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Das Gehirn entscheidet, wie wir zuhören

Hirnforschung in Marburg Das Gehirn entscheidet, wie wir zuhören

Forscher der Uni Marburg haben in mehreren Studien gezeigt: Es kommt nicht nur auf den Inhalt der Sprache an

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Marburg. Unter dem Wort Sprache kann man vieles verstehen: Einige denken an eine Fremdsprache, andere an den Deutschunterricht und Sprachgenies wie Goethe und Schiller. Wieder andere lernen gerade eine „andere“ Sprache.
So ähnlich ist die Neurolinguistin Ina Bornkessel-Schlesewsky vor rund einem Jahr in ihren Slam-Beitrag bei der „Sciencetour Hessen“ eingestiegen.
Was sie damit erklären wollte? Sie beschäftigt sich mit einer anderen Sprache, bzw. einer anderen Bedeutung des Wortes Sprache: „Sprache, als unser wichtigstes Mittel der täglichen Kommunikation“ – gesprochene Worte und Wörter also. Von letzteren sprechen wir – wie sie damals auf Grundlage von Forschungsergebnissen weiter ausführt – im Schnitt 16 000 Stück pro Tag. Im Wahljahr 2013 hat Bornkessel-Schlesewski gemeinsam mit ihrem Mann Matthias Schlesewski und Sylvia Krauspenhaar herausgefunden, dass die Position eines Sprechers im Machtgefüge einer Gesellschaft entscheidet, wie seine Äußerungen von Zuhörern aufgenommen werden (siehe Bericht unten). Bei ihrem Vortrag auf der Science-Tour in Hessen berichtete sie laienverständlich, knapp und mit einem Schmunzeln über die neuesten Erkenntnisse der Sprachforschung, die hier in  Kürze zusammengefasst sein sollen:

  • 16 000 Wörter produzieren wir Menschen am Tag und vermutlich etwa so viel hören wir täglich auch. Unser Gehirn vollbringt also täglich eine enorme Verarbeitungsleistung. Aber nicht nur die schiere Anzahl ist erstaunlich, sondern vor allem die Schnelligkeit mit der das menschliche Gehirn ein Wort verarbeitet, während es ausgesprochen wird. 50 Millisekunden braucht das Gehirn lediglich, um ein Wort von einem anderen zu unterscheiden. Doppelt so lange brauche Usain Bolt, um aus den Startlöchern zu kommen, so Bornkessel-Schlesewsky.
  • Sprache ist nicht wie Mathematik: Dieser Satz wird wohl schon Erstklässlern relativ trivial vorkommen. So trivial ist er aber nicht. Laut Bornkessel-Schlesewsky haben Sprachwissenschaftler bis vor einigen Jahren gedacht, dass Sprache so funktioniert wie Mathematik und das in unserem Gehirn eine Art Taschenrechner sitzt, der aus dem gehörten Wort eine Bedeutung errechnet. Diese Idee reicht aber bei weitem nicht aus. Von den ersten Sekundenbruchteilen an hängt Sprachverständnis auch von der sozialen Interaktion zwischen Sprecher und Empfänger ab.
  • Studenten, die aus unterschiedlichen deutschen Regionen kamen, hatten die Forscher um Bornkessel-Schlesewsky für eine Studie verschiedene Sätze vorgespielt. Manche waren von einem süddeutschen Sprecher mit Dialekt gesprochen, andere von norddeutschen Sprechern, die Hochdeutsch sprachen. Die Hirnströme der Studenten waren sehr aussagekräftig: Es gab einen recht frühen Unterschied in der Gehirnreaktion der Empfänger, in Abhängigkeit von ihrer Herkunft, bereits nach einer Viertelsekunde. So lange, wie ein professioneller Golfspieler braucht, um einen Abschlag zu machen. Es geht also nicht nur um den Inhalt, sondern auch um den Sender.

