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„Antifeminismus spaltet Gesellschaft“

Geschlechterforschung „Antifeminismus spaltet Gesellschaft“

Wieso sind Proteste gegen den Feminismus zunehmend polemischer und diffamierender geworden, fragt in einem neuen Forschungsvorhaben ein Team des Zentrums für Genderforschung.

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Gegen eine Ausbreitung des Gender-Mainstreaming protestierten im Sommer 2015 Tausende in Baden-Württemberg.

Quelle: dpa

Marburg. „Wir hatten den Eindruck, dass es in verschiedenen Praxisfeldern zunehmend ideologische Auseinandersetzungen in Fragen der Geschlechterdebatte gibt“, erläutert die Marburger Politikwissenschaftlerin Professorin Annette Henninger. Dabei gebe es immer mehr antifeministische Äußerungen, nicht nur vonseiten der „neuen Rechten“ wie der AFD oder der Pegida, sondern auch von einzelnen Wissenschaftlern.

Ausgehend von diesem ersten Befund wurden im Jahr 2016 Gelder für das Forschungsprojekt „Reverse“ beantragt (siehe Hintergrund). Für das Vorhaben erhält das Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung der Philipps-Universität nun knapp eine Million Euro vom Bundesforschungsministerium. 15 Forscherinnen und Forscher aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen nehmen an dem Gesamtvorhaben mit fünf Teilprojekten teil (siehe unten).

Gefragt werden soll, wie in den antifeministischen Diskursen argumentiert werde, welche Strategien damit verfolgt werden und wer sich dafür einsetze. „Oftmals ist von einem regelrechten ‚Gender-Wahn‘ die Rede, der Menschen in ihren Werten und ihrer Mündigkeit angreife“, sagt Henninger. So werde beispielsweise geschlechtergerechte Sprache als „Kulturfrevel“ bezeichnet, und die „Gender Studies“ würden  als unwissenschaftliche Ideologie angesehen. Gegen staatliche Gleichstellungspolitiken, Genderforschung und die gesellschaftspolitische Liberalisierung der Geschlechterverhältnisse formiere sich aktuell politische Kritik von rechts, die teils auch im konservativen oder liberalen Lager auf Zustimmung stoße.

In den vergangenen Jahren habe es bei den antifeministischen Diskursen eine starke Mobilisierung gegeben und die Diskurse würden in der politischen Debatte auch gezielt eingesetzt, diagnostiziert Henninger.

Dabei zeigt die Marburger Forscherin durchaus Verständnis für einige der geäußerten Bedenken. So sei dem traditionellen Familien- und Geschlechterbild in den vergangenen Jahren in Deutschland der Boden unter den Füßen weggezogen worden. „Lebensmodelle, die Gewohnheiten geprägt haben, haben sich geändert“, erläutert die Forscherin. Dies werde von manchen Menschen als bedrohlich empfunden.

Themen mit Sprengkraft

Von feministischer Seite gehe es darum, wie unter gewandelten Bedingungen eine geschlechtergerechte Gesellschaft aussehen könne, und nicht darum, dass Frauen über Männer herrschen sollen, sondern um eine geschlechtergerechte Gesellschaft, macht die Marburger Politikwissenschaftlerin deutlich. Zwar adressieren die antifeministischen Diskurse aus ihrer Sicht also brisante Fragen in Bezug auf die gesellschaftliche Neuverhandlung der Geschlechterverhältnisse.

Und die Art und Weise, wie polemisch und diffamierend diese Themen verhandelt würden, zeige auch die gesellschaftspolitische Intensität und Sprengkraft des Themenspektrums. Zugleich  werde aber damit der gesellschaftliche Zusammenhalt bedroht. Fragen von Geschlechterpolitik und geschlechtlicher oder sexueller Identität seien verstärkt ideologisch aufgeladen, und die bisherigen Errungenschaften würden zum Teil sehr aggressiv in Frage gestellt.

„Antifeminismus spaltet die Gesellschaft“ ist somit die Ausgangsthese des Forscherinnen-Teams.

