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Marburgerin berichtet aus Ägypten

Anna Osius Marburgerin berichtet aus Ägypten

Das erschreckende Fazit der ARD-Korrespondentin: Egal, ob sie für oder gegen den gestürzten Präsidenten Mursi sind – die Frauen unter den Demonstranten eint ein Schicksal: Sie sind Freiwild geworden.

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Zwei Aktivisten der Gruppe „Tahrir Bodyguard“ zeigen in Kairo Frauen Grundlagen der Selbst­verteidigung bei sexuellen Übergriffen. Die Gruppe engagiert sich gegen die wachsende sexuelle Gewalt im Land und war auch Thema in Osius‘ Beitrag.

Quelle: Nehal ElSherif

Marburg. 98 Prozent aller ausländischen Besucherinnen erleben in Ägypten sexuelle Belästigungen. Auch Journalistinnen wurden schon vergewaltigt. Das erzählt Anna Osius in einer Radioreportage aus Kairo. Es hielt sie nicht davon ab, als ARD-Korrespondentin nach Kairo zu gehen. Im Gegenteil: „Es war mir ein großes Anliegen, über die Situation der Frauen in Ägypten zu berichten.“ Mit Erfolg: Ihre Reportage mit dem Titel „Verfolgt und vergewaltigt – Frauen in Ägypten“ ist für den Nachwuchspreis für Auslandsjournalismus des Fernsehsenders CNN International nominiert, der am Donnerstag in München verliehen wird.

"Wir versuchen überall gleichzeitig hinzuschauen"

Obwohl Osius in Kairo stationiert ist, hat sie eine deutsche Telefonnummer – man ruft beim SWR in Baden-Baden an und landet im zuge­hörigen Auslandsstudio Kairo: „Entschuldigung“, sagt Anna
Osius, „jetzt muss ich gerade noch eine Nachrichtenminute fertig machen – wir haben keine Regierung mehr in Libyen“, sagt sie und legt auf. Das Chaos in der Arabischen Welt gehört inzwischen zu Anna Osius‘ Leben. Seit etwas mehr als einem Jahr unterstützt sie die drei festen Korrespondenten des ARD-Hörfunks in Kairo. „Wir versuchen überall gleichzeitig hinzuschauen“, sagt die Journalistin, aber irgendwo zwischen Sudan und Irak brennt es zurzeit immer. Eigentlich arbeitet die 30-Jährige beim WDR in Köln in der Redaktion „Politik und Zeitgeschehen“.

"In der Region steht alles kurz vor dem Kollaps"

Jetzt ist sie zwei Monate in Kairo und danach wieder einige Monate in Köln. Gerade ist sie von einer Recherchereise nach Kairo zurückgekehrt. An der Grenze zu Syrien hat sie das Flüchtlingslager Al Zaatari besucht: „Da leben 100 000 Menschen in Zelten – insgesamt sind zweieinhalb Millionen syrische Flüchtlinge in der Region. Dort steht alles kurz vor dem Kollaps“, sagt Osius. Das sind erschreckende Zahlen, aber mit den Menschen zu sprechen, ist etwas anderes: Sie erzählt von syrischen Männern, die zurück in das Land gehen, aus dem sie geflohen sind, weil sie kämpfen wollen. Sie erzählt von den Frauen, die allein mit ihren Kindern zurückgelassen wurden. Am schlimmsten war jedoch eine Begegnung mit Kindern. „Die waren fröhlich, haben gespielt, und dann habe ich gefragt: ‚Woran könnt ihr euch erinnern?‘ – da haben sie angefangen zu weinen.“

Aufgewachsen in Ostwestfalen

Bei diesen Geschichten fällt es schwer, das Gespräch zurück auf die Heimat zu lenken. Auf den Bauernhof im Ebsdorfergrund, auf dem Osius ihre Ferien verbrachte, bis sie zwölf Jahre alt war. Doch die Journalistin ist Kontraste gewohnt. Muss Hörern vom puren Grauen berichten, die sich gerade über nichts mehr Sorgen machen als den Stau, in dem sie mit laufendem Radio stecken.
Aufgewachsen ist Anna Osius in Ostwestfalen. „Die Marburger Oberstadt war im Vergleich so wunderschön – richtig märchenhaft“, erinnert sich Osius.

