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Auf der Spur des Greifvogelflugs

Rotmilane Auf der Spur des Greifvogelflugs

Welche Faktoren beeinflussen die Wahl des Lebensraums und das Flugverhalten der Rotmilane? Das untersuchen Biologen der Uni Marburg in einem Forschungsprojekt.

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Der Marburger Biologe Sascha Rösner hält einen Rotmilan fest.

Quelle: S. Rösner/pixeldiversity.com

Marburg. 20 hessische Rotmilane fliegen seit dem Frühsommer rund um die Uhr unter Beobachtung. Für das Forschungsprojekt der Marburger Biologin Theresa Spatz wurden sie mit modernsten Satellitensendern ausgestattet. Diese ermöglichen es, ihre Flugbewegungen in Sekundenabständen sowohl  am Tag als auch in der Nacht exakt nachzuvollziehen und zu visualisieren.

Das Marburger Forschungsprojekt zur Bewegungsökologie der heimischen Greifvögel soll nähere Aufschlüsse über die Wahl ihrer Brutstandorte und ihres Lebensraums liefern.

Ein ganzes Bündel an Fragen interessiert Theresa Spatz, die von Dr. Dana Schabo, Professorin Nina Farwig  und Sascha Rösner sowie sechs Bachelor-Studierenden unterstützt wird:

  • Was macht ein geeignetes Habitat für Rotmilane aus?
  • Welcher Baum ist besonders geeignet für die Vögel, um zu brüten?
  • Wie muss die Umgebung gestaltet sein, damit sie besonders gut Nahrung finden?
  • Wodurch werden die Flugbewegungen der Rotmilane beeinflusst?

Die Rotmilane sind Greifvögel, die ausschließlich in Europa vorkommen. Allein die Hälfte der Population brütet in Deutschland. Vogelkundliche Untersuchungen dokumentieren seit vielen Jahren einen Rückgang der Bestände. „Sowohl die Anzahl der Brutpaare als auch der Bruterfolg sind rückläufig“, erläutert Spatz. Die Ursachen sind nach dem bisherigen Stand der Forschung vielfältig: Dazu zählen ein Rückgang der Nahrungsgrundlage (Kleinsäuger, Vögel) aufgrund des vermehrten Einsatzes von Pestiziden in der Landwirtschaft oder auch die gezielte Verfolgung durch Vergiftung, erläutert die Biologin.

Besonders im Fokus der Öffentlichkeit sind allerdings die Windkraftanlagen, die verantwortlich sind für mindestens 350 Todesfälle von Rotmilanen zwischen 2002 (Beginn der Statistik) und 2017. Zwar liegen sie damit in den „Schlagopfer-Karteien“ in der absoluten Zahl der vergleichbaren Großvögel noch knapp hinter den Mäusebussarden (496), doch diese verfügen über ein größeres Verbreitungsgebiet und mit einer Zahl von zwischen 80 000 und 135 000 Revieren über eine weitaus größere Population in Deutschland  als die Rotmilane mit zwischen 12 000 und 18 000 Brutpaaren.

Wie kommt es aber eigentlich zu den Unfällen, bei denen die Rotmilane von den Rotoren oder deren Luftzug erfasst werden? „Heutzutage werden immer mehr Windkraftanlagen in der Umgebung von Feldern errichtet, die Milane zur Jagd nutzen. Auf den Flächen um die Fundamente der Anlagen wird in der Regel die Vegetation niedrig gehalten, so dass Rotmilane dort potenziell Nahrung finden könnten“, erklärt die Biologin.

Flüge in Winterquartiere

Beim Segeln hoch über der Landschaft auf der Suche nach Jagdbeute kann es aber passieren, dass die auf die Nahrungssuche fokussierten Greifvögel vom Luftzug der Rotoren erfasst werden. Aufgrund der EU-Gesetzgebung bei Planungsvorhaben wie der Errichtung oder dem Ausbau von Windkraftanlagen muss der Schutz der Rotmilane wie auch der anderer Großvogelarten aus naturschutzfachlicher Sicht berücksichtigt werden. Das Vorkommen von Rotmilan-Horsten in Entfernung von weniger als einem Kilometer gilt als Ausschlusskriterium für Bau oder Erweiterung einer Windanlage. „Hessen hat mit mehreren Tausend Brutpaaren eine besondere Verantwortung für den Schutz der bedrohten Art“, meint Theresa Spatz.

