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Zwischen Philosophie und Schlagerzirkus

Tobias Reitz Zwischen Philosophie und Schlagerzirkus

Millionen Fans wollen Helene Fischer ganz nah sein. Ein gebürtiger Marburger ist jedes Mal mit auf der Bühne, wenn sie singt. Und zwar in ihren Liedern. Wenn die Worte ihrer Schlager berühren, dann ist das oft der Verdienst von Texter Tobias Reitz.

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Tobias Reitz ist einer der erfolgreichsten Songtexter in ganz Deutschland.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg .  Etwa zehn Millionen Menschen sitzen in Deutschland vor den Fernsehern, als Schlager-Star Helene Fischer am 5. Oktober 2013 mit ihrer ersten Single-Auskoppelung aus dem gerade erschienenen Album „Farbenspiel“ bei „Wetten, dass..?“ auf der Bühne steht. Sie singt: „Verplant und verpeilt, daneben gestylt, so komm ich mir manchmal vor. Unverhofft und gehemmt, das Zeitgefühl klemmt, mit mir selbst nicht ganz d’accord.“ und im Refrain: „Keiner ist fehlerfrei! Was ist denn schon dabei? Spinner und Spieler, Träumer und Fühler hat diese Welt doch nie genug.“
Zeilen, die viele ihrer Fans berühren und die unter die Haut gehen: „ich liebe ihre Musik. Der Song ist stark, da es einfach keine Perfekte Menschen gibt, gut so...“, schreibt später ein weiblicher Fan – in nicht ganz fehlerfreiem Deutsch – unter das Youtube-Video des Auftritts.
Ein Lob für Zeilen, in denen eine der erfolgreichsten Frauen Deutschlands eingesteht: „Ich ärger mich auch über meine Schwächen“. Helene Fischer hat die Zeilen aber nicht selbst geschrieben, sie stammen aus der Feder des 35-Jährigen Tobias Reitz, der gerade zu Besuch ist in seiner Geburtsstadt Marburg ist und den wir in einem Café am Marktplatz treffen. „Für viele, für mich auch, ist Schlager Alltagserleichterung und Trost“, sagt der Wahl-Düsseldorfer, der seine hessische Heimat zum Studium verlassen hat und inzwischen in der Rhein-Metropole lebt und arbeitet.

„Schlager ist Trost und Alltagserleichterung“

„Man kann bei einem Konzert von Helene Fischer stehen und einfach mal zwei Stunden lang alle Probleme und Sorgen vergessen. Im Publikum sind viele Arbeitslose, auch viele Menschen mit Behinderung. Viele, die es nicht leicht haben“, sagt er. Es gebe für alles eine Zeit. Eine Zeit für Trost, eine Zeit für Ablenkung und eine andere Zeit für Veränderung, fürs Anpacken und auch für Politik.
Trost ist etwas Gutes, aber trotzdem: Kommt es einem 35-Jährigen, der Germanistik und Medienwissenschaften studiert hat und eine Magisterarbeit über die Lebensphilosophie von Rainer Maria Rilke vorweisen kann, nicht ein bisschen scheinheilig vor, dieser ganze Schlagerzirkus?
„Meine Texte sollen in erster Linie Trost spenden und Mut machen“, sagt Reitz. Er würde zwar auch die Meinung teilen, dass Helene Fischer eine tolle, erfolgreiche Frau sei, aber sie sei eben bei Weitem nicht perfekt: „Helene Fischers Stärke ist es, sich total auf etwas zu fokussieren und alles auszublenden, das Beste herauszuholen. Aber beim Texten ihrer Lieder kommt auch eine Helene Fischer an ihre Grenzen und braucht andere Menschen.