Neben den schönen Erinnerungen verbindet sie mit Marburg bis heute ein Freundeskreis. Deshalb kommt sie mehrmals im Jahr an die Lahn. Jetzt, wo sie so viel unterwegs ist, ist das natürlich schwierig geworden und in Zukunft könnte es sogar noch schwieriger werden: Ihr Mann – ebenfalls Journalist bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) – könnte sich vorstellen, mit ihr für längere Zeit im Ausland zu arbeiten. Dann wären sie wieder regelmäßig zusammen. „Inschallah“, beendet Osius den Gedanken daran.

Ein Taxi für 500 Meter Fußweg

Anna Osius war schon vor ihrem Einsatz als Korrespondenten-Verstärkung in der Arabischen Welt unterwegs. Sie beobachtet täglich, wie sich die Stimmung in der Region verändert hat. „Die Frustration nimmt mich mit. Die Menschen sind enttäuscht von der Revolution. Ein Ägypter sagte mir: ‚Wofür sind die Demonstranten gestorben? Die Diktatur hat nur eine Atempause genommen und ist wieder da.‘ 2010 war die Hoffnung groß, dass Demokratie, Menschenrechte und Pressefreiheit kommen. Das war eine vibrierende Aufbruchstimmung.“

Damals hatte Osius auch noch keine Angst vor sexuellen Übergriffen. Heute fragt sie sich dagegen, ob sie die 500 Meter bis nach Hause nachts noch zu Fuß gehen soll oder doch besser ein Taxi bestellt. Während der Proteste konnte sie nicht auf den Tahrir Platz gehen. Dort passierte die Massenvergewaltigung, über die sie in ihrer nominierten Re­portage berichtet. Sie war nicht selber dabei, als ein Teever­käufer mit seinem Propangasbrenner den Mob von der Frau wegtrieb. Aber Youtube-Videos wie dieses von einer Frauenrechtsgruppe sind zu wichtigen Quellen geworden. „Es ist gruselig. In manchen Videos schaut man den Menschen beim Sterben zu. Und dann muss man sich als Journalist sofort wieder fragen: Woher kommt das, mit welchem Interesse wurde es veröffentlicht?“

Eine von hier

Name:
Anna Osius
Geboren:
Am 22. Januar 1984 in der Elisabethklinik
 

Was macht sie jetzt?
Redakteurin beim WDR-Hörfunk und ARD-Korrespondentin in Kairo.
Kommt sie noch vorbei?
Mehrmals im Jahr.
O-Ton:
„Es ist unglaublich schwer, hier eine Wahrheit zu finden. Wir sind täglich auf der Suche. Objektivität gibt es nicht – hier schon gar nicht. Äußerungen sind von Interessen, von Emotionen der Opfer und ihrer Angehörigen geprägt. Alle Seiten versuchen, einen zu beeinflussen. Deshalb sind meine Berichte immer nur der Versuch, rüberzubringen, was die Menschen bewegt. Das vergisst man leicht bei den vielen Horrormeldungen, die nach der Zahl der Todesopfer gewichtet werden. Mir geht es darum, zu erzählen, was die Menschen hier denken.“

Der Preis:

  • Am Donnerstag, 27. März, werden die Gewinner sowie der „CNN Journalist of the Year 2014“ im Rahmen einer Preisverleihung in München bekannt gegeben.
  • Eine Fachjury, in der unter anderem Dominik Wichmann (Chefredakteur Stern) und Stefan Plöchinger (Chefredakteur sueddeutsche.de) sitzen, hat die 14 Beiträge aus den Kategorien TV, Radio, Print, Online und Foto ausgewählt.

von Thomas Strothjohann

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