In anderen Bundesländern vor allem im Osten Deutschlands gab es schon einige Bewegungsstudien zu den Rotmilanen. In Hessen läuft derzeit nur im Vogelsberg eine vergleichbare Studie, bei der die Anzahl der Tiere aber viel geringer ist.

Im Vergleich zu kleinräumigen Studien ist die Studie der Uni Marburg ambitionierter, weil sie Vögel aus unterschiedlichen Regionen eines Bundeslandes sowie verschiedene Konfliktfelder in den Blick nimmt. Derzeit sind die Vögel aus Hessen schon fast alle – nach Flugrouten von mehr als 1 000 Kilometern – auf dem Weg zu ihren Winterquartieren im Süden Europas angekommen. Dabei gab es allerdings vor einigen Tagen ein Opfer zu beklagen. Ein Vogel – von den Forschern Greta genannt – wurde vor den Toren der Großstadt Sevilla im Süden Spaniens tot aufgefunden. Der Ort, an dem der tote Rotmilan entdeckt wurde, liegt unweit eines auch für die überwinternden Greifvögel beliebten Schlafplatzes nahe einer Mülldeponie. Die Marburger Forscher hatten Alarm geschlagen, nachdem vom Satellitensender zwei Tage lang keine Bewegungsveränderung gemeldet worden war. Spanische Vogelschützer haben nun den dringenden Verdacht auf eine Vergiftung als Todesursache, was mittels Obduktion geklärt wird.

Auch die Auswertung der Bewegungsdaten aus den Überwinterungsgebieten ist für die Forscher von Interesse. Besonders faszinierend findet es Theresa Spatz, dass die Vögel an Engstellen wie beim Überflug des riesigen Gebirgsmassivs der Pyrenäen vorwiegend dieselben Korridore, wenige Täler in den nördlichen Pyrenäen, nutzen.

von Manfred Hitzeroth

Peilsender erheben rund um die Uhr Flugdaten

Für das Rotmilan-Projekt wird modernste Technik angewendet, um dem Flug der Vögel auf der Spur zu bleiben.

Technologisches Kernstück des Marburger Projektes ist die Ausstattung der Greifvögel mit Mini-Satellitensendern, die wenig größer als eine Streichholzschachtel sind und rund 20 Gramm wiegen. Diese Sender sind mit Solareinheiten ausgestattet und können über mehrere Jahre lang hochaufgelöste Daten über die genauen Positionen der Vögel, ihre Beschleunigung, die Flughöhe und den Neigungswinkel des Flugs liefern.

Die Daten sollen Ergebnisse dazu liefern, wie die Anteile von Wald, Grün- oder Ackerland oder auch unterschiedliche Distanzen zu Windkraftanlagen den Bruterfolg, die Bewegungsräume oder die ­Territoriengröße der Rotmilane beeinflussen. Aussagekraft bekommen die Daten, wenn spezifische vorab gesammelte Informationen zum Zuschnitt der Territorien der 20 mit Sendern versehenen Vögel eingearbeitet werden. Gesendet werden die Daten einmal am Tag über das Handynetz. Mittlerweile liegen schon Millionen von Einzeldaten aus der ersten Sommersaison in Hessen vor, und die erste Auswertungsphase kann starten.

Das sind allerdings noch keine Daten aus der Brutphase der Vögel, die üblicherweise von März bis Juni andauert. Das Forschungsteam um Theresa Spatz, Sascha Rösner und Dr. Dana Schabo und Professorin Nina Farwig will mit dem zunächst auf drei Jahre angelegten Projekt mit zur Erarbeitung einheitlicher Richtlinien zur Berücksichtigung des Rotmilan-Schutzes beim  Aufstellen von Windkraftanlagen beitragen. Unter anderem soll durch die Analyse der Peilsender-Ergebnisse auch geklärt werden, wie viele Stunden der klassischen „Live-Beobachtung“ des Rotmilan-Flugs durch Vogelexperten für eine effektive Analyse der Raumnutzung der Vögel notwendig sind. Bisher variiert die Anzahl dieser Stunden bei der Anfertigung eines Vogelschutzgutachtens nämlich zwischen 48 und 252 je nach Bundesland.

