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Dauerhafte Therapiefreiheit ist das Ziel

Chronische Leukämie Dauerhafte Therapiefreiheit ist das Ziel

Eine neue Therapiestudie soll dazu beitragen, dass an chronischer myelo­ischer Leukämie (CML) ­leidende Patienten dauerhaft und sicher ohne ­Tabletten leben können.

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Im Forschungslabor schauen sich Professor Andreas Burchert sowie die Forscherinnen Sabrina ­Inselmann (sitzend) und Dr. Ying Wang Auswertungen der Testdaten an.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Für CML-Patienten war es im Jahr 2000 eine ganz besondere Nachricht, dass ein Medikament auf den Markt kam, das ihnen eine effektive Therapie der chronischen Form der Leukämie (Blutkrebs) ermöglichte. Der Mechanismus der Tablette  besteht darin, dass das Leukämie verursachende Gen, die BCR-ABL-Tyrosinkinase, selektiv blockiert wird. Da BCR-ABL für das Überleben der Leukämiezellen verantwortlich ist, sterben diese durch Tyrosinkinase-Inhibitortabletten (TKI) ab.

Durch diese moderne­ Therapiemethode habe sich CML von einer lebensbedrohlichen zu einer chronischen Krankheit gewandelt, erläutert der Marburger Krebsforscher Professor Andreas Neubauer,­ Direktor des Carreras-Leukämiezentrums.

CML ist eine Leukämie, die vor allem Männer im mittleren und höheren Lebensalter trifft. Dabei kommt es zu einer unkontrollierten Vermehrung von speziellen weißen Blutkörperchen im Blut und Knochenmark.

Die Krankheit ist relativ selten: Pro Jahr gibt es in Deutschland rund 1 200 Neuerkrankungen. Noch vor zwei Jahrzehnten habe die Sterberate bei  der chronischen Leukämie bei über 50 Prozent gelegen. Die Möglichkeit, CML zu heilen, habe dieses grundlegend geändert.

Verbunden ist diese Wende allerdings auch mit einer Reihe von Einschränkungen im Alltag für die Patienten.

Test der Verträglichkeit

So müssen die TKI-Tabletten bisher noch lebenslang eingenommen werden und sie verursachen zum Teil schwere Nebenwirkungen wie chronische Müdigkeit, Appetitlosig­keit, Hautausschläge, Kopfschmerzen sowie Muskel- und Knochenschmerzen. Zudem ist der Einnahmemodus kompliziert und die täglichen Therapiekosten belaufen sich auf zwischen 60 Euro bis 150 Euro. Viele Gründe also, um nach Alternativen für die momentan etablierte CML-Standardtherapie zu suchen.

Der Marburger Krebsmediziner Professor Andreas Burchert verfolgt jetzt schon seit dem Jahr 2003 die Idee, eine etwas abgewandelte Form des bereits in den 1970er-Jahren als Krebsmedikament eingesetzte Interferon in neuer Form wieder einzusetzen. Verbunden wäre das im Endeffekt mit einer erneuten Revolution bei der Krebstherapie: und zwar letztendlich nach der Heilung auch dem Verzicht auf die lebenslange weitere Einnahme von teuren und nebenwirkungsreichen Medikamenten. Interferon war zwar schon bei Tumorpatienten eingesetzt worden, allerdings zunächst nur mit mäßigem Therapieerfolg. Nach dem Erfolg von TKI habe die Fachwelt es zunächst bei der Leukämie-Therapie nicht mehr berücksichtigt, erläutert Burchert. Nach dem Prinzip, mehrere Wirkweisen zu kombinieren, um von verschiedenen Seiten Angriffspunkte auf die Leukämiezellen zu haben, wurde dann aber 2003 eine Studie gestartet, in der beide Präparate kombiniert wurden.

Bei dieser Kombinationstherapie ging es dann auch um den Test der Verträglichkeit der ­Medikamente. Nachdem einige­ der Patienten das „TKI“-Präparat nicht mehr gut vertragen hatten, wurde es bei ihnen zwischenzeitlich abgesetzt. Interessanterweise ergaben dann die Blutbilder der nur noch mit Interferon behandelten Patienten auch nach vier Wochen noch sehr gute Werte.

