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Bergregion ist vielfältig und einzigartig

Forschung Marburg: Himalaya-Handbuch Bergregion ist vielfältig und einzigartig

40 Jahre hat der Geographie-Professor Georg Miehe Hochgebirgsforschung betrieben: Fokussiert auf Nepal hat er ein Himalaya-Handbuch herausgegeben.

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Dieses eindrucksvolle Bergpanorama zeigt mehrere Achttausender des Himalayas nebeneinander sowie das darunter gelegene Langtang-Tal.

Quelle: Johannes Meidinger

Marburg. Der Himalaya ist das höchste Gebirge der Erde sowohl in Bezug auf die Höhe der Berggipfel als auch, was die räumliche Ausdehnung anbetrifft. Er beeinflusst das globale Klima und bietet Raum für eine große biologische und kulturelle Vielfalt. „In diesem subtropischen Klima haben wir eine bedeutende Vegetationsdynamik, die auch stark menschbeeinflusst ist“, erläuterte Professor Miehe im Gespräch mit der OP.

Der weltweite Klimawandel wirkt sich auch im Himalaya aus. So zeigen zwei Vergleichsfotos ein und derselben Gletscherregion aus den Jahren 1955 und 2012 signifikante Unterschiede: Die Aufnahme aus jüngster Zeit zeigt deutlich weniger Eis-Zinnen und kürzere Gletscher-Zungen.

Auswirkungen des Klimawandels in einem Hochgebirge können jedoch nicht generalisiert werden, denn das Relief dieses steilsten Gebirges der Erde bietet viele Nischen, so dass ein Artensterben durch Erwärmung unwahrscheinlich ist.

Das Gebirge war auch während der Eiszeit bewaldet und damit vergleichsweise ökologisch stabil. „Die Auswirkungen des globalen Klimawandels im Himalaya-Gebiet sind vergleichsweise unbedeutend im Vergleich mit den Auswirkungen der Landnutzung durch den Menschen“, sagt Miehe zudem.

„Bergflucht“ in Nepal

Die Bevölkerungszunahme habe generell zur weiteren Rodung der Wälder und einer Ausweitung der Ackerflächen und des Weidelandes geführt. Andererseits führe aber die „Bergflucht“ zur Aufgabe von Ackerland und dem Verfall der bergbäuerlichen Kulturlandschaft in entlegenen Hochtälern.

Außerdem gebe es ausufernde städtische Agglomerationen mit großen Problemen der Wasser- und Lufthygiene. ­Der Hochgebirgs-Tourismus rund um den Mount Everest ist immer noch die wichtigste Einnahmequelle für Nepal, aber die Arbeitsmigration nach Indien und in die Golfstaaten hat die Abwanderung verstärkt.

Eine von den Forschern bisher nur unzureichend beantwortete Frage ist, seit wann das Klima und die Landschaft von Menschen beeinflusst worden ist. Zwar seien die Hochgebirge im Himalaya generell durch das Steilrelief und die Sauerstoffknappheit lebensfeindliche Räume.

Jedoch gebe es gewisse Hinweise, dass auch der Himalaya schon sehr früh von Menschen erschlossen worden sei. Einige Bergtäler seien wohl erst vor einigen Jahrhunderten von Menschen in Nutzung genommen worden. In anderen Tälern sei die früheste bäuerliche Landnahme schon zu einer ähnlichen Zeit erfolgt wie in Marburg – also vor rund 5000 Jahren, berichtet Miehe. Noch weitgehend unbekannt sei auch die Auswirkung der Gebirgsbildung auf die Evolution von Pflanzen und Tieren.

Einzigartige Biodiversität

Allein 6200 verschiedene Pflanzenarten sind in Nepal in den vergangenen Jahrzehnten von Forschern verzeichnet und gefunden worden. Das sind auf einem Drittel der Fläche Deutschlands doppelt so viele Pflanzenarten. Dazu zählen beispielsweise Rhododendren, Primeln, Enziane oder Orchideen.

Diese einzigartige Biodiversität festzuhalten, war das Ziel des jetzt von dem Marburger Geographen Professor Georg Miehe herausgegebenen Kompendiums, das basierend auf einer Fülle wissenschaftlicher Daten den aktuellen Forschungsstand in Sachen Naturgeschichte und Ökologie zusammenfasst (siehe unten).

Miehes besonderes Interesse gilt dem Alter und der Entwicklung von Kulturlandschaften des Hochgebirges. „Wir beschränken die Darstellung nicht auf Nepal, sondern beschreiben den Naturraum im geografischen Kontext“, erläutert Miehe das Konzept des Bandes. Das Werk fasst den gegenwärtigen Kenntnisstand über die Region zusammen, präsentiert aber auch neue Daten und entwickelt neue Perspektiven.
Zudem soll es aufzeigen, welche Wissenslücken weitere Forschungen erforderlich machen.

„Wir kommen hier nur voran, wenn viele Disziplinen zusammenwirken“, bekräftigt Miehe, der Biogeographie und Hochgebirgsökologie an der Philipps-Universität lehrt. Gleichzeitig freut er sich, dass er neben der Mitwirkung von Kollegen aus der Region und vom Royal Botanic Garden aus Edinburgh auch auf die breite Unterstützung durch Experten der Marburger Universität bauen konnte.

Mit mehreren hochkarätigen Forschungsvorhaben in Ecuador, Tansania und Äthiopien sei Marburg ein international bedeutsames Zentrum der Hochgebirgsforschung, sagt Miehe. Die Herausgabe des Himalaya-Handbuchs und diese Forschung sei ohne die Unterstützung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft nicht möglich gewesen.

von Manfred Hitzeroth

 
Hintergrund

Im Jahr 2008 begannen die Vorarbeiten für das Kooperationsprojekt zwischen der Philipps-Universität und dem Royal Botanic Garden Edinburgh: Jetzt haben mehr als 40 Fachleute aus aller Welt unter Federführung des Marburger Geographie-Professors Georg Miehe eine naturkundliche Monographie in englischer Sprache vorgelegt, die mit dem Schwerpunkt auf Nepal das Wissen über die Region zusammenfasst.

„Die Beiträge behandeln die Geologie der Region, ihr Klima und die Klimageschichte, das Relief dieses extrem steilen Gebirges einschließlich der Erdbebengefährdung, die Böden, die Evolution der Tier- und Pflanzenwelt im Zusammenhang mit der Heraushebung des Himalaya, die kulturelle und sprachliche Vielfalt sowie die Landnutzung und den Naturschutz“, erläutert Miehe.

Breiten Raum nehmen die Darstellung der Wälder und alpinen Matten des Himalaya ein. Für die außergewöhnlich gute Ausstattung mit Karten und wissenschaftlichen Abbildungen war die Marburger Kartographin Christiane Enderle von der Philipps-Universität verantwortlich. Eine Fülle eindrucksvoller Fotografien aus der Hochgebirgslandschaft des Himalaya ergänzen den Band.

  • Georg Miehe, Colin Pendry & Ram Chaudary (Hg.): Nepal: An introduction to the natural history, ecology and human environment of the Himalayas. A companion to the Flora of Nepal (in englischer Sprache), Edinburgh (Royal Botanical Garden) 2015, 576 Seiten, 99 Euro.
 
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Exkursionen führen in unwegsames Gelände

Seit dem Jahr 1976 unternimmt der Geograph ­Professor Georg Miehe Forschungsreisen in das Hochgebirge – vorwiegend im Himalaya-­Region und in Tibet.

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