Texte müssen das Herz erreichen

Es gebe zwar viel Scheinheiligkeit in der Schlagerwelt, aber auch nicht mehr oder weniger als in anderen Genres. Lieder wie „Die Hölle morgen früh“ in denen ein sehr schwaches, abhängiges Frauenbild kreiert wird, würde er selber nicht schreiben. Tobias Reitz setzt für Helene Fischer den Song „Mal ganz ehrlich“ dagegen („Mal ganz ehrlich, wär‘s auch gefährlich, ich will dich doch. Ich hab doch keine Angst vor dir, du kriegst mich schon nicht klein.“). Schlager sei auch heute noch an vielen Stellen sehr konservativ, aber es hat auch immer schon Ausnahmen gegeben. Eine Gitte Henning zum Beispiel, die schon in den frühen 80er-Jahren: „Jetzt erst recht, ich bin stark“ gesungen hat und damit alte Werte in Frage stellte. „Ich versuche meinen Teil dieser Welt nicht scheinheilig zu machen“, sagt Tobias Reitz.
Er sieht sich in der Verantwortung, „dass die Texte nicht nur zum Künstler, sondern auch zu den eigenen Werten passen müssen“. Vor allem aber müssen die Texte „ohne den Umweg über den Verstand direkt das Herz erreichen können“. Ein Sinnspruch, den er von seinem großen lyrischen Vorbild Rainer Maria Rilke geklaut hat.

Nur Dieter Bohlen war  2013 im Radio erfolgreicher

Seine Arbeit als Songtexter ist aber, bei aller Philosophie, vor allem auch Handwerk.
Die Suche nach Anker-Sätzen etwa. Zeilen, die zum Titel ­eines Liedes werden. „Die ­müssen griffig und sofort zu verstehen sein, aber eben auch pfiffig und innovativ. „Von Null auf ­Sehnsucht“ zum Beispiel oder „Du bist meine Insel“. Gesucht werde ein Titel, der auf der Hand liege, bei dem der Zuhörer sofort ein Gefühl entwickle, aber der eben noch nie verwendet wurde.
Beim Texten komme es auf Empathie an, um Themen zu finden, die andere berühren. Der Satzbau und die Stilistik müssen einfach und eingängig sein, damit das Publikum schnell mitsingen kann und die „Message“ des Liedes beim ersten Hören rüberkommt. Aus diesem Grund, muss man sich auch auf ein Thema beschränken. „Liebeskummer, Sehnsucht oder Verliebtsein, aber nicht alles auf einmal“, erklärt Tobias Reitz. Mit diesen Zutaten hat Tobias es 2013 auf Platz zwei der erfolgreichsten deutschen Schlager-Texter im Rundfunk geschafft. Nur geschlagen von Dieter Bohlen, der mit DSDS-Schlager-Sternchen Beatrice Egli im vergangenen Jahr mehr Radioeinsätze hatte.

Eien Schule für Song-Texter

Neben den ca. 20 Titeln die Reitz für Helene Fischer geschrieben hat, hat er auch für viele andere Gottheiten des Schlagerolymps gearbeitet. Die Liste auf seiner Homepage ist schier endlos: Die Flippers, Andrea Berg, Andy Borg, Bea­trice Egli, die Kastlruther Spatzen und, und, und. Verdienen kann man damit je nach Künstler, Auftritten und verkauften Platten „von ein paar Cent bis zu 10 000 Euro pro Song“.
Obwohl Tobias Reitz eigentlich vom Alter her selbst zum Nachwuchs der Branche zählt, leitet er seit einigen Jahren mit Edith Jeske die Celler Schule, ­eine genreübergreifende ­Ausbildungsstätte für den Deutschen Songtexter-Nachwuchs. Reim- und Metriklehre, ­Stilkunde und Song­dramaturgie stehen ebenso auf dem Unterrichtsplan wie der Austausch und die Nachbesprechung von konkreten Aufträgen. „Ich habe hier selber mein Handwerk gelernt und den Kontakt zu den Großen der Branche bekommen. Die Celler Schule ist ein toller Ort zum Austausch über unseren Beruf, fernab vom Haifischbecken des Show­business. Die Schule besteht aus einem zweiwöchigen Intensivkurs für zehn ausgewählte Texter pro Jahr, die dort neben Tipps vor allem Kontakte in die Branche bekommen.

"Ich bleibe lieber im Hintergrund"

„Man lernt dadurch jedes Jahr wieder begabte Laien oder ­Semi-Profis kennen, die neuen Wind reinbringen. Das ist auch für meine Arbeit ganz wichtig.
Bei so viel Ambition und Erfolg darf man die sich aufdrängende Frage dann abschließend wohl stellen: Und, Tobias, bist du selbst fehlerfrei? „Überhaupt nicht. Ich habe zum Beispiel mal versucht, selber als Schlagersänger aufzutreten. Meine Stimme ist gar nicht so schlecht, aber auf der Bühne war ich gezwungen eine Rolle zu spielen und das war nicht ich. Es hat etwas gedauert, aber dann habe ich eingesehen: Ich bleibe lieber im Hintergrund.“

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