelebt. Zu der Schuldenkrise seines Landes konnte er also noch nicht viel sagen. Was er aber damals schon wusste: Große ökonomische Ungleichheit ist eine Entwicklungsbremse und abzulehnen.

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„Wenn Sie eines unserer Produkte bei einem anderen Händler billiger finden, bekommen Sie es bei uns zum gleichen Preis“: Ist dieses Angebot ein Schnäppchen für den Kunden oder Preisabsprache der Händler? Platon jedenfalls wäre dagegen gewesen.

Quelle: Peter Steffen

Marburg. Udo Jürgens‘ Schlager „Griechischer Wein“ hat in etwa so viel mit Platon zu tun, wie die derzeitige Schuldenkrise mit dem Ausbleiben des Gratis-Ouzo im griechischen Restaurant um die Ecke. Mit einem anderen Jürgens-Schlager können Ökonomen die Ideen des griechischen Philosophen aber sehr gut erklären: Die Idee eines „ehrenwerten Hauses“.

In einem aktuellen, fächerübergreifenden Forschungsprojekt „destilliert“ die Mikroökonomin Evelyn Korn „die wirtschaftlichen Überlegungen Platons aus seinem Hauptwerk“.

Ein bislang weitgehend unerforschtes Feld. Viele halten Platon vor, dass er Wirtschaft und Handel abgelehnt hat. „Das greift aber zu kurz. Platon ist ein tiefgründiger Wirtschaftstheoretiker. Handel birgt für ihn enormes Konfliktpotential. Er weiß aber auch, dass der Handel in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, in der nicht jeder alles selbst herstellen kann, einfach dazu gehört, und fordert strenge Regeln und Kontrollen“, sagt Korn.

Den Einfall, Platons Ideen zum Thema Wirtschaft zu untersuchen, verdankt Evelyn Korn einer Bekanntschaft. Im Verbund „Marburger Centrum Antike Welt“ traf sie auf die Gräzistik-Professorin (Gräzistik = Wissenschaft von der Sprache und Literatur des Altgriechischen) Sabine Föllinger. Die beiden haben das Projekt ersonnen, gemeinsam durchgeführt und dafür 150000 Euro an Drittmitteln eingesammelt. Der Titel: „Wirtschaftliches Handeln bei Platon. Eine institutionenökonomische Analyse von Platons Idealvorstellungen“.

Womit man wieder bei Udo Jürgens angekommen wäre: „Der Song ,Ein ehrenwertes Haus‘ ist nicht nur ein toller Titel, sondern ein klassisches Beispiel für Institutionenökonomik. In einem Haus, wo alle irgendwelche Regeln brechen, muss das Paar, das in wilder Ehe lebt, die Konsequenzen ziehen und das Haus verlassen“, sagt Evelyn Korn. Institutionenökonomik beschreibt „die Wirkung von Institutionen, also Regeln inklusive ihrer Durchsetzungsmöglichkeiten auf Wirtschaftseinheiten (private Haushalte, Unternehmen)“. Institutionen sind dabei die „Regeln des Spiels, das wir alle jeden Tag miteinander spielen“, zitiert Evelyn Korn den Wirtschaftswissenschaftler Douglas North.

Keine „wilde Ehe“ mehr -Regeln ändern sich

Das ehrenwerte Haus sei ein gutes Beispiel dafür, wie sich diese Institutionen auf gesellschaftliche Transaktionen auswirken, aber sich auch weiterentwickeln und verändern können: „Heute muss man sich ja fast dafür entschuldigen, wenn man verheiratet ist. Bei einem Paar, das unverheiratet zusammenlebt, würde man auch nicht mehr von wilder Ehe sprechen.“

Der Ansatz der Institutionenökonomik passt zu Platon, der wirtschaftliches Handeln aus einer absoluten Moral ableitet. „Für Platon hat jeder Mensch Talente. Wenn eine Gemeinschaft funktionieren will, muss sie Regeln aufstellen, damit das Gute in jedem Einzelnen erblühen kann“, sagt Evelyn Korn. Platon habe dabei ein sehr realistisches Bild vom Menschen und weiß, dass „Gier in jedem Menschen angelegt ist und dass Menschen, die sehr wohlhabend werden, zu viel Energie darauf verschwenden, Konsumgüter anzuhäufen“.

Platon hält es für wünschenswert, dass der Handel von Menschen organisiert wird, die sich um das Gemeinwohl kümmern. Er spricht sich deshalb dafür aus, dass etwa Ammen diese Aufgabe übernehmen.