Eine neue Dimension der Auseinandersetzung gebe es auch insofern, weil Geschlechterforscherinnen und -forscher zunehmend mit persönlichen Drohungen konfrontiert würden. Sogar die Ankündigung der Förderung des Forschungsprojektes stieß schon sofort auf erboste Reaktionen im Internet. So wurden die Fördergelder in einem Beitrag als „eine Million in der Kriegskasse gegen  Genderkritiker“ bezeichnet. „Wir sind nicht auf dem Kriegspfad“, sagt Henninger.

Zum Gesamtprojekt gehört auch der Transfer der erarbeiteten Forschungsergebnisse in die Praxis mithilfe von Workshops, Broschüren oder Lernmodulen. Geplant ist die Zusammenarbeit mit Bildungsträgern und Frauenbeauftragten, aber auch mit Institutionen wie der Landeszentrale für politische Bildung.

von Manfred Hitzeroth

Von der „Ehe für alle“ bis zur neuen Mütterlichkeit

Das Arbeitsprogramm des Marburger Forschungsprojektes sieht fünf Fallstudien vor.

Im Marburger Forschungsprojekt „Reverse“ soll das Thema „Krise der Geschlechterverhältnisse? Anti‑feminismus als Krisenphänomen mit gesellschaftsspaltendem Potenzial“ genauer analysiert werden. Im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojektes an der Uni Marburg gibt es fünf Fallstudien.

Deren Ziel ist es, die verschiedenen Dimensionen des Antifeminismus genauer zu untersuchen und Handlungsempfehlungen zu entwickeln.

  • Die erste Fallstudie wird von den Professorinnen Ursula Birsl und Annette Henninger geleitet. Die beiden Politikwissenschaftlerinnen beschäftigen sich dabei mit der Debatte um die „Ehe für alle“, die sie als typisches Beispiel für einen „Liberalisierungsdiskurs“ in der Geschlechterpolitik und die damit einhergehende Gegenbewegung ansehen. „Dieses politisch kontroverse Thema war auch in vielen Parteien umstritten“, erläutert Henninger. Bundesweit in die Schlagzeilen geriet das Thema kurz vor der parlamentarischen Sommerpause, als der Bundestag die Einführung der „Ehe für alle“ mehrheitlich beschloss. Seit dem Herbst dürfen auch schwule und lesbische Paare heiraten. Für das Forschungsprojekt sollen Bundestagsabgeordnete aller Parteien dazu befragt werden, wie der Debattenverlauf in ihren Parteien war. Zudem soll die Berichterstattung in den Medien in die Analyse einbezogen werden.

