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Ein Staat mit vielen Sprachen

Forschung Marburg: Sprachatlas Ein Staat mit vielen Sprachen

Das am Deutschen Sprachatlas in Marburg gesammelte Material bietet 
einzigartige Chancen zur Erforschung des Kontakts zwischen Sprachen.

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Im Sprachatlas fand kürzlich eine internationale Forschertagung statt.

Quelle: Thorsten Richter


Marburg. Im Nordfriesischen ist der Affe ein Awe, während er auf Dänisch Aaf genannt wird. Ganz andere Varianten steuern Litauisch (Bezdone), Polnisch (Malpa) oder Tschechisch (Opico) bei.

Allen Bezeichnungen für Affe ist aber gemeinsam, dass sie zu Sprachen gehören, die im Deutschen Reich zwischen 1871 und 1918 gesprochen wurden. Und was sagten die Deutschen: Im Norden Aap, im Osten Offe und im Süden Aff (siehe Grafik unten).

All diese Daten gehen aus in Marburg erhobenen einmaligen Materialien hervor: Mehrere Generationen von Sprachforschern haben am Deutschen Sprachatlas in Marburg die von Georg Wenker (1852 bis 1911) ab Ende des 19. Jahrhunderts initiierten Erfassungsbögen zur deutschen Sprache ausgewertet.

Viele Dialekte, eine Schriftsprache

Bei der flächendeckenden Analyse der gesprochenen Sprache im damaligen Deutschen Reich fielen den Forschern vor allem die Unterschiede in der Aussprache in den deutschen Dialekten auf. Bis heute bezieht sich die Dialektforschung auf die Ergebnisse der Wenker-Bögen (siehe HINTERGRUND).

Trotz aller Unterschiede und der großen Anzahl von Einzeldialekten gab es aber doch die einheitliche und verbindende Schriftsprache Deutsch. Doch das Deutsche Reich in den Grenzen von 1871 bis 1918 war sprachlich gesehen nicht nur ein monolithischer Block, erläutert Professor Alfred Lameli.

In vielen Grenzregionen seien auch in nennenswerter Weise Fremdsprachen zu verzeichnen gewesen. Rund 5 Prozent der von Wenker und seinen Mitarbeitern an 50.000 Schulorten im Deutschen Reich erhobenen Daten sind fremdsprachlich.

Von Dänisch und Friesisch im Norden über unterschiedliche slavische Sprachen (Liarisch und Lettisch) im Osten bis hin zu Französisch im Südwesten reichte dabei die Palette der Sprachen. Auch zur Erforschung 
 der heute ausge­storbenen Sprache des Nehrungs-Kurischen bieten die Wenkerbögen einzigartige Möglichkeiten.

Forscher fragen: Was beeinflusst die Sprecher?

Für die Sprachwissenschaftler bedeutet das ein reichhaltiges und noch lange nicht ausgeschöpftes Material zur Erkundung: Es geht dabei um die Frage, wie sich die Sprecher in den deutschen Regionen beeinflussten, in denen sich die Sprachgebiete überlappten.

„Es handelt sich zwar um historische Materialien, sie erleichtern uns aber enorm das Verständnis 
von Sprachveränderung oder sprachlicher Stabilität im Sprach­kontakt zwischen Menschen unterschiedlicher Sprachen“, erklärt Lameli. „Wir können daraus ermessen, welche sprachlichen Phänomene eher sensibel für solche Veränderungen sind und welche nicht.“

Wie solch ein dynamischer Sprachwandel funktioniert, das erkunden die Marburger Sprachforscher bereits seit Jahrzehnten am Beispiel der deutschen Dialekte. Das in den Wenkerbögen und auch in den 
daraus erstellten historischen Spracharten zusammengefasste Material diene als ein riesiges Laboratorium zur Identifizierung von grundsätzlichen Phänomenen im Sprachkontakt sowie zur Erklärung aktueller Sprachprobleme.

So gab es beispielsweise in Elsass-Lothringen Gebiete, in denen zwar grundsätzlich Deutsch gesprochen wurde, aber einzelne französische Worte in den Sprachgebrauch übernommen wurden wie beispielsweise die Bezeichnungen von Kleidungsstücken. Ein ebenso interessantes Beispiel ist das Sorbische, das nicht in einer Grenzregion 
gesprochen wurde, sondern mitten in Sachsen in einer Art „Sprachinsel“.

Sorbische Enklave bringt den „Affen“ durcheinander

Der amtierende Ministerpräsident Stanislav Tillich ist heute der prominenteste Vertreter der sorbischen Minderheit. Bei den Sorben gibt es die sprachliche Besonderheit, dass sie bei einigen Wörtern, die eigentlich mit einem Vokal beginnen, noch einen Konsonanten voranstellen. So wird aus „und“ ein „hund“ oder der „Affe“ wird zu „Haffe“.

Durch den Sprachkontakt zwischen Sorben und Deutschen kam jedoch teilweise einiges durcheinander. So gebe es deutsche Orte angrenzend an die sorbische Enklave, in denen der Affe ebenfalls zum Haffen werde und beim „Hund“ das H weggelassen werde. „Die Sprecher können ihre Regeln nicht mehr anwenden“, beschreibt Lameli das jetzt aufgetretene Phänomen.

Die Ursache sei wohl die gegenseitige Beeinflussung der unterschiedlichen Sprachsysteme. Die Forscher haben auch herausgearbeitet, dass die sprachlichen Grenzen in der Vergangenheit teilweise unscharf gewesen seien und dass es Übergangszonen gegeben habe.

Das gelte beispielsweise in Schleswig-Holstein, wo Friesisch, der plattdeutsche Dialekt und 
Dänisch aufeinanderstoßen. Diese Übergangszonen interessieren die Forscher auch heutzutage in besonderem Maße.

von Manfred Hitzeroth

 
 
Hintergrund

Das an der Philipps-Universität angesiedelte Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas blickt auf eine weit mehr als 100 Jahre umspannende Geschichte zurück. Im Jahr 1876 versendete der Institutsgründer und Sprachwissenschaftler Georg Wenker einen Fragebogen mit 42 kurzen „volksthümlichen“ Sätzen an die Schulen im Rheinland. Diese ließ er mit Hilfe der Lehrer in die jeweiligen Ortsdialekte übersetzen, um daraus eine „Dialectkarte der nördlichen Rheinprovinz“ zu erstellen.

Es war der Grundstein für den späteren Deutschen Sprachatlas. Im Jahr 1887 wurde schließlich das Erhebungsgebiet auf das gesamte Deutsche Reich erweitert, und Wenkers Unternehmen wurde eine Institution des Preussischen Innenministeriums. Seit 1920 ist der Sprachatlas ein Institut der Marburger Universität, das seit dem Jahr 2000 von Professor Jürgen Erich Schmidt geleitet wird. Die Dynamik des Sprachwandels und die Erforschung der deutschen Dialekte sind die beiden wichtigsten Spezialgebiete der am DSA kooperierenden Forscher.

So wird die Erforschung der Regionalsprachen in einem auf 19 Jahre angelegten Langzeitprojekt von der Akademie der Wissenschaften und Literatur (Mainz) mit 14 Millionen Euro gefördert. Das neue Sprachatlas-Gebäude wird am heutigen Freitag offiziell eröffnet.

 
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Eine Tagung mit Forschern aus mehreren Ländern zur Mehrsprachigkeit im Deutschen Reich fand kürzlich am Sprachatlas 
in Marburg statt.

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