„Bemerkenswert an Platon ist, dass er sehr viele konkrete Probleme seiner Zeit bis ins Detail durchdacht hat und daraus allgemeine Gesetze ableitet“, so Korn. Zum Beispiel sprach sich Platon dafür aus, dass es engmaschige Kontrollen auf Märkten geben muss.

Ein Problem seiner Zeit war, dass unterschiedliche Qualitäten von Mehl verkauft wurden. „Aus dem Mahlwerk mischten sich unter das fertige Mehl kleine Steine. Je nachdem wie gut der Verkäufer das Mehl nochmal siebte, bekam der Kunde ein besseres oder schlechteres Mehl für denselben Preis“, so Evelyn Korn. Dieser Zustand war in den Augen Platons unhaltbar, weil ein fairer und transparenter Handel für das Gelingen einer Gesellschaft unabdingbar war.

„Die Kunden mussten also geschützt werden nach dem Prinzip der Institutionenökonomie. Man hat ein Ziel und Spieler. Um das Ziel zu erreichen, brauchen die Spieler Regeln, und es braucht Mechanismen, damit diese auch durchgesetzt werden.“

Händler sollen ihren Preis nur einmal täglich ändern

Eine weitere „platonische“ Regel war zum Beispiel: „Ein Händler darf nur einmal am Tag seinen Preis festlegen, damit für den Kunden Vergleichbarkeit hergestellt wird.“ Eine sehr aktuelle Idee, findet Evelyn Korn. „Wenn ein Kunde heute zum Beispiel in einen Elektronikmarkt geht, bekommt er fast überall die Garantie, dass er dort denselben Preis bekommt, sollte er einen Händler finden, der billiger ist“, sagt Evelyn Korn. Viele Kunden würden glauben, dass das ein Vorteil für sie ist. „Eigentlich ist es aber ein Instrument zur Preisabsprache zwischen den Händlern“, so Korn. Diese würden damit dem Kunden die Marktanalyse überlassen und könnten ihren Preis zunächst mal hoch ansetzen. Im schlimmsten Fall müssten sie nur hinnehmen, dass der Kunde den niedrigeren Preis eines Konkurrenten zahlt. Der sei aber noch immer kostendeckend, sonst könne ja auch der Konkurrent nicht überleben.

Dass Geld korrumpiert, berichtete Platon schon vor mehr als 2300 Jahren. Platon fand, politisch Verantwortliche sollen nichts mit Wirtschaft zu tun haben. Er schlägt in seiner Schrift „Der Staat“ sogar vor, der Führungsschicht sollen Privateigentum und eine eigene Familie verboten werden. In seiner Schrift „Die Gesetze“ heißt es: „Niemand darf mehr als das Vierfache eines Anderen verdienen.“ Der von Platon entworfene Staat ist eine außenpolitisch weitgehend abgeschlossene Gesellschaft von rund 80000 Menschen. „Das bietet ganz andere Voraussetzungen als heutige Staaten“, sagt Korn.

Situationen und Voraussetzungen ändern sich, das wusste auch Platon und plädierte dafür, Gesetze nicht starr zu machen. Gültig bliebe aber bis heute, dass „Ungleichheit die positive Entwicklung der gesamten Gesellschaft hemmt“, sagt Evelyn Korn. Zur heutigen Schuldenkrise im „ehrenwerten Haus“ Europa hätte der Philosoph vielleicht gesagt: „Es ist nicht sinnvoll, nur auf den eigenen Geldbeutel zu schauen“, mutmaßt Evelyn Korn und relativiert gleich: „Das war jetzt natürlich wissenschaftlich nicht korrekt.“

Zur Person

Normalerweise hat es wenig Nutzen, wenn man sich als Journalist zu einem Interviewtermin verspätet. Eher Kosten: Das Vertrauen des Gesprächspartners ist enttäuscht und man verliert kostbare Zeit, in der man weitere Fragen hätte stellen können. Im Fall der Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Dr. Evelyn Korn hat sich die vergebliche zehnminütige Parkplatzsuche in der Marburger Universitätsstraße aber ausgezahlt. Eine „Verspätung“ kam ihr gerade recht, um ihren Schwerpunkt „Institutionenökonomie“ zu erklären.