Seit den 70er Jahren wissen Sprachforscher, dass wir bei der Verarbeitung von Sprache auch zwischen Personenkreisen unterscheiden. Also eine „ingroup“ (Vertraute) und eine „outgroup“ unterscheiden. „Wir favorisieren Mitglieder unserer ingroup“, so Bornkessel-Schlesewsky. Das konnten die Forscher um die Marburger Wissenschaftlerin anhand eines Versuchs zeigen: Sie ließen jeweils zwei Probanden miteinander reden.In einem Fall wurde probiert, dem Empfänger vorher zu suggerieren, dass der Sprecher Probleme ähnlich löst wie er selbst, also zu einer Ingroup gehört. Im Vergleichsfall wurde der Satz von einem völlig fremden Menschen gesagt. Und tatsächlich: Die Gehirnreaktion war eine völlig unterschiedliche. „Die Idee von einem Sprachzentrum, das unabhängig von anderen Gehirnbereichen wie ein Taschenrechner funktioniert, das lässt sich sicherlich nicht aufrecht erhalten“, so Bornkessel-Schlesewsky.

Gehirn unterscheidet nach "ingroup oder "outgroup"

Die Forscherin beschrieb, dass es für unser Gehirn ab dem frühesten Moment genauso wichtig ist, wer mit uns kommuniziert wie, was er sagt. Interessant sei das zum Beispiel für Politiker, die berücksichtigen müssten, dass eine Aussage oder ein Beitrag bei Twitter auf ihre Gefolgsleute ganz anders wirkt als auf Außenstehende oder Nichtsympathisanten. Diese Reaktion trete nicht bloß erst nach ausführlichem Lesen der Zeitung am nächsten Tag ein, sondern die Wahrnehmung, je nachdem ob man zur „ingroup“ oder „outgroup“ gehöre, unterscheide sich schon nach Millisekunden.

Aktuelle Studie: Macht entscheidet über Gehirnreaktion

Die Position eines Sprechers im Machtgefüge einer Gesellschaft entscheidet, wie seine Äußerungen von Zuhörern wahrgenommen werden.
Marburg. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die die Marburger Neurolinguistin Ina Bornkessel-Schlesewsky zusammen mit dem Mainzer Sprachwissenschaftler Matthias Schlesewsky sowie Sylvia Krauspenhaar am 24. Juli 2013 im frei zugänglichen Wissenschaftsjournal „Plos One“ publiziert hat.

Den Worten auch Taten folgen lassen

Beispielsweise gehen Zuhörer davon aus, dass Politiker wie der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan eher in der Lage sind, seinem historischen Aufruf „Tear down this wall!“ Taten folgen zu lassen als einfache Bürger. Für die Studie führte das Wissenschaftlerteam den Probanden Videoaufnahmen mit plausiblen und nicht plausiblen Äußerungen eines politisch einflussreichen Entscheidungsträgers, eines bekannten Nachrichtensprechers und einer unbekannten Person vor.  Die Sprecherrollen waren mit dem damaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und Nachrichtensprecher Ulrich Wickert prominent besetzt. Die Reaktionen des Gehirns auf nicht plausible Aussagen zu aktuellen Ereignissen (z. B. „Die Bundesregierung verkündet den Austritt aus dem NATO-Verbund.“) fielen je nach Sprecher verschieden aus: Politiker erzeugten andere Reaktionswerte als die restlichen Sprecher. Unwahrscheinliche Aussagen zu allgemein bekannten Themen (z. B. „Fidel Castro ist ein Popsänger.“) führten hingegen bei allen drei Sprechern zu ähnlichen Hirnreaktionen. Die Effekte treten sehr schnell auf, nämlich innerhalb von 150–450 Millisekunden, nachdem der Proband die Äußerung gehört hat. „Dies weist darauf hin, dass der soziale Status des Sprechers direkt die Reaktion beeinflusst”, erklärt Bornkessel-Schlesewsky.

