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„Die Typen wollen dich leiden sehen“

Forschung Marburg „Die Typen wollen dich leiden sehen“

„Sexualisierte Gewalt in der Erfahrung Jugendlicher“: Das ist das Thema der wissenschaftlichen Studie „Speak!“.

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Fragen treffen die Lebenswelt der Schüler

Bis hierhin und nicht weiter: Diese Grenze sollte in Sachen Berührungen gelten. Über die Erfahrung von Überschreitungen einer Grenzzone berichtete aber in einer Studie ein großer Prozentsatz der befragten Jugendlichen, vor allem Mädchen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Sollte dich jemand anfassen oder es versuchen, musst du sofort die Hände dieser Person wegschlagen und einfach weitergehen“: Diesen Ratschlag gibt eine Schülerin ihren Mitschülerinnen. Auf den ersten Blick gesehen cooler gibt sich eine andere Schülerin. Sie meint: „Nichts drauf geben, die Typen wollen dich leiden sehen.“ Beide Aussagen stammen aus einer Studie, in der Schülerinnen und Schüler aus ganz Hessen zu ihren Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen befragt wurden.

Dabei wurde klar, dass es zu Überschreitungen einer Grenzzone in Sachen Sexualität besonders unter Gleichaltrigen und sehr häufig auch in der Schule kommt - vor allem im Klassenzimmer oder auf dem Pausenhof. Andere „Tatorte“ sind aber auch die eigenen vier Wände, Parties, der „öffentliche Raum“, oder das Internet. Knapp ein Viertel der 14- bis 16-jährigen Schüler in Hessen hat bereits körperliche sexualisierte Gewalterfahrungen erlebt. Sogar ein Drittel aller Mädchen sind schon mindestens einmal gegen ihren Willen an Po oder Busen angetatscht, geküsst oder am Geschlechtsteil berührt worden.

„Es ist gut, dass darüber gesprochen wird“

Das ist ein Ergebnis der jetzt vorgelegten Studie, mit der die Marburger Professorin Sabine Maschke und ihr Gießener Kollege Professor Ludwig Stecher für Deutschland Neuland betreten haben. Auf ihr Thema stießen sie bei vorangegangenen Jugendstudien, bei denen Jugendliche immer wieder über mit Gewalt behaftete Sexualität berichteten. Mit ihrer Befragung lehnen sich die beiden ­Erziehungswissenschaftler ­unter anderem an Studien aus den USA und Schweden an.

Der Studientitel „Speak!“ ist Programm. „Es ist gut, dass in der Schule auch über die Erfahrungen gesprochen wird“, meint Sabine Maschke. Denn viele Schüler seien immer noch der Meinung, ihre Erlebnisse gehörten zum Alltag und man müsse sie dulden. Als „sexualisierte Gewalt“ wird jede Verletzung der körperlichen oder seelischen Integrität einer Person definiert, welche mit der Geschlechtlichkeit des Opfers und Täters zusammenhängt. Immerhin drei Prozent der Schülerinnen berichteten auch von Erfahrungen, bei denen sie zum Geschlechtsverkehr gedrängt wurden.

„Sexualisierte Beschimpfungskultur“

Zahlenmäßig am häufigsten war allerdings die Zahl der Vorfälle mit der „nicht-körperlichen sexualisierten Gewalt“. Rund 55 Prozent der Mädchen und rund 40 Prozent der Jungen gaben an, damit bereits Erfahrungen gemacht zu haben. Der Begriff bezeichnet eine Palette von Verhaltensweisen: das reicht von sexuell abwertenden Witzen und Beschimpfungen über die Verbreitung von Gerüchten sexuellen Inhalts über Mitschüler bis hin zum Hochladen intimer Fotos ins Internet. „Diese Formen sind am weitesten verbreitet. Die meisten erleben mehrere Formen und das mehrfach“, berichtet Maschke.

Es habe sich eine „sexualisierte Beschimpfungskultur“ unter Jugendlichen breitgemacht. „Kann nur sagen, dass wir als junge Mädchen auf uns aufpassen sollten, auch gerade im Internet bei Bilder posten und so“, warnt eine Schülerin in der anonymisierten Studie. Sexualisierte Gewalt durchziehe heute die ganze Lebenswelt von Jugendlichen, macht Maschke deutlich. „Schule ist der Ort an dem viel passiert“, bilanziert die Forscherin, auch wenn man beispielsweise das Thema „sexuellen Missbrauch in der Familie“ nach wie vor nicht vernachlässigen dürfe.

Sorgen, Ängste und Scham

„Ein aus unserer Sicht ernst zu nehmender Befund betrifft auch den Pornographiekonsum der männlichen Jugendlichen“, erklärt die Marburger Forscherin. Vor allem die Häufigkeit und Regelmäßigkeit dieses Porno-Konsums sei erschreckend. Damit einher gehe auch ein ­gewisser Gewöhnungseffekt. Zwar sei es nicht erwiesen, dass sich diese Jugendlichen auch sexuell aggressiver verhalten würden. Aber es gebe schon eine Änderung im Erleben von Sexualität.

Sorgen, Ängste und Scham: So reagieren die Jugendlichen auf sexualisierte Übergriffe. Für die Opfer gibt es nach Einschätzung der Forscher aber auch gravierende Einschränkungen im Schulalltag, wie das Gefühl der Unsicherheit, eine geringere Lernfreude und teilweise auch schlechtere schulische Leistungen. „Das Sicherheitsgefühl in der Schule fällt umso negativer aus, je mehr die Jugendlichen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben“, bilanziert Maschke.

Auf die Frage, welche Hilfe sie sich wünschten, meinen die Schüler beispielsweise: „Dass man mich ernst nimmt und mir glaubt“. „Dass es ans Licht kommt und er gestoppt wird“ oder „Jemand, der einen beschützt“.

von Manfred Hitzeroth

Zur Person

Professorin Sabine Maschke (Archivfoto) wurde in Essen geboren. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie ist seit 2015 Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaften an der Marburger Universität. Nach einer Ausbildung als Erzieherin war sie als Erzieherin in der offenen Jugendarbeit tätig. Danach studierte sie Sozialwissenschaften an der Universität Wuppertal. 2003 erfolgte ihre Promotion im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Uni Siegen und 2012 ihre Habilitation im Fach Erziehungswissenschaften an der Uni Gießen.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Kindheits- und Jugendforschung sowie die internationale Perspektive der „Extended Education“ (Erweiterte Bildung). Zu ihren Buchveröffentlichungen zählt ein Buch über „Bildungsmomente im Übergang“. Am Mittwoch, 12. Juli, ab 18 Uhr hält Maschke ihre Antrittsvorlesung in der Alten Aula der Uni zum Thema „Übergänge in erziehungswissenschaftlicher Perspektive“.

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Rund 2700 Schüler in ganz Hessen nahmen an Studie teil. Die Ergebnisse sollen die Prävention sexueller Übergriffe verbessern. Foto: Berwis / pixelio.de

Die Studie „Speak!“ wurde mit einem Fragenkatalog 
erstellt, an dessen Erstellung Jugendliche 
mitarbeiteten.

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