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Dem Kind das Laufen beibringen

Expedition Partikeltherapie Teil 3 Dem Kind das Laufen beibringen

Mit seiner Doktorarbeit hat Thomas Haberer vor 25 Jahren die punktgenaue Bestrahlung von Krebszellen mit Schwerionen ermöglicht. Als Technische Direktor des Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrums (MIT) nimmt er die Anlage jetzt in Betrieb. Die OP besuchte ihn.

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Ärzteschaft kein Hort des Widerstands

Der Technische Direktor der Ionenstrahl-Therapieanlagen in Heidelberg und Marburg, Professor Dr.  Thomas Haberer, steht in einem Behandlungsraum vor der Strahlapparatur.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die Wände sind strahlend weiß, auf der geschwungenen Holztheke im Eingangsbereich steht bislang nicht mal ein Computer. Im Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum (MIT) meint man noch feuchte Farbe und frisches Holz riechen zu können. Das mit einem Architekturpreis ausgezeichnete Gebäude wirkt futuristisch und irgendwie noch nicht ganz fertig. Dabei war das MIT eigentlich schon am Ende.

Hier ein geführter Rundgang durch das „medizinische Raumschiff“:

Der Leidensweg ist bekannt: Der Siemens-Konzern hatte im Spätsommer 2011 entschieden, die bereits aufgebauten Partikeltherapie-Anlagen in Marburg und Kiel nicht in Betrieb zu nehmen. Grund war die mangelnde Profitaussicht. Dem Rhön-Klinikum und der Uni Marburg als Betreibern hatte Siemens wirtschaftliche Ergebnisse versprochen, die technisch nicht umzusetzen waren: Die hohe Quote von rund 2000 Patienten pro Jahr konnte nicht erreicht werden, das Konzept brach zusammen.

Ionenstrahl-/Partikeltherapie
Bei der Partikeltherapie oder Ionenstrahltherapie (die Begriffe werden synonym verwendet) handelt es sich um eine Technologie, bei der Protonen (Wasserstoffionen) oder Kohlenstoffionen in Beschleunigersystemen auf eine sehr hohe Geschwindigkeit (60 bis 70 Prozent der Lichtgeschwindigkeit) gebracht werden. In den sehr komplexen Anlagen können die Partikel mit Hilfe von Magneten und Scanning-Technik in den Steuerungssystemen punktgenau zum kranken Gewebe gelenkt werden. Im Gegensatz zu den in der konventionellen Strahlentherapie verwendeten Photonen entfalten Protonen und schwere Ionen erst am Ziel ihre Wirkung, den Kern der Tumorzellen zu zerstören. Umliegendes Gewebe wird geschont.

Die Zukunft steht im Flur

Thomas Haberer sagt dazu heute: „Der Fehler war die Annahme, dass man in experimentelle Spitzenmedizin investiert und einen finanziellen Return hat, der einem Routinebereich entspricht.“ Seine Diagnose: „Man hat uns, den  Entwicklern, nicht zugehört.“

Bereits eingestellte Mitarbeiter mussten gehen, es gab Proteste und am Ende einen runden Tisch der Landesregierung. Der schönen Gebäudehülle drohte eine leblose Zukunft als Teilelager für eine baugleiche Anlage in Shanghai. Düstere Vergangenheit. Im ersten Flur, links vom Eingang steht die Zukunft: Und zwar genau vor der Bürotür mit dem Schild: Technischer Direktor: Thomas Haberer. Ein halbes Dutzend junger Ingenieure steht dort, die sich auf eine der ausgeschriebenen Stellen bewerben wollen.

Der Heidelberger Wissenschaftler ist derzeit oft persönlich in Marburg. Die Gespräche mit dem Nachwuchs will er persönlich führen: „Hohe Expertise im Team und wenig Wartungsverträge nach draußen“, das ist sein Ziel. Eine Strategie, die es ihm auch schon in Heidelberg erlaubt, mit seinen Mitarbeitern kostendeckend zu arbeiten: „Wir werden hier nicht viel Geld verdienen, aber auch kein Verlustgeschäft machen. Dafür betreiben wir hier Spitzenmedizin und -forschung“, sagt Haberer.

Die Bewerber aus der Region sehen wie die Anlage funktioniert, von der Inbetriebnahme bis zur ersten Patientenbehandlung, die für Oktober geplant ist, sind sie vom ersten Schritt mit dabei. Außerdem werden die Mitarbeiter im laufenden Routinebetrieb in Heidelberg geschult. „Dann wächst eine Mannschaft heran, die sich gegenseitig hilft und bereichert“, so Haberer.

Platz für bis zu 45 Mitarbeiter

In der GmbH, die für die technisch-physikalische Seite der Partikeltherapie zuständig ist, sollen langfristig 40 bis 45 Mitarbeiter arbeiten. Von klinischer Seite kommen unter der Führung des Ärztlichen Direktors, Jürgen Debus, dann nochmal 25 bis 30 Angestellte oben drauf. Am Ende werden zwischen 80 und 90 Menschen dem MIT-Gebäude Leben einhauchen.