Entscheidend ist die Überzeugung: Der macht’s

„Dabei ist es wichtig, ob der Hörer davon ausgeht, dass der Sprecher tatsächlich die Macht hat, das Gesagte in die Tat umzusetzen. Politischen Entscheidungsträgern wird deutlich mehr zugetraut als einfachen Bürgern oder anderen prominenten Persönlichkeiten.“  Bisher sei man nur davon ausgegangen, dass zu den zahlreichen Faktoren, die Hirnreaktionen auf sprachliche Äußerungen hervorrufen, beispielsweise das Allgemeinwissen des Zuhörers oder auch seine momentane Gemütsverfassung gehören.

Grammatik und Bedeutung

Einen wichtigen Beitrag zur neurolinguistischen Theorie über die Verarbeitung von Sprache im Gehirn lieferten Ina Bornkessel-Schlesewsky und Matthias Schlesewsky mit mehreren Studien schon in den Jahren 2009 bis 2011.
Viele Neuroforscher hielten es bis dahin für selbstverständlich, dass unser Denkorgan Grammatik anders verarbeitet als etwa die Bedeutung von Wörtern. Mit dieser Ansicht räumten die Linguisten auf. In einem Artikel mit dem Titel „Abschied vom Baukastenprinzip“ für die Zeitschrift Gehirn & Geist im September 2011 haben sie ihre Erkenntnisse zusammengefasst. Hier einige Auszüge:
„Lange galt als sicher, dass die neuronale Sprachverarbeitung Syntax und Semantik strikt voneinander trennt. Diese ,Baukastenperspektive‘ entspringt letztlich der griechischrömischen Grammatiktradition, die bereits vor etwa 2000 Jahren zwischen der Lehre vom Satzbau („Syntax“) und derjenigen von der sprachlichen Bedeutung („Semantik“) differenzierte. Im EEG wiesen so genannte ereigniskorrelierte Potenziale (EKPs) nach grammatischen Regelbrüchen auf eine isolierte Hirnaktivität hin.“

Reaktion auf überraschende Umweltreize

Mit Hilfe so genannter ereigniskorrelierter Potenziale (EKPs) lassen sich Reaktionen des Gehirns auf überraschende Umweltreize im Elektroenzephalogramm (EEG) erfassen. Die Messung basiert auf der Veränderung des elektrischen Felds an der Schädeloberfläche, die wiederum auf Aktivitätswechsel im Gehirn zurückgehen. Diese beruhen auf dem Informationsaustausch zwischen Neuronenverbänden und stellen somit eine natürliche Eigenschaft des lebenden Gehirns dar.“
So konnten laut Bornkessel-Schlesewsky Forscher in früheren Studien eine  unterschiedliche Reaktion im Gehirn feststellen, je nachdem ob die Unregelmäßigkeit in einem Satz grammatikalischen oder semantischen Ursprungs war (zum Beispiel: „Er bestrich das warme Brot mit Socken“) „Sprachübergreifend zeigt sich jedoch in den EKPs keine klare Trennung zwischen grammatischen und bedeutungstragenden Informationen im Gehirn.  Diese Ergebnisse erschüttern das bisherige Modell der Sprachanalyse. Das Gehirn scheint zwischen Grammatik und Bedeutung nicht streng zu unterscheiden.“

Zur Person

Prof. Dr. Ina Bornkessel-Schlesewsky konnte im Alter von 26 Jahren schon auf eine Vielzahl von beruflichen Erfolgen und Auszeichnungen zurückblicken. Sie war mit 22 Jahren die jüngste Doktorin der Max-Planck-Gesellschaft. Die diplomierte Sprachwissenschaftlerin leitete schon seit 2005 die selbstständige Nachwuchsgruppe ­Neurotypologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und betrieb dort Grundlagenforschung.
Ihr Erkenntnisinteresse ist, was in unserem Gehirn passiert, wenn wir sprechen und Sprache hören. Seit April 2009 ist sie Professorin für Neurolinguistik am Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Philipps-Universität Marburg.
Sie arbeitet zusammen mit ihrem Mann, dem Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Matthias Schlesewsky, der 2002 von der Uni Marburg zur Johannes-Gutenberg-Universität Mainz gewechselt ist.
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