Interviews mit Kritikern

  • Fallstudie zwei wird vonDr. Marion Näser-Lather (Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft) geleitet. Darin geht es um die antifeministischen Diskurse in der Wissenschaft. Von Vertretern verschiedener Wissenschaftsdisziplinen wie der Evolutionsbiologie, der Neurowissenschaften, aber auch der Soziologie oder der Betriebswirtschaft werden die „Gender Studies“ infrage gestellt. „Sie werden dabei als Ideologie oder quasireligiöse Strömung diffamiert und den Forscherinnen wird Wissenschaftlichkeit abgesprochen“, formuliert Näser-Lather. Genauer erforscht werden soll die Genderforschungskritik auch mithilfe von Interviews mit den Kritikern.
  • Die Fallstudie zum Thema Sexualpädagogik wird von der Erziehungswissenschaftlerin Professorin Susanne Maurer geleitet. Dabei geht es um Konflikte um sexuelle Bildung an Schulen. Ausgangspunkt sind die Proteste gegen den Bildungsplan der rot-grünen Landesregierung in Baden-Württemberg in den Jahren 2014 und 2015. In der Reform des Sexualkunde-Unterrichts wurden auch Bausteine eingearbeitet, in denen es um Toleranz gegenüber verschiedenen Spielarten der Sexualität wie der Homosexualität ging. Kritiker verknüpften dieses Thema mit der Angst vor einer „Frühsexualisierung“ von Kindern.
  • Die vierte Fallstudie unter der Überschrift „Mutterschaft als Krisenarena“ leitet die Psychologin Dr. Helga Krüger-Kirn. Hier stehen im Mittelpunkt neue Entwicklungen in der Frage eines Mutterbildes, wie sie beispielsweise verstärkt in Elternratgebern und -zeitschriften thematisiert werden. Dabei geht unter anderem um die Betonung der wichtigen Bedeutung des Stillens und einer frühkindlichen Bindung an die Mutter. Dadurch würden nicht nur neue Ansprüche an Mütter formuliert, sondern auch Weichen für eine Re-Traditionalisierung der Geschlechter- und Familienverhältnisse gestellt.
  • Fallstudie fünf leiten Dr. Barbara Gruber (Kultur- und Sozial‑anthropologie) sowie die Erziehungswissenschaftlerin Denise Bergold-Caldwell. Darin geht es unter der Überschrift „Ethnisierung von Sexismus“ um die Aufarbeitung der Debatte zu Geschlecht und Sexualität nach den massenhaften sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht 2015/2016 in Köln. Die Fallstudie untersucht, wie sich dieser Diskurs in Integrationschulungen für Flüchtlinge niederschlägt. Zudem wird die mediale Debatte zu den Übergriffen untersucht. Dabei seien die Themen Geschlechterungleichheit und Sexismus vorrangig als Probleme „kulturell Anderer“ und insbesondere muslimischer Männer beschrieben worden, so die Forscherinnen. Die alltägliche sexuelle Gewalt schaffe es hingegen in der Regel nicht in die Schlagzeilen der überregionalen Medien.

von Manfred Hitzeroth

 
Hintergrund

Das Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung der Philipps-Universität Marburg erhält knapp 975 000 Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in einer zweijährigen Projektlaufzeit bis Herbst 2019 für das Projekt „Reverse“. Ziel ist die Erforschung antifeministischer Diskurse in Deutschland. Professorin Annette Henninger und ihr Team haben Anfang Oktober ihre Forschungsarbeit aufgenommen.

Seit 2001 verfügt die Philipps-Universität Marburg über ein Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung (ZGS), das interdisziplinäre Lehr- und Forschungsaktivitäten im Bereich der Geschlechterforschung bündelt und an verschiedenen Forschungsarbeiten zum Wandel der Geschlechterverhältnisse beteiligt ist. Dazu gehören unter anderem Projekte zu Arbeits- und Sozialpolitik und zur Demokratieentwicklung, wie beispielsweise das Projekt „Rechtsextremismus und Gender: politische Sozialisation und Radikalisierungsprozesse im ländlichen Raum. Eine Fallstudie“.

Auch Studien zur Repräsentation der Geschlechterverhältnisse in Medien, Kunst und Kultur, zu Religion und Geschlecht und zu Fragen von Körper, Identität und Gesundheit werden am Zentrum durchgeführt.

 
Zur Person

Professorin Annette Henninger (51, Foto: Thorsten Richter) ist seit 2009 Professorin am Institut für Politikwissenschaften der Uni Marburg.  Sie stammt aus Kassel und wuchs in Burbach bei Karlsruhe auf. Von 1987 bis 1993 studierte sie Politologie und Sinologie an der Freien Universität Berlin. 1999 erfolgte am dortigen Fachbereich ­Politik- und Sozialwissenschaften ihre Promotion zum Thema „Chancen und Barrieren für Frauenförderung in der Berliner Arbeitsmarktpolitik“. Nach Stationen als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Chemnitz und an der Universität Bremen war sie von 2006 bis 2009 stellvertretend Leiterin der DFG-geförderten Nachwuchsgruppe zum Thema „Anerkennung und Ungleichheit in Doppelkarrierepaaren“. Seit 2014 ist sie geschäftsführende Direktorin des Zentrums für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung an der Uni Marburg.

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