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"Die Kluft ist größer geworden"

EU-Ost-Erweiterung "Die Kluft ist größer geworden"

"Der Prozess der Annäherung wird noch lange dauern", sagt Christopher Moss. Der Vorsitzende des Freundeskreises Marburg-Hermannstadt berichtet, wie sich die EU-Mitgliedschaft aus seiner Sicht auf die Partnerstadt und das Land Rumänien ausgewirkt hat.

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Im August vergangenen Jahres besuchten Volkstänzer aus Hessen, mit Beteiligung einer Marburger Delegation, die rumänische Partnerstadt Sibiu.Foto: Manfred Jannasch

Marburg. Seit 15 Jahren fährt Christopher Moss regelmäßig, meist einmal im Jahr, in die Marburger Partnerstadt, deren deutscher Name „Hermannstadt“ lautet. Seitdem hat sich dort „einiges verändert“, wie er sagt. Vor allem äußerlich habe sich, wie in vielen rumänischen Städten „extrem viel getan“. So gebe es in Sibiu nun einen modernen Flughafen, eine neue Universitätsbibliothek, ein deutlich größeres Warenangebot und ein Mobilfunknetz, das „sehr schnell errichtet wurde“. Zurückzuführen sei diese Entwicklung zwar auch auf die allgemeine Verbesserung seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems, seit der EU-Mitgliedschaft Rumäniens habe sie allerdings noch einmal „einen Schub bekommen“.

Das Land trat der Europäischen Union nicht bei der großen Osterweiterung im Jahr 2004, sondern am 1. Januar 2007 gemeinsam mit Bulgarien bei. Darüber, ob der Beitritt zu diesem Zeitpunkt sinnvoll war, stritten sich laut Moss auch die Rumänen selbst. Es habe einige Menschen gegeben, die skeptisch gewesen seien, weil der Staat in vielen Dingen noch nicht auf westlichem Niveau gewesen sei, erläutert er. Er habe jedoch auch mit Rumänen gesprochen, die den Beitritt gerade deswegen befürworteten, da eine Entwicklung unter Angleichung der Standards besser möglich sei. Auch heute hänge die Einstellung des Volkes zur EU davon ab, „mit wem man spricht“.

„Die Kluft ist größer geworden“, konstatiert der ehemalige Erasmus-Koordinator an der Philipps-Universität Marburg. Während sich die Situation in den Städten oft verbessert habe, zählte die Landbevölkerung eher zu den Verlierern des EU-Beitritts. Die Infrastruktur sei noch sehr rückständig, wenn man durch die Orte fahre, sehe man häufig verlassene Häuser und müsse sich über Schotterstraßen bewegen. Die Infrastrukturverbesserungen, die durch die EU begünstigt worden seien, seien dort nicht angekommen.

Arme leiden unter höheren Lebensmittelpreisen

Ein Problem ergebe sich darüber hinaus aber auch für die ärmere Stadtbevölkerung. Durch das erhöhte Warenangebot und die Ansiedlung von westlichen Supermärkten, seien auch die Lebensmittelpreise gestiegen. Die Folge sei, dass der ohnehin ärmere Bevölkerungsteil stark unter diesen negativen Auswirkungen leide. Wie hoch der prozentuale Anteil dieser Menschen liegt, vermag Moss jedoch nicht zu sagen.

Auch in der Wirtschaft biete sich ein geteiltes Bild. Rumänische Unternehmen könnten beim Export kaum mit ausländischen Unternehmen konkurrieren. Andererseits seien gerade in die Region Siebenbürgen einige große Firmen, wie Continental oder Siemens gekommen, die dort aufgrund der niedrigen Löhne produzierten. Im Gegensatz zu einigen anderen Gegenden habe die Region eine sehr niedrige Arbeitslosenquote. Es mangele stattdessen an Fachkräften, da diese oft aufgrund besserer Arbeitsbedingungen das Land verließen.

Nicht verstehen kann Moss daher die Panik eines Teils der deutschen Bevölkerung in der Debatte um die Migration aus Osteuropa. Zwar kämen auch einige schlecht ausgebildete Sinti und Roma nach Deutschland, „die weder hier noch da gern gesehen sind“, viele rumänische Migranten stammten aber auch aus der Bildungselite.

Für die Zukunft hofft er, dass sie auch vor Ort bessere Bedingungen vorfinden. Noch aber laufe die Modernisierung des Landes nur schwerfällig. „Vor allem die Verwaltung ist noch veraltet“, so Moss.

von Peter Gassner

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