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Schmidt mit "dt"- das passt!

Einer von hier Schmidt mit "dt"- das passt!

Für Rahim Schmidt ist das Haus Nummer 19 in der Frankfurter Straße „ein heiliger Ort“. 1978 stand der Iraner zum ersten Mal dort vor der Tür.

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Rahim Schmidt sagt: „Marburg – das ist wie Meditation.“

Quelle: Carsten Beckmann

Marburg. Höchstens sechs Jahre wollte Rahim Schmidt in Deutschland bleiben, um zu studieren. Doch dann kam Khomeini, der aus dem Exil heraus den Schah stürzte und die islamische Revolution ausrief. Für Rahim, den jungen Studenten aus Mianeh, war unter diesen Umständen an eine schnelle Rückkehr in sein Heimatland nicht zu denken.

Statt dessen machte er Mittelhessen zu seiner neuen Heimat, und insbesondere Marburg ist auch knapp vier Jahrzehnte später immer noch ein Ort, an den Schmidt regelmäßig zurückkehrt. „Ich habe seit dieser Zeit bis zum heutigen Tag die Schlüssel für die Wohnung eines alten Freundes in der Wettergasse“, sagt der Agrarwissenschaftler und Mediziner, der mittlerweile in Mainz lebt und als grüner Abgeordneter im rheinland-pfälzischen Landtag sitzt. Marburg sei für jemanden wie ihn, der jahrelang seine Familie im Iran nicht sehen konnte, eine Konstante: „Wenn ich hier durch die Straßen gehe und mit alten Freunden gut esse und Gespräche führe, dann ist das wie Meditation.“

„Da ist ja niemand, der unseren Protest hört“

Während seines Studiums lernte Schmidt auch seine spätere Ehefrau kennen, und er zögerte nicht lange, ihren Namen anzunehmen: „Meinen Geburtsnamen musste ich früher immer buchstabieren - das hat mich in der Telefonzelle immer mein ganzes Kleingeld gekostet, und da dachte ich mir: Schmidt mit ,dt‘ - das passt.“ Im Kern, meint Schmidt, sei Marburg fast noch genauso wie vor 37 Jahren: „Die Studenten sind immer noch mit ihren Fahrrädern unterwegs, haben eine Flasche Bier in der Hand, eine Zigarette oder eben heute ein iPad.“

Nach Marburg hatte es ihn ursprünglich getrieben, weil eine Verwandte bereits in der Universitätsstadt lebte. In einer Hinterhof-Wohnung in der Frankfurter Straße kam Schmidt zunächst unter. Und obwohl er von sich behauptet, „keine Vergangenheitskoffer“ mit sich herumzuschleppen, ist die Erinnerung an jene ersten Tage an der Lahn präsent: „Die Unterkunft hatte weder Küche noch Dusche. Zum Duschen musste ich in die nahegelegene Sporthalle.“ In Parks habe er ältere Menschen in Gespräche verwickelt, um sich schneller an die fremde Sprache zu gewöhnen. Dreimal, sagt Schmidt, habe er Deutsch lernen müssen: „Einmal das Alltagsdeutsch, als ich aus dem Iran kam, dann die Fachsprache während meines Studiums und schließlich - mit Abstand der schwierigste Lernprozess - als ich in die Berufspolitik einstieg.“

Zur Politik kam Rahim Schmidt über sein Engagement während der Studienzeit: „Ich war immer links interessiert, aber nie Mitglied irgendwelcher Organisationen.“ Vielmehr reihte er sich dort ein, wo etwa gegen Pinochet, Rassenwahn in Südafrika oder die Atomkraft demonstriert wurde. Doch der Wendepunkt kam, als er sich mit einem Demonstrationszug durch das menschenleere Bankenviertel Frankfurts bewegte: „Ich merkte auf einmal: Da ist ja niemand, der unseren Protest hört.“ Also begann Schmidt, sich bei Amnesty International und beim Bund für Umwelt und Naturschutz ins Zeug zu legen: „Aus dieser Arbeit ergab sich für mich die Nähe zu den Grünen.“ Der Umweltpartei gehört der mittlerweile 56-Jährige seit zehn Jahren an, seit 2011 ist er Landtagsabgeordneter. Es wird für Schmidt wohl die erste und letzte Legislaturperiode sein - auf der Liste für die im kommenden Frühjahr stattfindende Landtagswahl sucht man seinen Namen vergebens.

Wer sich wie Rahim Schmidt von jeher daran störte, dass viele Parlamentskollegen ihr Heil darin suchen, „die anderen schlechtzumachen, um die eigene Marke zu pflegen“, der weint der Politik kaum eine Träne nach. Mit einem Augenzwinkern sagt der Mediziner: „Die Zellen eines menschlichen Körpers sind wesentlich intelligenter organisiert als unser politisches Handeln.“

Im Zyklus „Kreißsaal - Hörsaal - Plenarsaal“

Und er setzt noch eins drauf: „Wir haben es in Deutschland vermehrt mit Politikern zu tun, die im Zyklus ,Kreißsaal - Hörsaal - Plenarsaal‘ groß geworden sind.“ Rahim Schmidt bemüht gern den Begriff „ganzheitlich“, wenn er über die Art von Politik spricht, die er sich wünschen würde: eine Politik mit einer „ehrlichen Bestandsaufnahme all dessen, was in die falsche Richtung läuft, mit einer sozialen, ökologischen, gerechten, säkularen und wirtschaftlich neu aufgestellten Weltordnung vor der eigenen Haustür“.

Nach seinem letzten Tag im Mainzer Parlament wird jemand wie Rahim Schmidt kaum in eine Existenzkrise verfallen: Er hat bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte mehrere politische Patenschaften übernommen - etwa für seinen alten Schulfreund, den iranischen Regisseur und diesjährigen Berlinale-Sieger Jafar Panahi („Taxi“) sowie für die Frauenrechtlerin Nasrin Southudeh. An vielen Krankenhäusern - unter anderem am Uniklinikum Gießen und Marburg - hält Schmidt Seminare für „interkulturelle Medizin“. Daneben ist Schmidt Zweiter Vorsitzender des Vereins Armut und Gesundheit in Deutschland.

Und wenn ihn das alles doch nicht ausfüllen sollte? Dann bleibt dem Arzt, Wissenschaftler und politikkritischen Politiker Rahim Schmidt immer noch der Schlüssel zur Wohnung in der Marburger Wettergasse.

von Carsten Beckmann

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