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Die Herrin über 54 Hektar Schlosspark

Eine von hier Die Herrin über 54 Hektar Schlosspark

Die gebürtige Rauschenbergerin Andrea Badouin zog es nach ihrer Gärtnerausbildung nach Berlin. Heute ist sie Gartenmeisterin am Schloss Charlottenburg. Wie es dazu kam, erzählt sie im OP- Gespräch.

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54 Hektar Land umfasst der Schlosspark Charlottenburg nahe Berlin. Seit 13 Jahren bestimmt die gebürtige Rauschenbergerin Andrea Badouin, was hier wo gepflanzt wird

Quelle: Privat

Brieselang.  „Wenn ich unsere Besucher durch den Schlosspark führe, vorbei an den vielen Blumenbeeten und Hecken, dann empfinde ich schon so etwas wie Stolz“, sagt Andrea Badouin. Seit 2002 ist sie Gartenmeisterin am Schloss Charlottenburg und als solche Hüterin des Schlossparks. Klingt romantisch. Doch hinter dem  bedeutendsten historischen Gartendenkmal Berlins steckt vor allem eins: viel Arbeit.

54 Hektar ist der Schlosspark groß – das entspricht in etwa der Größe von 77 Fußballfeldern. Eineinhalb Kilometer Beet befinden sich darauf, die dreimal jährlich, im Frühling, Sommer und Herbst, neu bepflanzt werden. Hinzu kommen 500 Kübelpflanzen und kilometerlange Hecken, die in Form gehalten werden müssen.

Natürlich macht Andrea Badouin das nicht allein. 13 Gartenarbeiter stehen der 50-Jährigen zur Seite und helfen ihr den Garten zu erhalten, wovon sechs Hektar im barocken Stil von 1699 angelegt sind – das Jahr, in dem das Schloss Charlottenburg fertig gebaut wurde. Und trotzdem: „Ich hänge schon sehr an dem Park“, sagt sie. Doch wie kam sie eigentlich dort hin?

„Ich war schon immer viel an der frischen Luft“

Andrea Badouin wird im ­Juni 1964 im Rauschenberger Stadtteil Bracht/Siedlung ­geboren. Zusammen mit ­ihren zwei jüngeren Schwestern tobt sie gern auf dem Bauernhof ihrer Großeltern herum. Ihr Großvater nimmt sie oft mit in den Wald, um mit ihr Pilze zu sammeln und ihr Dinge über die Natur zu erklären. „Ich war schon immer viel draußen an der frischen Luft“, erinnert sie sich. Auch als junge Frau sei sie oft im Wald unterwegs gewesen. „Ich brauche das als Ausgleich auch heute noch. Obwohl ich den ganzen Tag im Garten arbeite, gehe ich danach noch gern spazieren“.

Sie besucht das Gymnasium in Kirchhain, das sie jedoch nach der elften Klasse verlässt, um einen unkonventionelleren Weg einzuschlagen: Sie beginnt eine Ausbildung zur Garten- und Landschaftsbaugärtnerin in dem Gartenbaubetrieb Alfred Lessing in Wetter. Anfang der 1980er Jahre ist sie eine der wenigen Frauen, die sich in diesen körperlich sehr anspruchsvollen Job wagen.

„Die Marburger laufen quasi auf meinem Pflaster“

„Es war wirklich sehr anstrengend“, erinnert sie sich an ihre ersten Jahre im Beruf. „Wir haben zum Beispiel das Segmentbogenpflaster und den Wall vor dem Kaufhaus Ahrens gepflastert. Die Marburger laufen also quasi auf meinem Pflaster“, sagt Andrea Badouin nicht ohne Stolz. Auch in der Kurstadt Bad Wildungen und auf dem Hugenottenplatz in Schwabendorf, dem Geburtsort ihres Vaters, hinterlässt die junge Landschaftsbaugärtnerin ihre Spuren.

Mit 28 Jahren trennt sie sich schweren Herzens von ihrer Familie und zieht nach ­Berlin, um an einer zweijährigen Fortbildung teilzunehmen. Als staatlich geprüfte Technikerin mit dem Schwerpunkt Garten- und Landschaftsbau wagt sie schließlich den Schritt in die Selbstständigkeit. „Ich hatte damals eine kleine Gartenbaufirma in Berlin“, erzählt sie. „Aber nach der Wende war das schwierig, weil die Zahlungsmoral der Firmen gleich null war.“ Andrea Badouin beschließt: „Das lasse ich nicht mit mir machen“.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum sie ihre Selbstständigkeit aufgibt: „Der plötzliche Tod meines Vaters. Das hat uns alle tief getroffen. Ich musste die Familie unterstützen und verbrachte viel Zeit zu Hause.“   Danach brauchte sie „ein Gefühl von Sicherheit, am besten durch einen geregelten Arbeitsalltag und vor allem Freizeit. Das Leben ist kurz.“

„Ich hätte nie gedacht, dass ich nach Berlin ziehe und nicht nach Hessen zurückkomme“

Acht Jahre lang arbeitet sie in der Jugendhilfe beim Internationalen Bund und bildet Jugendliche im Garten- und Landschaftsbau aus, verbringt viel Zeit mit ihrem Hund Felix und ihrem neuen Hobby, der Falknerei.
Als sie eines Tages in der Zeitung liest, dass am Schloss Charlottenburg eine Gartenmeisterin gesucht wird, weiß sie sofort: Das bin ich. „Alles stimmte.“ Davon ist auch die Stiftung Preußiche Schlösser und Gärten überzeugt. Prompt kriegt sie den Job und wird Herrin über 54 Hektar Schlosspark.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich nach Berlin ziehe und nicht nach Hessen zurückkomme“ überlegt sie. Ihre hessische Heimat besucht sie immer wieder gern, wegen der Natur, aber vor allem wegen ihrer Familie. „Familie wird bei uns groß geschrieben.“ Als Andrea Badouin im vergangenen Jahr ihren 50. Geburtstag feierte, reiste ein Großteil ihrer Familie zu ihr nach Brieselang, eine Kleinstadt vor den Toren Berlins. Ob sie irgendwann zurück nach Rauschenberg zieht? „Ich sag immer: Sag niemals nie!“, sagt sie geheimnisvoll.

Mit ihrer Schwester hat sie vor fünf Jahren einen Naturabenteuerroman mit Fantasiefiguren und Bildern einer befreundeten Künstlerin geschrieben. Es wartet noch auf eine Veröffentlichung.

Steckbrief

  • Name: Andrea Badouin
  • Geboren: 6. Juni 1964
  • Schule: Gymnasium Kirchhain
  • Was macht sie jetzt? Andrea Badouin ist Gartenmeisterin am Schloss Charlottenburg
  • Kommt sie noch vorbei? Na klar – schließlich fühlt sie sich ihrer Familie und besonders ihren zwei jüngeren Schwestern, die noch in Rauschenberg leben, sehr verbunden.
  • O-Ton: „In der Natur zu sein bedeutet für mich mit allen Sinnen das Leben wahrzunehmen und ein Teil davon zu sein.

Film

Susina Lange und Tobias Schreyer haben ein kurzes Portrait über Andrea Badouin gedreht: http://vimeo.com/2470media/review/109373228/b9bee242a5

von Ruth Korte

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