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Weltschmerz und eine Liebeserklärung

Wie werde ich Songwriter? Weltschmerz und eine Liebeserklärung

Wird „Half Room“ der Sommerhit des Jahres 2017? Oder ist es eben doch nicht ganz so einfach, einen guten Song zu schreiben? Die OP macht den Test: Gage oder ­Blamage?

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Marburg. Das mit den Romanen ging nie über die ersten beiden Kapitel hinaus. Gedichte? Klangen meist albern, hölzern, nicht mein Ding. Ein Drehbuch? Zu kompliziert und außerdem: Das muss nicht nur jemand lesen, sondern daraus auch einen Film machen wollen. Das gleiche gilt im Übrigen für Theaterstücke.

„Money For Nothing“

Was bleibt jemandem, der sich für einen Dichter hält und in den genannten Disziplinen bisher nicht vom Fleck kam? Vielleicht muss ein Song her. So ­einer, den die Radiostationen rauf und runter spielen, den die Spatzen von den Dächern pfeifen, ein Hit, der bei Youtube geklickt wird – zumindest für ein paar Tage oder Wochen. Okay, das müsste doch zu schaffen sein!

Vielleicht ist es ja wirklich so banal, wie die Dire Straits es in „Money for Nothing“ besangen: „Schau dir die Jungs an, so läuft die Sache, du spielst Gitarre auf MTV. Das ist doch keine Arbeit, Mann, so wird‘s gemacht, Kohle für nichts und die Mädels gibt‘s dazu.“ Gut, einen Gang runterschalten und erst mal die Profis fragen. Was macht meinen Song erfolgreich? Meine australische Freundin Ronnie Taheny, aus deren Feder immerhin Songs wie Sashas „If You Believe“ stammen, hat ein ganz einfaches Rezept: „Du musst nur anders sein als alle anderen.“

Oder mit offenen Ohren durchs Leben gehen und überall ein kleines bisschen bei den anderen abkupfern. So hält es der seit zehn Jahren in Marburg lebende Musiker, Komponist, Bandleader, Produzent und Songwriting-Coach Michal Bandac. „Zeig‘ mal, was du hast“, bittet er mich bei unserem ersten Treffen. Tja, was habe ich? Eine düstere Spukballade über den Geist einer aus Irland nach Australien ausgewanderten Leuchtturmwärters-Gattin. Sechs Minuten Gruft-Feeling, coole – und wahre – Geschichte, aber ein Hit?

„I love it“, sagt Bandac: „Da ist viel Nick Cave drin, in die Richtung müssen wir.“ Spricht‘s, bricht in meinem Vorgarten einen Ast von einem Strauch, wickelt Paketschnur drum und bearbeitet damit meine Gitarrensaiten: „Direkt aus dem Grab, der Sound.“ Na ja, vielleicht hat „Half Room“ dann doch mehr Sommerhit-Potenzial? Melancholischer Selbstzweifel, lakonischer Weltschmerz und eine unverhohlene Liebeserklärung.

Moment, sagt mein Produzent, während er den Text liest: „Dein Chorus ist viel zu lang, ein Monster – welche Stelle daraus sollen sich deine Fans merken, damit sie mitsingen können?“ Na ja, vielleicht ja nur die letzten beiden Zeilen: „When you‘re near me, you‘re the mirror to create the missing parts and I feel complete upon the beat of our two loving hearts.“

Ach ja, ich vergaß: Ich schreibe meine Songs auf Englisch. Warum? Weil ich es will und weil ich es kann. Ich habe auch deutschsprachige Lieder geschrieben, ehrlich – ich hab‘s versucht, aber nie so einfache Bilder wie „Wolke 4“ oder „Herz über Kopf“ gefunden. Also: Englisch. Läuft einfach besser für mich. Beim Schreiben wie beim Singen.

„Half Room“ im Liegen

Apropos Singen: „Du bist zu schnell, das klingt abgehetzt und nicht nach echter Liebe“, kritisiert Michal. Noch ein Anlauf, immer noch zu schnell. „Komm, leg dich hier auf die Wiese und spiel‘ ,Half Room‘ nochmal.“ „Im Liegen?“ „Yes, Sir.“ Sieht albern aus, aber die Nachbarn sehen gnädig darüber hinweg, während mich die horizontale Spielposition ausbremst und der Song besser zu klingen beginnt.

Dann darf ich wieder sitzen, doch es wird nicht weniger anstrengend. „Ich habe zwei, drei verschiedene Ideen für dein Intro, die probieren wir jetzt mal aus.“ Zu glauben, meine eine­ Idee für den Einstieg in den Song sei die einzig wahre, war wohl ein wenig anmaßend. Was folgt, ist eine Stunde harte Arbeit für zwölf Sekunden Musik: Die erste Liedzeile mit den ersten zwei Akkorden des Intros? Oder doch die ersten vier Zeilen der ersten Strophe mit den dazugehörigen Akkorden? „Na ja, es ist dein Song – ich bin nur der Mann mit den Ideen.“

Der Mann mit den Ideen wird auch der Mann mit den Instrumenten sein: Dass Bandac­ diverse Gitarren ebenso beherrscht wie Tasteninstrumente und das Schlagzeug, ist ein Glücksgriff, der die Studioband zum Duo mit der Lizenz zum Dubbing schrumpfen lassen könnte.

  • Vom Tag im Tonstudio handelt der nächste Teil von „Mein eigener Song – das schaffe ich“.

von Carsten Beckmann

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