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Die Stimme kann Musik sein

Einer von hier Die Stimme kann Musik sein

Nichts in seiner Stimme ist zufällig. Und gleichzeitig ist nichts in seiner Stimme gewollt. Ein Widerspruch? Keineswegs. Der gebürtige Marburger Bernd Stephan ist Schauspieler und Synchronsprecher. Ein Beruf, in dem er gelernt hat, selbst seinen Atem bewusst einzusetzen. 

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Quelle: Gregor Szielasko

Es gab sie einst, diese Angst, nicht gehört zu werden. Worte zu sagen, zu schreien, ach was, zu leben und doch nicht zu berühren. Allein im Rampenlicht zu stehen und zu merken, dass Worte einfach nur Worte bleiben. Kein Gefühl wecken, keine Wirkung zeigen. Mitte zwanzig war er damals Fast siebzig ist er heute. Seiner Stimme vertraut er mittlerweile mehr. Sie ist sein Kapital und Markenzeichen. Bernd Stephan ist Schauspieler und Synchronsprecher. Er liest Hörbücher ein, spricht Dokumentationen, veranstaltet Lesungen und steht auf Theaterbühnen. Nicht sein Aussehen, sondern seine Stimme erkennen zahlreiche Menschen wieder. Eine Stimme, die im ersten Moment erschreckend normal klingt. Tief. Ruhig. Unaufgeregt.

"80 Prozent meines Berufes sind Pflicht"

Damals, mit Anfang zwanzig, ahnte er sein Talent. Vertraut hat er ihm trotzdem nicht. Er verbrachte die Abende in einer Kneipe gegenüber des Stuttgarter Schauspielhauses. Lauschte den Akteuren, die nach der Vorführung einen Absacker tranken und über Lampenfieber und Prosa sprachen. „Das will ich auch“, dachte er sich. „Dann sprich den Mortimer vor“, rietem ihm die erfahrenen Schauspieler. Nicht den dreiseitigen Monolog. Lieber den kurzen, knackigen. Weniger ist eben manchmal mehr. „Wenn du Anfänger bist, hört dir nach zwei Seiten eh keiner mehr zu“, weiß Bernd Stephan heute.
Die Angst, nicht erhört zu werden, war unbegründet. Seine Karriere startete er am Theater. Er reiste als Schauspieler durch ganz Deutschland, gehörte fünf Spielzeiten lang zur Münchner Lach- und Schießgesellschaft. „80 Prozent meines Berufes sind Pflicht, 20 Prozent sind Kür“, sagt der gebürtige Marburger nüchtern. „Kür“, so erklärt er, „ist alles, was ich mit Faszination mache.“ Und die empfand er zuletzt bei der Vertonung der BBC-Dokumentation mit dem Tierfilmer Sir David Frederick Attenborough. „Man muss sich darauf einlassen. Man kann nicht einfach über den Originalton sprechen. Das wäre zu oberflächlich.“ Sein Berufswunsch eckte an. „Als ich zu Hause gesagt habe, dass ich zum Theater will, war Feuer unterm Dach“, erinnert sich der Wahl-Hamburger. Sein Vater, ein Physik-Professor und leidenschaftlicher Musiker, zeigte nur wenig Verständnis für den Berufswunsch seines Sohnes. Jura sollte er studieren. Etwas Bodenständiges lernen. „Später war er doch stolz“, weiß Bernd Stephan. Die Liebe zur Bühne, die Aufregung vor einem Auftritt, die Leidenschaft zur Arbeit – all das hat er an seine Kinder weitergegeben. Die Tochter, Sängerin an der
Oper, der Sohn, Ensemblemitglied am Schauspielhaus Frankfurt. Und der Vater? Der ist stolz. Darauf, wie selbstbewusst seine Kinder auf der Bühne stehen. Darauf, dass es ihr eigener Wille war, diesen Weg einzuschlagen.

Ein Küsschen von Frau Rottenmeier

Bernd Stephan selbst ist in den vergangenen Jahren ruhiger geworden. So hält er neuerdings Lesungen auf Kreuzfahrtschiffen. Reisen und gleichzeitig arbeiten – einfach mal das Tempo rausnehmen. Das ist seine Vorstellung vom älter werden. „Ich bin einer, der alles mit den Augen aufsaugt und auch für sich bewahrt“, sagt er nachdenklich.
So wie die Erinnerung an seine Kindheit in Marburg. Bis zum siebten Lebensjahr lebte Bernd Stephan (damals Schulze), in der Lahnstadt. Genauer  gesagt in der Calvinstraße. Er besuchte die Schlossbergschule, spielte im Sommer in der Lahn, rodelte im Winter den Rothenberg hinab. „In der engen Kurve hat es mich jedes Mal umgehauen.“ Seine Erinnerung an diese Zeit ist so bunt wie seine Kindheit. In Marburg sollte er auch Jahre später seinen wohl kuriosesten Begrüßungskuss erhalten. Anfang der 80er-Jahre war das. Aus dem siebenjährigen Schüler war schon längst ein erwachsener Schauspieler geworden. Für eine Filmpremiere im Capitol war er nach langer Zeit in seine alte Heimat gereist. „Da kam meine ehemalige Klavierlehrerin, Else Grüneisen, rein. Das war eine Dame, so wie Fräulein Rottenmeier. Nur in nett. Die stand da und hat mich herzlich begrüßt.“ Es sind Begegnungen wie diese, die seine Erinnerungen an Marburg so wertvoll machen.
Eine Begegnung, die ihn besonders geprägt hat, ist die mit Schauspieler Dieter Hildebrand. „Das war die Begegnung meines Lebens. Dieser Mann hatte eine ungeheuere Gradlinigkeit“, erinnert er sich. Eine Haltung, die  Bernd Stephan stets Vorbild war und bleiben wird – in jeder
Lebenslage.

Steckbrief  

Name: Bernd Stephan
Geboren: 23. Oktober 1943 in Marburg
Was macht er jetzt? : Alles, was ihm Spaß macht. Er liest Hörbücher ein, spricht den Kommentar zu der Dokumentation „Die Schatzsucher – Goldrausch in Alaska“ (immer freitags, 22.15 Uhr, DMAX), hält Lesungen, spielt Theater und übernimmt Fernseh-Rollen.
Kommt er noch vorbei? : Gelegentlich. Nachdem die Familie erst nach Wetzlar, 1961 dann weiter nach Stuttgart zog, sind die Besuche seltener geworden.

Wissenswert:

  • Mehr als 175 Sprechrollen hat Bernd Stephan im Laufe seiner Karriere übernommen.
  • Eine seiner prägendsten: die Rolle des John Cleese in Monty Python‘s „Flying Circus“. Einer 45-teiligen Sketch-Serie, die sich durch schwarzen Humor auszeichnet.
  • Berühmt wurde Stephan  durch die Hauptrolle in dem Film  „Car Napping“, der 1980 gedreht wurde und Kultstatus erlangt hat.
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