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"Steppenpferd" dampft in Holzhausen

Serie Eisenbahn im Hinterland, Teil 38 "Steppenpferd" dampft in Holzhausen

Zu den beliebtesten Anlaufpunkten auf der Gladenbacher Modellbahn- und Autotauschbörse zählt seit Jahren der Stand des Holzhäusers Manfred Hofmann.

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Manfred Hofmann bei der Arbeit an seinem ersten Güterwagen. Hinter ihm hängt bereits ein Plan für den zweiten Güterwagen, den er bauen will.Fotos: Stefan Runzheimer

Gladenbach. Im Gegensatz zu den meisten dort ausgestellten Modellen, die im Maßstab 1:87 gehalten sind, ist sein Nachbau der Baureihe 24 im Maßstab 1:11 gehalten, das bedeutet: Ein Zentimeter im Modell entspricht 11 Zentimetern in der Wirklichkeit, oder in diesem Fall besser 1 Meter entspricht 11 Metern.

Manfred Hofmanns Modell wird - wie eine richtige Dampflok - mit Kohle und Wasser betrieben. Für die Baureihe 24 als Vorbild entschied sich der gelernte Maschinenschlosser und Elektromeister, da das erste Märklinmodell, welches er sich in den 1950er-Jahren von seinem ersten Lehrlingsgehalt kaufte, ebenfalls eines der BR 24 war. Unterstützt wurde die Entscheidung dadurch, dass es für ein Modell in diesem Maßstab bereits einen 16 DIN-A0-Blätter umfassenden Zeichnungssatz gab.

„Zeichnungen allein genügen allerdings nicht“, sagt Hofmann, „Die Details musst du beim Vorbild abfotografieren, denn die kann man nicht alle in den Plänen darstellen.“ Deshalb suchte er auch eine der noch vorhanden Loks auf. Auch kaufte er sich ein Buch über das Vorbild.

Was dann in acht Jahren im heimischen Keller entstand, kann man nur als Meisterwerk bezeichnen. Denn bis auf ganz wenige Teile, welche er im Rohzustand erwarb, entstand alles in der eigenen Werkstatt aus verschiedensten Hohl- und Vollprofilstäben sowie Metallblechen. Zu diesen Teilen gehören die Räder, die er als Gussrohlinge erwarb, welche dann sehr umfangreich nachbearbeitet und mit allerlei Anbauteilen zu vollständigen Dampflok-Radsätzen komplettiert werden mussten.

Ebenso hat er den Kessel aus England hinzugekauft. „Der hat vorschriftsmäßig ein TÜV-Zertifikat und wurde bei einem Druck von 16 bar geprüft“, berichtet er. Allerdings hatte der Kessel keinerlei Anbauteile, auch diese musste er selbst anfertigen. Als die für eine Spurweite von 127 Millimetern ausgelegte Lok zusammengebaut war, wog sie leer, also ohne Kohle und Wasser, insgesamt 109 Kilogramm (Lok 80 kg, Tender 29 kg) und brachte es auf eine Gesamtlänge von 1,57 Metern.

Alleine der Güterwagen besteht aus 560 Teilen

Nun musste die Lok wieder komplett demontiert und die Einzelteile gereinigt werden, damit diese nach dem Lackieren wieder zusammengebaut werden konnten und die Lok damit endgültig fertig war. Allein diese Phase dauerte ein Jahr.

Die Teile, aus denen die Lok besteht, hat er nie gezählt. Ein ebenfalls in seiner Werkstatt entstandener Güterwagen bringt es allerdings schon auf 560 Teile, Schrauben und Muttern nicht mitgezählt.

Einzig im heimischen Garten kann er die Lok wegen ihrer Größe und den damit erforderlichen Radien einsetzten. Doch auch hier zeigte sich der Rentner erfinderisch. Er baute nicht nur eine Vorrichtung, um die Lok im Stand auf Rollen mit einem Elektromotor in geschlossenen Räumen vorzuführen, er baute auch eine Trage- und Transportvorrichtung, um sein Meisterstück andernorts präsentieren zu können.

Doch auch jetzt macht Manfred Hofmann weiter: Sein zweiter Güterwagen befindet sich im Bau. Ein interessantes Detail fällt beim genaueren Betrachten der Maschine am Führerhaus auf. Dort ist unter anderem die Anschrift „Bw Marburg“ zu lesen, womit wir wieder beim Vorbild wären.

Von der BR 24 wurden von 1928 bis 1940 insgesamt 95 Stück gebaut. Wegen ihrer großen Vorräte und dem damit verbundenen Einsätzen auf langen Nebenbahnen in dünn besiedelten Gebieten, erhielten die Loks den Übernahmen „Steppenpferd“. Kurzzeitig wurden in den ersten Jahren einige 24er von Marburg und Frankenberg aus eingesetzt. Damit erklärt sich auch die Beschilderung an Hofmanns Modell.

Museums-„Steppenpferd“ fuhr auch durchs Hinterland

Nach dem Zweiten Weltkrieg verteilten sich die 95 Loks auf die BRD, die DDR, die UdSSR und Polen. In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre wurden die letzten 24er in der Bundesrepublik ausgemustert und verschrottet. Es schien, als würde nie mehr eine Lok der BR 24 durch das Hinterland fahren.

Doch 1972 machten unter Eisenbahnfreunden Gerüchte die Runde. Westdeutsche Eisenbahnfreunde wollten in der DDR eine der letzten 24er als betriebsfähige Museumslok gekauft haben. Die Gerüchte sollten sich als wahr erweisen, die Lok mit der Nummer „24 009“ überquerte 1972 die innerdeutsche Grenze.

Die Fahrten, welche die Eisenbahnfreunde mit ihr unternahmen, waren so erfolgreich, dass schon bald mit „24 083“ eine weitere 24er - diesmal aus Polen - folgte. In der Anfangsphase waren beide in Erndtebrück stationiert. Daher befuhren sie so manches Mal die Obere Edertal - beziehungsweise die Obere Lahntalbahn und durchquerten dabei auch das Hinterland.

von Stefan Runzheimer

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