Für die Anbringung der Peilsender bedurfte es mehrerer Genehmigungen und einer generalstabsmäßig organisierten Vorplanung. Zunächst suchte Theresa Spatz aus 560 Rotmilan-Horsten in Hessen die für das Forschungsprojekt am besten geeigneten Standorte heraus. Dann mussten die  Rotmilane gefangen werden, um sie mit den Sendern auszustatten, die sie fortan wie „kleine Rucksäcke“ tragen.

Angewendet wurde dabei eine bei vergleichbaren Stu­dien erprobte und  als ungefährlich geltende Methode. Die Rotmilane werden dabei von einem ausgestopften Uhu angelockt, der aus der Naturhistorischen Sammlung Wiesbaden ausgeliehen wurde. Der Uhu „Fritz“ diente als „Lockvogel“ und wurde immer dann in der Nähe der Milan-Neste (Horste) auf einer Freifläche aufgestellt, wenn die Altvögel den Horst aufgrund von Nahrungssuche für die Jungen verlassen hatten. Der tote, aber für die Vögel äußerst lebensecht wirkende Uhu wurde als potenzielle Gefahr für die Brut angesehen und von den Milanen attackiert.

Beim Anflug auf den Uhu verfingen die Vögel sich dann in einem weichen, grobmaschigen Netz. Daraus befreit, verfallen Rotmilane in eine Schutzstarre, so dass sie dann von den speziell dafür geschulten Biologen „verkabelt“ werden konnten. Nähere Einzelheiten zu allen mit Peilsendern versehenen Vögeln finden sich auf der Internet-Seite „www.rotmilane.de“. Alle „Projekt-Milane“ haben von den Forschern Namen bekommen, wie beispielsweise Agathe, ein weiblicher Rotmilan, dessen Brutgebiet sich auf dem Gebiet des Marburger Stadtteil Bauerbach befindet. Auf einer täglich aktualisierten Landkarte lassen sich die Flugrouten der Vögel in ihre
Überwinterungsgebiete detailliert nachverfolgen.

von Manfred Hitzeroth

 
Hintergrund
Das Projekt der Erforschung der Bewegungsökologie der Rotmilane in Hessen wird durch ein Promotionsstipendium für Theresa Spatz in Höhe von 65 000 Euro durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) finanziell gefördert. Noch einmal dieselbe Summe kommt aus Mitteln des Fachbereichs Biologie für die AG von Professorin Nina Farwig hinzu. Kooperationspartner sind unter anderem der Dachverband für Avifaunistik, die Hessische Gesellschaft für Ornithologie, der Nabu-Landesverband Hessen, die Staatliche Vogelschutzwarte für Hessen, der Landesbetrieb Hessen Forst und die Freilandökologen Christian Gelpke und Steffen Koschkar.
 
Zur Person

Theresa Spatz (32, Fotos: Manfred Hitzeroth) stammt aus der Nähe von Aschaffenburg. Seit 2010 studiert sie Biologie, zunächst an der Uni Würzburg. Nach dem Bachelor-Abschluss wechselte sie an die Uni Marburg. Ihre Masterarbeit über das Bewegungsverhalten von Kapgeiern in Südafrika schloss sie 2016 ab. Derzeit arbeitet sie an einer Dissertation über das Bewegungsverhalten von Rotmilanen in Hessen.

Sascha Rösner (44) stammt aus der Eifel. Sein 1995 begonnenes Biologie-Studium an der Marburger Universität  schloss er im Jahr 2001 mit dem Diplom ab. Seitdem forscht er in der Arbeitsgruppe Tierökologie am Fachbereich Biologie zur Populationsgenetik verschiedener Großvogelarten. Zudem arbeitet er bei mehreren Studien zum Bewegungsverhalten von Vögeln der Arbeitsgruppe Naturschutz mit. Mit seiner Firma für Webdesign arbeitet er für Naturschutzverbände.

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