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Gänsehautmomente im Olympiastadion

Eine von hier Gänsehautmomente im Olympiastadion

Olympia oder Paralympics? Für Laura Schreder ist das keine schwere Entscheidung. Nicht umsonst arbeitet die Marburgerin für das Internationale Paralympische Komitee.

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Mittendrin und manchmal auch hautnah dabei: Laura Schreder freut sich mit Johannes Floors (von links), Felix Streng, David Behre und Markus Rehm über die Goldmedaille der deutschen Sprintstaffel. Hier bei der WM, im vergangenen Jahr auch bei den Paralympics in Rio.

Quelle: Privatfoto

Marburg. Karten für die Leichtathletik hatte Laura Schreder ergattert. Im Jahr 2012 war das, in London. „Das war der Hammer! Gänsehaut pur“, erinnert sich die 29-Jährige zurück. Wovon die gebürtige Marburgerin da schwärmt, war aber gar nicht das olympische Sprintfinale. Es war nicht Superstar Usain Bolt, dem sie zujubelte, als er in atemberaubenden 9,63 Sekunden über die Laufbahn raste. Es war das 100-Meter-Finale bei den Paralympics und sie erlebte, wie sich Heinrich Popow seinen Traum von der Goldmedaille erfüllte.

Laura Schreder kennt beide­ Welten, die der schillernden Stars bei Olympia und die der Athleten mit Behinderung, die nur alle vier Jahre für kurze ­Augenblicke im Rampenlicht stehen. In London hatte sie sogar den direkten Vergleich als Helferin (Volunteer) im Deutschen Haus, wo sie Führungen für Gästegruppen machte oder auch Bundespräsident Joachim Gauck die Suppe servierte: „Die Paralympics haben mehr Spaß gemacht“, sagt Laura Schreder. „Die Athleten wissen es mehr zu schätzen, dass sich viele Leute den Hintern für sie aufreißen. Sie sind wahnsinnig dankbar.“ Und die meisten pflegten einen lockeren Umgang mit ihrer Behinderung, wie ihr imponierte. „Da wird schon mal gesagt: Geh mir mal ein Bier holen, ich hab ja nur ein Bein.“

Das Studium als Türöffner

Seit vier Jahren beschäftigt sich die Marburgerin hauptberuflich mit den Paralympics. Schreder ist inzwischen zur Koordinatorin für Digitale Medien beim Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) aufgestiegen. Sie sei „da reingeraten“. Nach ihrem Master in München machte sie an der Sporthochschule­ Köln ihren Master in Sport-, Medien- und Kommunikationsforschung. Das war letztlich der Türöffner. Das unweit von Köln in Bonn beheimatete IPC suchte jemanden für die Überarbeitung und Pflege der Internet-seite, Laura Schreder suchte einen Studentenjob - es passte.

Die 29-Jährige hat in der großen Sportwelt mittlerweile viel erlebt. Das fing in Vancouver bei den Winterspielen 2010 als Volunteer im Deutschen Haus an, damals aber „nur“ während Olympia und noch nicht für das IPC. Dann folgten London und kurz nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine Sotschi.

Zuletzt stand Rio auf dem Programm und IPC-Boss Sir Philip Craven wagte es, im Gegensatz zum IOC um Präsident Thomas Bach, die russischen Athleten wegen Staatsdopings von den Spielen auszuschließen. „Sehr froh“ sei sie persönlich über diese Entscheidung, sagt Laura Schreder. „Auch wenn wir viel aushalten mussten. Ich habe selten so viele Schimpfwörter in so kurzer Zeit gelesen. Das war teilweise unter der Gürtellinie von russischer Seite.“

Die Paralympics am Zuckerhut waren ebenfalls alles andere als ein Zuckerschlecken ­unter brasilianischer Sonne für die Marburgerin. „Das war gerade am Anfang megastressig und eine andere Hausnummer, als im Deutschen Haus ‚abzuhängen‘. Ich saß zweieinhalb Wochen lang 16 Stunden täglich bei 17 Grad in einem fensterlosen Raum“, erzählt Laura Schreder. Schließlich mussten die Server kühl bleiben - und sie selbst cool. Denn als „Head of Social Media“ sorgte sie mit ihrer Crew dafür, dass von You­tube bis Twitter alle Kanäle mit Videos, Fotos und Infos gefüttert wurden. „Ich war bei der Eröffnungsfeier“, blickt die in Köln lebende Marburgerin zurück. „Dann hat es eine Woche gedauert, bis ich das erste Mal Sport gesehen ­habe.“

Immerhin: Hautnah dabei war sie, als die 100-Meter-Staffel um Gold rannte. Eigentlich waren die Deutschen als Zweite ins Ziel gestürmt und etwas geknickt, wollten sie doch ­gewinnen. Nachträglich wurden­ die USA wegen eines Wechselfehlers disqualifiziert. Es gab doch noch Gold für Deutschland. „Das war ein Drama ohne Ende“, sagt Laura Schreder.

Nächstes Ziel: Marburg

Demnächst wird sie solche Dramen nicht mehr für das IPC begleiten, zumindest nicht mehr in leitender Funktion. Im April tritt Schreder eine Stelle bei einem Unternehmen in ihrer Heimatstadt an. Das IPC-Team werde sie vermissen und „die tägliche Dosis Sport und Begeisterung. Dafür bekomme ich ein Drumherum, das besser passt.“ Denn in Marburg kann sie mit ihrem Freund zusammenziehen, der in Frankfurt arbeitet.

Sport wird dennoch ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens bleiben. Sei es vor dem Fernseher, wo sie sich gerne die ­langen Wintersportübertragungen anschaut oder bei Fußball-Bundesligaspielen Werder Bremen die Daumen drückt. Sei es auf dem Rücken der Pferde, wo für die passionierte Reiterin das Glück der Erde liegt.

Und auch dem IPC will sie weiter erhalten bleiben. Mit ihrem neuen Arbeitgeber ist schon geklärt, dass sie bei den Paralympics in Pyeongchang mithelfen kann, zumal sie an den Vorbereitungen für die Winterspiele 2018 ja derzeit selbst mitwirkt.

Besonders groß ist die Vorfreude aber schon auf die nächsten Sommerspiele. „Tokio 2020 wird ein Meilenstein“, ist sich Laura Schreder sicher. Während London 2012 mit ausverkauften Stadien - sogar bei Boccia-Vorrundenspielen - der Wendepunkt der paralympischen Bewegung gewesen sei und Rio 2016 trotz großer Finanzprobleme und chaotischer Organisation liebenswerte Spaßspiele auf die Beine gestellt habe, würde sich Tokio anschicken, noch eins draufzusetzen: „Die Japaner sind der Hammer! Die haben da richtig Bock drauf.“

von Holger Schmidt

 
 
EINE VON HIER

Name:
Laura Schreder

Geboren:
1987 in Marburg

Schule:
Martin-Luther-Schule

Was macht sie jetzt?
Koordinatorin für Digitale Medien beim Internationalen Paralympischen Komitee

Kommt sie noch vorbei?
Während ihres Bachelor-Studiums in München selten, während ihres Master-Studiums in Köln häufiger an den Wochenenden. Demnächst ist sie aber wieder permanent hier – ab April arbeitet sie für ein Unternehmen in Marburg.

O-Ton:
„Ich freue mich sehr, nach Marburg zurückzukommen. Wenn man so lange weg war, weiß man viele Dinge einfach mehr zu schätzen und sieht die Stadt mit ganz anderen Augen.“

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