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Hinfallen, aufstehen, Bücher schreiben

Elisabeth Herrmann Hinfallen, aufstehen, Bücher schreiben

Ihr erstes Buch liegt noch in der Schublade – ihr zweites wollte niemand verlegen. Hätte die gebürtige Marburgerin Elisabeth Herrmann nicht an sich geglaubt, wäre manch ein Bestseller nie geschrieben worden.

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Als Autorin kann Elisabeth Herrmann ihre Zeit frei planen. Auszeiten gönnt sie sich bewusst.

Quelle: Maximilian Lautenschläger

Marburg. Irgendwer hat irgendwann irgendwie ihren Lebenslauf im Internet veröffentlicht. Leider mit falschen Angaben. Von der Betonbauerin zur Bestsellerautorin. Von der Schulversagerin zur schillernden Krimiautorin. Gegensätze, Widersprüche und ein paar gescheiterte Pläne – das liest sich gut. Zumindest dann, wenn am Ende eine erfolgreiche Karriere als Krimi-, Dreh- und Jugendbuchautorin steht. Dumm nur, dass nicht alles, was im Internet steht, auch wahr ist. Umwege ist Elisabeth Herrmann gegangen. Viele sogar. Steinige und lehrreiche Umwege. Aber gescheitert? Nein. Gescheitert ist sie nie. Eher mit jedem Umweg ein bisschen zufriedener, ein bisschen reifer geworden. Fakt ist: Sie hat ihre Ausbildung zur Bauzeichnerin abgebrochen, um gleich darauf wieder die Schulbank zu drücken. Das Internet sagt ihre eine Karriere als Zimmerfrau, Betonbauerin und Maurerin nach – die Realität ist unspektakulärer. Ein Praktikum auf der Lehrbaustelle – nicht mehr und nicht weniger.

"Was kann ich - was will ich?"

Die gebürtige Marburgerin hat lange ihren Weg gesucht. „Ich bin nach meiner Geburt in Marburg in Altenstadt groß geworden. Irgendwann kommt zwangsläufig der Berufsberater in die Klassen und hat einen Katalog mit IHK-Ausbildungsberufen dabei. Daraus soll man sich dann entscheiden.“ Und Elisabeth Herrmann entschied. „Ich wollte kreativ arbeiten. Bauzeichnerin zu lernen war die blödeste Idee aller Zeiten.“ Sie brach ab. Der Haussegen hing schief. Die Eltern entsetzt. Elisabeth Herrmann stur. „Ich habe mir danach vorgenommen, mein eigenes Kind in seinen Plänen  zu unterstützen. Wenn sie Modedesignerin werden möchte und dafür in den Pariser Ateliers putzen muss – dann stehe ich dahinter.“
Die „blöde Idee“ mit der Bauzeichnerin war der Weckruf, sich endlich Gedanken über die Frage „Was kann ich und was genau will ich?“ zu machen. Elisabeth Herrmann wusste schnell: Ich will  alles wollen dürfen. Und dafür brauchte es einen höheren Abschluss. Sie holte in Frankfurt ihr Abitur nach, studierte, arbeitete als Journalistin. „Mein erstes Buch habe ich mit 20 geschrieben. Das liegt noch immer in der Schublade. Das waren nur Fingerübungen.“ Mehr als zehn Jahre sollte es dauern, bis sie den Durchbruch mit ihrem Kriminal-Roman „Das Kindermädchen“ feierte. Eine Geschichte, auf die sie als Journalistin gestoßen war. Eine Geschichte, mit der sie immer wieder auf Ablehnung stieß. Will doch keiner lesen – sagten ihre Kollegen. Werden wir nicht drucken – meinte ihr Chef.

In meinen Krimis suche ich das Böse

„Ich habe fünf Jahre an diesem Buch geschrieben.“ Sie hat Textpassagen gelöscht, Handlungsstränge nach 50 Seiten einfach ausradiert, nächtelang durchgeschrieben. Als sie den Punkt hinter den letzten Satz setzte, hatte sich die junge Autorin verändert. Mutter war sie jetzt. Nicht mehr nur für sich, sondern auch für ihre Tochter verantwortlich. An ihrem Buch gezweifelt – das hat sie nie. Auch nicht, als mehr und mehr Verlage ihr absagten. Wut, Unverständnis und später auch so etwas wie Schadenfreude sollte sie in dieser Zeit kennenlernen. „Ich dachte immer ‚Wie blöd könnt ihr sein? Mein Buch ist gut.‘ Diese Geschichte ging mir nahe. Und wenn mir etwas nahe geht, dann muss es erzählt werden.“ Mehr als Hunderttausend Menschen haben ihr mit dem Kauf des Buches recht gegeben. Seitdem ist es leichter für die 54-Jährige geworden, ihren Traum als Autorin zu leben. Zehn Bücher hat sie bisher geschrieben. „In meinen Krimis suche ich das Böse, in den Jugendbüchern das Gute.“
Das Schreiben – das ist für sie eine Mischung aus Handwerk, Disziplin und Kreativität. „Man sitzt als Schriftsteller nicht in einer irischen Hütte und schnüffelt an Rosen.“ In der Realität gibt es Abgabetermine, Zeitdruck, einen Haushalt, der geschmissen, Büroarbeit, die erledigt werden will. Schreiben ist ein Beruf – aber einer, den die 54-Jährige sich mit voller Überzeugung ausgesucht hat. Vielleicht auch, weil sie durch ihre Lesereisen rauskommt aus ihrer Wahlheimat Berlin.

Gefragte Drehbuchautorin

Nach Marburg beispielsweise. Ihrer  Geburtstadt. „Je älter ich werde, desto schöner ist die Stadt für mich. Ich empfinde so ein entzückendes Zugehörigkeitsgefühl“, sagt sie. Und während die Mutter einer 16-jährigen Tochter ins Schwärmen und Schwelgen kommt, wird deutlich, was sie so besonders macht. Sie kann Gedanken auf Reise schicken. Elisabeth Herrmann braucht nur wenige Worte, um komplexe Szenarien und intensive Stimmungen entstehen zu lassen. Zwei Sätze – und sie entführt in komplett neue Welten.
Ihr Erfolg auf dem Büchermarkt war ein Türöffner. Mehrere ihrer Kriminalromane wurden bereits verfilmt. „Der Film ‚Die letzte Instanz‘ war der erfolgreichste seit der Quotenaufzeichnung des ZDF“, sagt die Autorin und lässt fast verschämt ein bisschen Stolz durchhören. „Als ich zum Drehort kam und gesehen habe, dass so unglaublich tolle Menschen wie Jan Josef Liefers dazu gezwungen sind die Worte zu sprechen, die ich sage, da habe ich mich ein bisschen geniert“, sagt sie. Ihre Geschichten nicht nur gedruckt einem Buch sondern auch auf der Leinwand zu sehen, das hat Elisabeth Herrmann beeindruckt. Nachhaltig.
Sie ist in Umwege gegangen, ist hingefallen und wieder aufgestanden und hat eines für sich gelernt: „Wer für etwas lebt, der kann begeistern. Und wenn man davon überzeugt ist, die fantastischste Designerin von Klopapier-Strickmäntelchen zu sein – dann sollte man es einfach tun.“

von Marie Lisa Schulz

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