Im Oktober haben die Heidelberger Wissenschaftler die Anlage übernommen, nach über drei Jahren Verhandlungen. Seitdem rüstet Siemens ein paar Teile der Anlage wieder nach, die vorübergehend schon in Shanghai eingesetzt wurden.Technisch gibt es eine klare Aufgabentrennung, die sich in Heidelberg bewährt hat: Siemens kümmert sich um die gesamte Technik, die mit dem Patienten zu tun hat. „Alle Geräte, die damit zu tun haben, den  Strahl zu erzeugen und viel physikalisch-technisches Knowhow erfordern, warten wir selber.“

Die Genehmigung für einen technischen Strahlbetrieb ist der Anlage Anfang Februar erteilt worden. Bis zum Sommer soll die Genehmigung für den klinischen Strahlbetrieb folgen. Der Fahrplan von Haberer sieht vor, dass Maschine für Maschine hochgefahren wird, im Testbetrieb läuft und notfalls gewartet und kalibriert wird – von der Erzeugung des Strahls bis in den Patientenraum. Dass die Anlage bereits unter dem alten Betreiberkonsortium gelaufen ist, macht den neuen Technik-Chef zuversichtlich: Aber bei der Ionenstrahltherapie steckt der Teufel im Detail: „Na ja, das System ist eben keine Mikrowelle oder ein Golf V. Bei der Partikeltherapieanlage gibt es sehr delikate Abstimmungsprozesse. Es kann an sehr kleinen Einstellungsänderungen liegen, ob der Strahl stabil aus der Maschine kommt und auch die Breite und Intensität besitzt, die man für die Bestrahlung von Patienten braucht.“

100 000 Einstellungen

100 000 verschiedene Kombinationen der Strahlparameter können eingestellt werden und „da komme es hin und wieder schon mal zu Überraschungen“, sagt Thomas Haberer. „Mit unserer Erfahrung aus Darmstadt und Heidelberg werden wir das Kind aber  schaukeln.“

Gar kein schlechtes Bild: Wenn man mit Thomas Haberer auf einen Rundgang durch die langen Flure und riesigen Maschinenräume des MIT geht, spürt man Aufbruchsstimmung und  eine fast väterliche Erleichterung: „Mit anzusehen, wie die Anlage in Kiel, die sehr schön gebaut war, wieder abgebaut wurde, war schlimm. Es wäre eine Schande gewesen, wenn das Gleiche hier in Marburg nochmal passiert wäre“, sagt er.

Zur Person: Thomas Haberer, Entwickler der Rasterscantechnik
Professor Dr. Thomas Haberer hat in Darmstadt und Frankfurt Physik und Medizin studiert. Er selbst sagt über sich, dass er ein leidenschaftlicher Physiker und Tüftler ist, aber von Anfang an wollte, dass Patienten von seinen Forschungen profitieren.  Vor 25 Jahren entwickelte er im Rahmen seiner Doktorarbeit bei der Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt (heute: GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung) ein hochpräzises Bestrahlungsverfahren, die Rasterscantechnik.
Im Gegensatz zu den in der konventionellen Strahlentherapie verwendeten Photonen entfalten die in der Partikeltherapie verwendeten Protonen und schweren Ionen erst am Ziel, dem Kern der Tumorzelle, ihre zerstörerische Wirkung. Dabei wird das umliegende Gewebe geschont. Das ist etwa bei der Behandlung von Kindern oder sensiblen Hirnstrukturen wichtig. Aber erst mit Hilfe von Magneten und der von Haberer entwickelten Scanning-Technik konnten die Protonen und Schwerionen punktgenau zum kranken Gewebe gelenkt und so klinisch nutzbar werden. Die Rasterscantechnik funktioniert so: Mit Hilfe eines Computertomografen wird der Tumor in seinen  genauen Konturen bildlich dreidimensional dargestellt und anschließend im Rechner in digitale Scheiben von jeweils einem Millimeter Stärke „geschnitten“. Die Computer-Software belegt jede Tumorscheibe schachbrettartig mit nebeneinander liegenden Bildpunkten und berechnet für jeden Punkt die notwendige Eindringtiefe der Strahlung und die höchstmögliche Strahlendosis.
Der intensitätsmodulierte Ionenstrahl tastet dieses Raster millimetergenau ab und verweilt so lange auf einem Punkt, bis die zuvor berechnete Strahlendosis erreicht ist.
Haberer übernahm die physikalisch-technische Leitung des Schwerionen-Therapieprojekts an der GSI, in welchem von 1997 bis 2008 mehr als 400 Patienten mit Kohlenstoffionen behandelt wurden und baute zusammen mit Prof. Dr. Dr. Jürgen Debus bereits das Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum auf, dessen Technischer Direktor er 2009 wurde.
Seit Oktober 2014 hat er die gleiche Funktion jetzt auch am MIT übernommen. (tiga)
 
 

Weitere Teile des Serie "Expedition Partikeltherapie" finden Sie hier: Teil 1 und Teil 2

von Tim Gabel

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Partikeltherapiezentrum Marburg
Bei der Eröffnung: Geschäftsführer Jürgen Debus (von links), Landrätin Kirsten Fründt, Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer, Rhön-Vorstand Martin Siebert, Uni-Präsidentin Katharina Krause, Minister Boris Rhein sowie Guido Adler und Irmtraut Gürkan von der Uni-Klinik Heidelberg. Foto: Nadine Weigel

Nach jahrelangem Stillstand und Streit wurde am Mittwoch die Marburger Partikeltherapieanlage zur Tumorbehandlung eingeweiht.

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