Während der „TKI-Pause“ wurde Interferon in nur niedriger Dosis weiter gegeben, und es erfolgte dann auch eine Interferon-Pause. Die Patienten erlitten dennoch keine Rückfälle. Dieses Ergebnis, das bei 20 Patienten gesehen werden konnte, war für Burchert und andere beteiligte Forscher sehr aussagekräftig. Denn so etwas hatte man früher nie beobachtet.  Den dahinterstehenden Mechanismus erklärt Burchert so: Mit der anfänglichen TKI-Dosierung hatten sie schon ein entscheidendes Rüstzeug für den Kampf gegen die CML  bekommen. Zudem habe das Interferon das Immunsystem des Körpers so weiter gestärkt, so dass es dann auch eine Art Gedächtnis für den Kampf gegen die CML erhalten habe.

Im Mai wurde nun eine Studie unter Leitung des Marburger Krebsforschers eine von der Deutschen Krebshilfe mit einer Million Euro geförderte Studie gestartet, die dieses Konzept eindeutig belegen soll. (siehe Artikel unten).

von Manfred Hitzeroth

15 Krebszentren kooperieren bei Studie

Die von Marburg aus ­koordinierte Studie ist ­Bestandteil der CML-­Studiengruppe. In den kommenden zwei Jahren werden für die Teilnahme an der von der Deutschen Krebshilfe mit einer Million Euro geförderte Studie insgesamt 215 teilnehmende Patienten benötigt, die an chronischer myeloischer Leukämie (CML) erkrankt sind. Der Name der Studie lautet „ENDURE“. „Endure“ ist das englische Wort für „erleiden“ oder „erdulden“. Die Leiden der CML-Patienten­ sollen auch mithilfe dieser ­Studie viel erträglicher gemacht werden.

Wissenschaftler an 15 Krebszentren von Aachen bis Ulm sind daran beteiligt. Der Marburger Krebsmediziner Professor Andreas Burchert und das Koordinierungszentrum für Klinische Studien der Uni Marburg organisieren den gesamten ­Ablauf der Studie federführend.

Mitbeteiligte sind unter anderem Professor Andreas Hochhaus (Uni-Klinikum Jena), Privatdozentin Dr. Susanne Saussele (Uni-Klinikum Mannheim) und Privatdozent Dr. Markus Pfirrmann (Institut für Medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie, Ludwig-Maximilians-Universität München).

Ein großer Teil der Arbeit besteht darin, die aus den regelmäßig eingehenden Blutproben der Patienten gewonnenen Daten über den aktuellen Krankheitsstand mit Hilfe von biostatistischen Methoden zu erfassen, zu überprüfen und auszuwerten. Zwei wissenschaftliche Begleitprojekte sind zusätzlich in Marburg verortet. So untersucht die Wissenschaftlerin Dr. Ying Wang die Funktionsweise des Gens, das die Leukämie verursacht. Ziel ist es, die damit verbundenen Zellmechanismen zu verstehen, um vielleicht irgendwann in der Zukunft generell eine Erkrankung verhindern zu können. Für ­ihre Doktorarbeit wirft die Doktorandin Sabrina Inselmann ­einen genaueren Blick auf die Wirkweisen des körperlichen Immunsystems, unter anderem mithilfe der Methode der Gensequenzierung. Für die Teilnahme an der jetzigen klinischen Studie der Phase II werden vor allem langjährige CML-Patienten als Teilnehmer benötigt, deren BCR-ABL-Wert sehr niedrig ist. Das bedeutet, dass sich ihr Zustand schon stabilisiert hat.  Dieser Wert dient als eine Art Waage der Restanzahl von Leukämiezellen im Körper, erklärt Burchert. In der Therapiestudie soll untersucht werden, ob mit dem neuen Therapieansatz CML-Patienten dauerhaft und sicher therapiefrei werden können. Nach ungefähr einem Monat soll dabei zunächst die TKI-Einnahme eingestellt werden. Dabei müsse das Absetzen der TKI-Tablettten engmaschig kontrolliert werden. Das Medikament „Ropeginterferon“, das dabei verwendet wird, ist ein gentechnisch verändertes Interferon mit weniger toxischen Wirkungen. Es wird nur alle zwei Wochen gegeben und bei den Patienten unter die Haut gespritzt. Die Patienten sollen auch nach dem Abschluss der Studie weiter beobachtet werden. „Wir werden sie insgesamt fünf Jahre lang regelmäßig kontrollieren, um sicher zu sein“, kündigte Burchert an.

