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Geschichts-Entstauber geht in Rente

OP-Serie: Einer von hier Geschichts-Entstauber geht in Rente

Geschichte kann langweilen. Auch einen Guido Knopp. Deshalb hat sich der Geschichtslehrer der Nation vor langer Zeit selbst einen Lehrauftrag erteilt. Jetzt geht er in Rente.

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Im Januar wird der ZDF-Historiker Guido Knopp offiziell in den Ruhestand gehen. 

Quelle: Kerstin Bänsch

Marburg. Guido Knopp erzählt Geschichte, arbeitet sie auf, bewertet sie. Aber Guido Knopp schreibt auch Geschichte. Auch wenn er das wohl nie von sich selbst behaupten würde. „Geschichte ist das, was sich aus dem Alltagsbrei hervorhebt. Der Rest ist Vergangenheit“, pflegt er zu sagen. Seine Karriere und sein Wirken sind alles andere als fader Alltagsbrei. Denn Guido Knopp ist der Geschichtslehrer der Nation. Zumindest noch bis Januar. Dann will er in Ruhestand gehen. Seinen Lehrauftrag - den will er jedoch noch lange nicht aufgeben.

Neue Technik, neuer Trend

Denn auch wenn er als Leiter der Redaktion Zeitgeschichte ausscheidet, wird er weiterhin Projekte für das ZDF betreuen. „Ich will mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Die Projekte sollen Kür bleiben und nicht zur Pflicht werden“, erklärt der 64-Jährige. Und auf die Kür freut er sich schon. So sehr, dass selbst ihm, dem Medienprofi, vor Aufregung die Stimme kippt. Ein bisschen schneller wird das Sprechtempo, ein bisschen höher die Frequenz.

Er ist begeistert von dem, was vor ihm liegt und er will begeistern mit dem, was hinter allen liegt: „Geschichte einfach und spannend zu zeigen, das ist mein Auftrag.“ Wobei „einfach“ in diesem Zusammenhang einfach untertrieben ist. „Wir kreieren einen neuen Trend.“ Helfen soll ihm dabei die Technik. Altes Filmmaterial wird überarbeitet. Die Aufnahmen werden in HD-Qualität und in der Originalkolorierung aufgelegt. „So erhält man glasklares Material. Es ist, als würden einen die Menschen von damals anschauen.“ Eingesetzt wird diese neue Filmtechnik erstmals bei der Dokumentationsreihe „Weltenbrand“, eine umfassende Gesamtschau auf die Jahre 1914 bis 1945. Der zweite Teil der dreiteiligen Serie ist heute Abend um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen.

Knopp weiß aus eigener Erfahrung: Nur wenn Geschichte entstaubt wird, die dicke Schicht von „Wissen wir doch schon längst“ und „Erzähl doch mal was Neues“ abgekratzt wird, kann sie auch begeistern.

Diese Lektion hat er schon als kleiner Junge gelernt. Immer dann, wenn er bei seinen Großeltern zu Besuch war. Die Familie mütterlicherseits: Hugenotten. Zu Hause in Neustadt im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Die Familie väterlicherseits: Schlesier. Lebend in Aschaffenburg. Beide Familien vertrieben. Beide schwer tragend an ihrer eigenen Familiengeschichten. „Der Freitagabend war immer der Schlesienabend“, erinnert sich Knopp. Es wurde erzählt, sich erinnert, das Erlebte verarbeitet. „Aber in der Pubertät hatte man irgendwann Horror vor diesen Abenden. Auch wenn man nur so erfährt, was Geschichte mit den Menschen machen kann.“ Trotzdem, für den jungen Guido Knopp, der sich zu diesem Zeitpunkt lieber Hals über Kopf in die Zukunft stürzen wollte, als die Vergangenheit zu beweinen, war die Geschichte seiner Großeltern irgendwann eines: Einheitsbrei.

Zukunftsthema: Eurokrise

Nein, an die Schlesienabende erinnert er sich noch immer nicht gern. Dann lieber an die Abende, die er in Neustadt verbrachte. An den Geruch der Felder, an die alte Linde, die auf dem Grundstück seiner Großeltern stand, an den unstillbaren Hunger, den er verspürte, wenn er in der Erntezeit auf dem Feld aushelfen musste. „Das ist das Paradies der Kindheit, aus der man nie vertrieben werden kann“, so Knopp.

Erst im Geschichtsunterricht in der Schule lernte Knopp, sich wieder für die Vergangenheit zu interessieren. Schnell verstand er: Alles Vergangene prägt auch die Gegenwart. Geschichte ist Zukunft. „Geschichte muss mehr sein als das Auswendiglernen von Zahlen, Daten und Fakten.“ Sein eigener Geschichtslehrer hatte das früh erkannt: „Der präsentierte uns Geschichte mit den Medien der damaligen Zeit. Mit Filmen und Schallplatten - das war fabelhaft.“

So fabelhaft, dass der junge Schüler ahnte: Auch er will ein Geschichtserzähler werden. Er studierte, wurde Auslandsredakteur bei der FAZ, landete beim ZDF und stellte fest: Der Sender hatte keine eigene Geschichts-Redaktion. Knopp witterte seine Chance, bewies, dass Geschichtsunterricht auch über moderne Medien möglich ist und Massen begeistern kann.

Und über was, lieber Herr Knopp, würden sie in 20 Jahren berichten? Was schreibt heute schon Geschichte: „Definitiv die Euro-Krise. Das ist eine Gretchenfrage. Opfern wir unseren Wohlstand oder sagen wir, dass wir genug geleistet haben.“ Dies aufzuarbeiten wird er anderen überlassen. Er kann nur schon heute das Handwerkzeug für eine gute Geschichtsstunde liefern: „Aus dem Wust der alltäglichen Dinge das Wesentliche herausfiltern. Verstehen, wie handeln die Zukunft verändert - darauf kommt es an.“

Zur Person:

Name: Guido  Knopp, Geboren:  29. Januar 1948, in Treysa, Kommt er noch vorbei?  Ja, bald schon möchte Guido Knopp gemeinsam mit seiner Frau und seiner Mutter nach Schwabendorf fahren. Dort will er wieder Gerhard Badouin, den Vorsitzenden des Arbeitskreises für Hugenotten- und Waldensergeschichte, treffen. „Er ist ein fabelhafter Mann. Er weiß noch nichts davon. Ich möchte ihn  zum Mittagessen einladen. Und ich will gucken, ob die alte Linde noch steht." O-Ton: „Aufklärung braucht Reichweite“

von Marie Lisa Schulz

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