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Hollywood ist eher uninteressant

Regisseur Julius Schultheiß Hollywood ist eher uninteressant

In Marburg geboren und aufgewachsen, jetzt in Berlin zu Hause: Julius Schultheiß schreibt und produziert Filme - und träumt davon, auch einmal in der alten Heimat aktiv zu werden.

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Eine Szene aus „Lotte“, dem Debüt-Film von Julius Schultheiß. Gut zwei Jahre hat der gebürtige Marburger an dem Film gearbeitet, der während der Berlinale im Programm der Perspektive Deutsches Kino gezeigt wurde.Foto: Martin Neumeyer

Marburg. Er steht auf Dramen, setzt auf Kino und findet Hollywood eher uninteressant. Julius Schultheiß steckt viel Herzblut in seine Arbeit. Und viel Geld. „Meinen ersten Film habe ich komplett selbst finanziert“, sagt er und ein wenig Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Seinen Bausparvertrag hat der 30-Jährige für „Lotte“ geopfert. Weil das Geld daraus aber nicht ganz reichte, hat er den Rest per Crowdfunding gesammelt.

Dafür wird er in der Berliner Presse als mutig gelobt und sein Film „Lotte“ als „überzeugendes und überraschendes Debüt“ bezeichnet. Das macht den gebürtigen Marburger noch mehr stolz. Fast genauso stolz wie die Tatsache, dass sein Debüt-Film im Rahmen der Berlinale als einer von zwölf Filmen im Programm „Perspektive Deutsches Kino“ gezeigt wurde. „Das ist wirklich eine Ehre und auch eine große Chance für mich“, betont er im OP-Gespräch.

Während der Schulzeit erste Filme gedreht

Schon von Kindesbeinen an ist Schultheiß begeistert von der Materie „Film“. Während der Oberstufenzeit an der Elisabethschule in Marburg versucht sich der junge Mann zum ersten Mal selbst im Filmen und Schneiden. „Ich habe Veranstaltungen, Sportfeste oder auch mal kleinere Szenen gefilmt und daraus kurze Beiträge geschnitten“, berichtet er. Nach dem Abitur absolviert er zuerst noch seinen Zivildienst an der Anna-Freud-Schule in Marburg, bevor er sich komplett dem Film widmet: Er macht mehrere Praktika beim Film und Fernsehen in München und Berlin. Daran schließt sich ab Oktober 2007 das Studium der Visuellen Kommunikation im Fach „Film und Fernsehen“ an der Kunsthochschule Kassel an. Seit seinem Abschluss im Jahr 2013 wohnt und arbeitet der 30-Jährige in Berlin.

Dort spielt auch sein 76-minütiger Debüt-Film „Lotte“. Gute zwei Jahre hat er daran gearbeitet - von der ersten selbst geschriebenen Szene bis zum letzten Schnitt. „Lotte“ ist ein Drama, ein Familiendrama: Krankenschwester Lotte stolpert darin so durch ihr Leben, lebt ohne Plan in den Tag hinein. Eines Tages wird ein junges Mädchen namens Greta in das Krankenhaus eingeliefert. Lotte kümmert sich um sie und entwickelt eine subtile Zuneigung. Kurze Zeit später stellt sich heraus, dass das Mädchen ihre Tochter ist, das Kind, das Lotte kurz nach der Geburt in ihrem Heimatort zurückgelassen hatte.

Wie kommt man denn als 30-Jähriger auf solchen Kinostoff? „Ich habe viele Ideen, die kommen von ganz allein aus allen Richtungen“, beschreibt Schultheiß. Lottes Geschichte sei die Geschichte eines Freundes: „Dem ist es ähnlich ergangen wie Greta. Da dachte ich mir, aus der Materie machst du einen Film.“ Anfangs schreibt Schultheiß einzelne Szenen, daraus entsteht dann nach und nach ein Drehbuch. „Ein Film ist wie ein Puzzle. Man fängt an, eine Szene zu schreiben, ein Drehbuch zu entwickeln und nach und nach fügt sich alles Weitere ein“, erklärt der Wahl-Berliner: Manchmal sei ein Teil an der falsche Stelle, manchmal falle eines wieder weg.

Drei Projekte sind derzeit in Arbeit

„Man setzt quasi Stück für Stück zusammen. Allerdings kommt am Ende im Gegensatz zum Puzzle nie genau das raus, was man anfangs wollte“, sagt er und lacht herzlich. Dennoch ist er mit seinem Werk zufrieden. Die positive Resonanz gibt im Recht. Und sorgt für neue Motivation. Drei Projekte sind bereits in Arbeit: ein in Niedersachsen spielender Western, ein Drama um einen geistig behinderten Jugendlichen sowie eine Kindergeschichte. „Das soll eine Kriminalgeschichte à la Kalle Blomquist werden. Und sie soll in Marburg spielen“, verrät der Drehbuchautor und Regisseur.

Sein nächstes großes Ziel ist es, eines seiner Projekte in eine staatliche Förderung zu bringen. „Mit Kino kann man nicht viel Geld verdienen. Kinofilme sind Herzensangelegenheiten“, begründet er dies. Zumindest in Europa. Und dann, wenn man nicht Schweiger, Schweighöfer oder M‘Barek heiße. In den USA sei das ganz anders. „Aber Hollywood ist für mich eher uninteressant - zumindest im Studiosystem“, sagt Julius Schultheiß. Aber natürlich würde er zu einem Angebot nicht nein sagen.

Sein Lieblings-Genre sind übrigens Dramen. „Die liegen mir irgendwie am besten“, erläutert er. Allerdings nicht so ganz ernst aufbereitet, sondern eher locker und mit einem Augenzwinkern. „Ich bin da ein bisschen so wie Dürrenmatt in der Literatur“, beschreibt er sich.

Mit Literatur beschäftigt sich Schultheiß in seiner Freizeit. „Wenn ich mal nicht an einem Drehbuch oder Film arbeite, dann lese ich gerne, schaue mir Filme an oder gehe eine Runde schwimmen“, berichtet er. Und wenn er mal in Marburg sei, „was mittlerweile echt eher selten der Fall ist“, dann gehe er sehr gerne in der Oberstadt ein Eis essen.

14 Jahre wohnte Schultheiß mit seinen Eltern unterhalb des Marburger Schlosses. „Das ist irgendwie hängengeblieben: Und immer war da dieser Berg“, erinnert er sich an seine Kindheit. Und weil es noch keinen richtig guten Film mit diesem Marburger Berg gibt, möchte Julius Schultheiß einen drehen. „Berlin ist auserzählt“, findet er: Marburg in Szene zu setzen, wäre für ihn dagegen eine Ehre und Herausforderung zugleich.

von Katharina Kaufmann-Hirsch

 
 
Einer von hier

Name:

Julius Schultheiß

Geboren:
12. April 1985

Schule:
Emil-von-Behring-Schule, anschließend bis zum Abitur Elisabethschule

Was macht er jetzt?
Regisseur, Drehbuchautor, Produzent

Kommt er noch vorbei?
Ja, allerdings nicht mehr allzu oft, um Eltern und Freunde zu besuchen. Wenn er da ist, genießt er die Zeit mit Schlendern durch die Oberstadt und einem Eis am Steinweg.

O-Ton:
„Es gibt, wie ich finde, noch keinen tollen Film über Marburg. Es wäre für mich Ehre und Herausforderung zugleich, dort zu drehen.“

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