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„Mein Beruf ist mein Lebensmittelpunkt“

Eine von hier „Mein Beruf ist mein Lebensmittelpunkt“

Kerstin Weiß ist eine moderne Nomadin. Die Theater- und Opernregisseurin hat 22 Wohnortwechsel in 25 Jahren hinter sich. Jetzt hat sie sich in Marburg ein Stück Heimat geschaffen.

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Kerstin Weiß hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Nach einer Schauspielausbildung hat sie die Seiten gewechselt und agiert nun als Regisseurin im Hintergrund.

Quelle: Vincent Leifer

Marburg. Kerstin Weiß ist kein Mensch, der das Rampenlicht sucht. Im Gegenteil: Sie hat sich bewusst für eine Arbeit im Hintergrund entschieden. Denn Kerstin Weiß ist Theater- und Opernregisseurin. Sie ist kreativer Kopf, Organisationstalent und Schauspieler-Dompteurin zugleich. Sie ist es, die aus einem gewöhnlichen Theaterstück ein besonderes macht, die für alles, was sich auf, neben und hinter der Bühne abspielt, verantwortlich zeichnet. Und auch wenn sie nicht selbst auf der Bühne steht, so hat sie verstanden, das Rampenlicht des Alltags für sich zu nutzen.

Kerstin Weiß ist schlank. Fast schon ein bisschen dünn. Ihre Haut ist blass, ihr blondes Haar modisch geschnitten. Trotz ihrer unauffälligen Kleidung und ihrer schmalen Statur sticht sie aus der Masse hervor. Es ist ihr offenes Lachen, ihre leuchtenden Augen, ihre lebendige Mimik, die die Neugier auf die 49-jährige Regisseurin wecken. Während sie spricht, drehen sich die Menschen im Straßencafé nach ihr um, wollen hören, was sie zu sagen hat, wollen verstehen, was sie so begeistert.

Es ist ihr Beruf, den die 49-Jährige so mit Leben ausfüllt. Es ist die Arbeit mit kreativen Menschen, die tägliche Herausforderung, etwas Einzigartiges zu schaffen. 22 Mal ist Kerstin Weiß in den vergangenen 25 Jahren umgezogen. Ob ein Engagement an der Semperoper Dresden, an der Oper Tokio oder am Wuppertaler Schauspiel – wenn die Theater und Opernhäuser der Welt rufen, dann packt sie ihre Koffer. Was andere als kräftezehrend empfinden würden, ist für Kerstin Weiß der Ausdruck absoluter Freiheit.

Obenauf im Umzugskarton liegt immer ein Bilderrahmen. Darin: eine Feder des Eintracht Frankfurt Maskottchens Atilla dem Adler. Denn Kerstin Weiß packt ein Drama ganz besonders: Es sind die 90 Minuten auf der Bühne, die allgemein auch als Fußballrasen bekannt sind. Fußball, das hat Weiß, die stellvertretende Vorsitzende eines Eintracht Fanclubs ist, gelernt, verbindet. „Egal in welche Stadt, mit dem Hausmeister habe ich sofort ein Gesprächsthema.“

Trotzdem: Auch die Feder des Eintracht-Adlers kann ihr nicht das Gefühl von Heimat vermitteln. Und so hat sich die Regisseurin ihre Geburtsstadt Marburg als Lebensmittelpunkt ausgesucht. Hier wohnt ihre Familie, hier ist sie Zuhause. „Ich brauche einen Punkt, der sich als feste Konstante durch mein Leben zieht“, erklärt die Regisseurin. Auch ihre Tochter, die bei ihrem Vater in der Schweiz wohnt, hat sich in die Lahnstadt verliebt, kommt gerne zu Besuch. Das Leben als Regisseurin – mit einer Familie gestaltet es sich schwierig. Zu ruhelos, zu heimatlos ist es.

„Mein Beruf ist mein Lebensmittelpunkt,“ erklärt Weiß. Und das, obwohl sie ihre Profession selbst als schizophren beschreibt. „Man muss sensibel sein und trotzdem Nerven wie Drahtseile haben.“ Bei Opernproduktionen muss Weiß nicht selten bis zu 100 Menschen koordinieren. „Dann bin ich autoritär. Sonst läuft nichts.“

von Marie Lisa Schulz

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