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Ein "Filmstar" fährt durch Hinterland

Serie Eisenbahn im Hinterland, Teil 18 Ein "Filmstar" fährt durch Hinterland

Während der vergangenen 40 Jahre waren meist auf Initiativen von Eisenbahnfreunden immer wieder Sonderzüge im Hinterland unterwegs.

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Der luxuriöse VT 08.5 durchfährt Biedenkopf. Ein großer Teil der Reisenden genießt die gemächliche Fahrt am offenen Fenster. Zwischendurch hatte der Zug zwischen Niederwalgern und Cölbe die Möglichkeit genutzt, seine Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h auszufahren.

Quelle: Manfred Ritter

Gladenbach. In den 1960er-Jahren stieg das Interesse an der Eisenbahn aus technischer und historischer Sicht immer mehr an. Gleichzeitig wurden gute Foto- und Filmausrüstungen immer erschwinglicher. Ebenfalls gründeten sich die ersten Eisenbahnvereine und die ersten Fachzeitschriften, die sich mit dem Hobby Eisenbahn befassten, erschienen.

Dies machte es möglich spezielle Fahrten für Eisenbahnfreunde zu organisieren. Auf diesen konnte man bereits selten gewordene Dampflokbaureihen noch einmal vor einem Personenzug erleben, die oft nur noch in untergeordneten Diensten im Einsatz waren. Zu solchen untergeordneten Diensten zählten zum Beispiel Güterzüge auf kurzen Strecken oder der Rangierdienst.

Seit Ende der 60er Jahre wurden solche Fahrten mehrmals mit den Dampfloks der BR 94 auf der Scheldetalbahn veranstaltet. Nachdem am 30. April 1972 der planmäßige Dampflokeinsatz im Hinterland endete, bekamen solche Fahrten zunächst einen Dämpfer, da die Eisenbahnfreunde damals den letzten Dampfloks hinterher reisten. Einzig die Tatsache, dass im alten Lokschuppen von Erndtebrück in den 1970er-Jahren eine kleine aber feine Sammlung betriebsfähiger Dampfloks untergebracht wurde, führte dazu, dass man vereinzelt Dampfloks auf der Oberen Lahntalbahn vor einem Sonderzug sehen konnte.

Dampflokfahrverbot 
verhindert Sonderfahrten

Das im Oktober 1977 nach der Abstellung der letzten Bundesbahndampflok erlassene Dampflokfahrverbot auf Bundesbahngleisen ließ dann in unserer Region Sonderfahrten für Eisenbahnfreunde vollständig zum erliegen kommen, da es damals noch kaum historische Dieselloks gab und die Eisenbahnvereine mit ihren Dampfloks auf Privatstrecken oder ins benachbarte westliche Ausland ausweichen mussten.

Sonderzüge gab es nur noch, wenn beispielsweise der Kreisverband des DRK oder ein großer Betrieb einen Betriebsausflug mit der Bahn machten. Allerdings fanden diese Fahrten nicht mit historischen Zügen statt. Das besondere Merkmal solcher Sonderzüge war, dass sie von der Wagen-Anzahl viel länger waren als die sonst verkehrenden Züge.

Einen Wendepunkt stellte die 150-Jahr-Feier der deutschen Eisenbahnen 1985 dar. Zuvor wurden viele Diesel- und Elektroloks und auch Triebwagen, welche ein paar Jahre zuvor aus dem Dienst ausgeschieden waren, für Sonderfahrten reaktiviert. Ebenso wurde das Dampflokfahrverbot für einige Strecken aufgehoben.

Ein besonderes Fahrzeug, das aufgearbeitet wurde, war der VT 08.5. Dabei handelte es sich um die ersten modernen von der Bundesbahn gekauften Fernverkehrstriebwagen der Nachkriegszeit.

Diese zählten zu den luxuriösesten Fahrzeugen der Bundesbahn überhaupt. Deshalb schickte die Bundesbahn im Juli 1954 einen solchen Zug nach Bern, um die Nationalmannschaft um Fritz Walter und Helmut Rahn nach dem Titelgewinn abzuholen.

Der 1985 aufgearbeitete Zug wurde auch nach dem Jubiläum gerne für Sonderfahrten eingesetzt.

So war für den 9. Mai 1987 eine Sonderfahrt von Siegen über Dillenburg, Gönnern, Wallau, Erndtebrück und Kreuztal zurück nach Siegen geplant, um von der Scheldetalbahn Abschied zu nehmen. Auf dieser sollte zum Monatsende der Personenverkehr komplett eingestellt werden, und gar im Abschnitt von Dillenburg bis Niedereisenhausen für immer stillgelegt werden.

Original Weltmeister-Zug war schon verschrottet

Es wäre zweifelsohne der luxuriöseste Zug gewesen, der jemals auf der Scheldetalbahn fuhr. Allerdings hatten die Organisatoren, die schon Plakate und Fahrkarten gedruckt und verkauft hatten, einen Fehler begangen: Der VT 08.5 konnte nicht auf der Steilstrecke eingesetzt werden, da ihm die dafür notwendige zusätzlich Bremse fehlte.

Deshalb fuhr der Zug über Herborn, Gladenbach, Marburg und Biedenkopf nach Wallau. So erlebte die Aar-Salzböde-Bahn den hochwertigsten Zug der je auf ihr verkehrte. Als Sönke Wortmann 2002 „Das Wunder von Bern“ verfilmte, durfte auch die Triumpffahrt mit dem Sonderzug nicht fehlen.

Dabei ließ sich Wortmann nicht, wie viele seiner Kollegen, auf einen faulen Kompromiss mit einem Zug aus einer anderen Zeit oder einem anderen Land ein, sondern ließ den damals letzten VT 08.5 der 16 Jahre zuvor auch im Hinterland fuhr, mit dem historisch korrekten Schriftzug „FUSSBALL-WELTMEISTER 1954“ bekleben.

Der Zug der Baureihe VT 08.5, der 1954 für die Fahrt der „Helden von Bern“ eingesetzt wurde, stand damals nicht mehr zur Verfügung. Er war bereits Jahre zuvor verschrottet worden.

von stefan Runzheimer

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