  • Information für Patienten:­ Andreas Burchert, Telefon  06421/58-6511

von Manfred Hitzeroth

 
Hoffnung auf einen Alltag ohne Krämpfe

Der 45 Jahre alte Michael Hermann ist seit acht Jahren an chronischer myeloischer Leukämie (CML) erkrankt und ist seitdem in Behandlung bei Professor Andreas Burchert im Uni-Klinikum in Marburg. Hermann ist der erste Patient, der an der CML-Therapiestudie teilnimmt. Bevor bei ihm die ­Erkrankung diagnostiziert wurde, hatte er schon einige Monate lang an Müdigkeit, Schlappheit und Schweißausbrüchen gelitten, berichtete Hermann im Gespräch mit der OP. Das Ergebnis einer daraufhin in die Wege geleiteten ersten Blutuntersuchung durch den Hausarzt lautete dann „Verdacht auf CML“, und durch weitere Blut- und Knochenmarkentnahmen bestätigte es sich. Es folgten zunächst einmal der Schock über die Erkrankung und die Frage,­ wie es weitergeht. Noch bis vor einigen Jahren lag das Risiko, daran zu sterben, bei rund 50 Prozent. Glücklicherweise gibt es seit dem Jahr 2000 aber eine wirksame Tabletten-Therapie (siehe Artikel oben). Jetzt nimmt Hermann täglich die Tabletten, die ihm ein Weiterleben ­ermöglichten. Jedoch begannen auch die gravierenden Nebenwirkungen, erinnert er sich im Gespräch mit der OP.

So gehe beispielsweise beim Radfahren oder Joggen der Puls viel schneller hoch als vorher. Zudem sei er schneller gereizt als zuvor und überfordert in ­Situationen, bei denen eigentlich Geduld benötigt werde.­ Kopfschmerzen bei Wetterwechsel, Sodbrennen, Knochenschmerzen oder Krämpfe: Es ist eine ganze Liste von Nebenwirkungen der bisherigen CML-Standardtherapie, über die Hermann berichtet. Unter ärztlicher Überwachung werden seine Medikamente jetzt schrittweise abgesetzt. Michael­ Hermann und seine Frau Edith danken dem behandelnden Arzt, Professor Andreas Burchert, für die bisherige „tolle Betreuung“ sehr. Mit der von Burchert geleiteten Therapiestudie verbindet der Patient vor allem die Hoffnung, in Zukunft ganz ohne die Tabletten auskommen zu können. Er wünscht sich aber zumindest zeitweise eine Erholung von dem Ganzen. Vor allem hat er den Wunsch, sich endlich wieder einmal in Alltagssituationen wie im Schwimmbad frei bewegen zu können, ohne gleich Krämpfe zu bekommen.

von Manfred Hitzeroth

 
Zur Person

Professor Andreas Burchert (48) wurde in Eisenhüttenstadt geboren. Er studierte­ von 1990 bis 1997 Medizin an der Charite der Humboldt-Universität zu Berlin sowie in Bern und Chapel Hill (USA). 1998 promovierte er mit einer Doktorarbeit zum Krebsgen „Axl“. Seine Habilitationsarbeit beschäftigte sich mit unterschiedlichen Behandlungsstrategien bei der chronischen myeloischen Leukämie.

Die Arbeit führte er während eines Forschungsaufenthaltes an der University of North Carolina in den USA aus.

Nach Stationen als Facharzt und Oberarzt im Uni-Klinikum Steglitz  in Berlin wechselte Burchert im Jahr  2007 an das Uni-Klinikum in Marburg.

Als Leitender Oberarzt ist Burchert auch der Vertreter des Direktors der Klinik für Hämatologie/Onkologie und Immunologie am Marburger Uni-Klinikum. Zudem leitet er seit dem Jahr 2008 die Sektion Stammzelltransplantation am Carreras Leukämiezentrum in Marburg.

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