Aber zunächst ein paar Punkte zu ihrer Person: Prof. Dr. Evelyn Korn studierte Mathematik an der Universität Dortmund, wo sie 1999 ihre Promotion im Fach Volkswirtschaftslehre abschloss. Sie habilitierte sich 2004 in Betriebswirtschaftslehre an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Seit Dezember 2004 ist sie Professorin für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Mikroökonomie, an der Philipps-Universität. Ihre Forschungsgebiete liegen in der Vertragstheorie, Familienökonomik und eben der Institutionenökonomik. Prof. Korn interessiert sich insbesondere für die Frage, wie Kooperation in sozialen Gruppen durch Regeln gestützt werden kann.

Auf das Beispiel Verspätung übertragen: Auch unser Termin, also das Tauschgeschäft von Informationen, sei von Institutionen geprägt. Die Kosten, das Auto einfach auf die Universitätsstraße zu stellen, seien einfach zu hoch erschienen, für den Nutzen, pünktlich zum Gespräch zu kommen und dann möglicherweise einige Informationen zu verpassen.

Schließlich wäre das Auto nach dem Termin ja währenddessen vermutlich abgeschleppt worden. Es greifen also die „Institutionen, sprich Regeln einschließlich der Mechanismen ihrer Durchsetzung, die das Verhalten von Individuen in Transaktionen beschränken. Sie dienen der Reduzierung von Unsicherheit“. Oder einfach formuliert: Wenn jeder sein Auto einfach auf der Universitätsstraße stehen ließe, wären dort bald überhaupt keine Geschäfte mehr möglich.

Privat aktiv ist Evelyn Korn als Vorsitzende des Zonta Clubs Marburg. Das Ziel der internationalen Vereinigung ist es, die Stellung der Frauen im politischen, rechtlichen, wirtschaftlichen und beruflichen Bereich zu verbessern.

Platon - ein "Hans Dampf" der Wissenschaft

Mit seinem Namen prägte er zwar den Begriff der „platonischen Liebe“, doch Platon war nach Überzeugung eines britischen Experten alles andere als enthaltsam.

Platon (428-348 v. Chr.) war Schüler des Sokrates, dessen Denken und Methode er in vielen seiner Werke schilderte.

Die Vielseitigkeit seiner Begabungen und die Originalität seiner wegweisenden Leistungen als Denker und Schriftsteller machten Platon zu einer der bekanntesten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Geistesgeschichte. In der Metaphysik und Erkenntnistheorie, in der Ethik, Anthropologie, Staatstheorie, Kosmologie, Kunsttheorie, Sprachphilosophie und eben auch der Wirtschaftstheorie setzte er Maßstäbe auch für diejenigen, die ihm – wie sein Schüler Aristoteles – in zentralen Fragen widersprachen.

Von Platon sind uns viele Schriften erhalten geblieben. Seine Philosophie verpackte er in Dialoge, also in Gespräche. Er lehrte an einer eigenen Schule, die den Namen „Akademie“ trug. Er überlegte, wie Individuen beschaffen sein müssen, damit Staat und Wirtschaft gut funktionieren. Er plädierte dafür, Menschen so zu erziehen, dass sie ihre Funktion für die Gesellschaft erfüllen.

Der wichtigste Teil der Philosophie Platons ist die so genannte Ideenlehre. Platon teilte die Welt in zwei Teile auf. Der eine Teil war für ihn die „Sinnenwelt“, so nannte er das. Über die erfahren wir nur etwas, wenn wir alle unsere fünf Sinne, also Augen, Nase, Ohren, Mund und Hände benutzen. In dieser Sinnenwelt fließt für Platon alles, und nichts hat Bestand. Auch können die Sinne täuschen, und jeder Mensch sieht, schmeckt, tastet oder hört etwas anderes.

Platon glaubte an eine eigene Welt, die hinter der „Sinnenwelt“ existiert. In dieser Welt gibt es Bilder von allem, was uns in der Natur begegnet. Die Ideenwelt ist mit den Sinnen nicht zu erkennen, dafür gibt es Formen, die unabänderlich sind. Und das ist Platons Ideenlehre.

Eine rein geistige Liebe ohne Sex habe der altgriechische Philosoph (428/427 bis 348/347 v. Chr.) aber nie verfochten, schreibt der Wissenschaftshistoriker Jay Kennedy von der Universität Manchester in einem 2011 erschienenen Buch über den großen Gelehrten. „Platon, der Einstein des Goldenen Zeitalters in Griechenland, war bei Weitem nicht prüde.“

Vielmehr habe er sich für einen Mittelweg eingesetzt. „Moral bedeutete für ihn Mäßigung. Er wollte, dass die Menschen sowohl sexuelle Promiskuität als auch Abstinenz vermeiden.“

von Tim Gabel

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