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Vier Damen treffen auf Kreuz-Buben

Skat Vier Damen treffen auf Kreuz-Buben

Falls Sie erwarten, nach diesem Artikel das Skatspiel zu verstehen - lesen Sie nicht weiter. Sie werden es nicht. Was Sie aber verstehen werden: Skat ist lebenslanges Lernen. Und Skat ist irgendwie auch Peter Luczak.

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Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Stich. Mal wieder. Und mal wieder kann sich Peter Luczak ein Grinsen nicht verkneifen. Für ihn sind die vier jungen Frauen, die vor ihm sitzen, absolut berechenbar. Er hat sie durchschaut. Eine nach der anderen. Dafür brauchte er keine zwei Sekunden. Luczak ist Skatspieler aus Leidenschaft. Die vier Frauen hingegen absolute Skatneulinge. Jede von ihnen kann Mau-Mau, keine von ihnen Doppelkopf. Und Skat - das haben sie alle noch nicht gespielt. Luczak soll es ihnen beibringen. Aber der verschränkt erst einmal die Arme. „Das ist unmöglich, dass ihr das in zwei bis drei Stunden lernt“, erklärt er und rührt unbeeindruckt in seinem Kaffee.

Luczak trinkt ihn schwarz. Die Bier-Runde setzt er aus. Kneipenspiel hin oder her - hier geht es um Konzentration. Um Sieg und Niederlage. Darum, den Gegner einzuschätzen. Da ist kein Platz für ein Bier. Nur für Kaffee, Zigaretten und einleitende Worte: „Dieses Spiel wird in der Gemeinschaft gespielt. Da werden Emotionen frei gesetzt. Da liegen Freud und Leid dicht beieinander.“

Während er redet, mischt er die Karten. Verteilen wird er sie in den nächsten 60 Minuten nicht. Das wäre zu einfach. Und Skat ist alles - nur nicht einfach. Luczak gibt erst einen Geschichtsexkurs - dann die Karten. Er erzählt von einer Zeit, in der jedes Kartenspiel als Spiel des Teufels verschrieen war, die Karten auf Leder gemalt und nicht auf Pappe gedruckt waren. 1813 zum ersten Mal erwähnt, wird Skat 200 Jahre später noch immer gespielt.

Drei Mitspieler, ein Karten-Set - fertig ist ein wahrer Freizeit-Krimi. Zumindest wenn man Peter Luczak fragt. Für ihn steckt hinter jedem Spiel eine Herausforderung, hinter jedem Gegner ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Die Skat-Regeln sind mittlerweile fest niedergeschrieben. Raum für Interpretation? Fehlanzeige. Nicht bei einem solch strategischen Spiel. Früher, so berichtet Luczak, spielten die Menschen von Dorf zu Dorf ein anderes Skat. Erst durch das 1927 festgeschriebene Regelwerk wurde das Spiel nach und nach vereinheitlicht.

Während Luczak redet, mischt er unaufhörlich die 32 Karten. Erzählt etwas von Schneider und Ouvert. Vorhand, Mittelhand und Hinterhand. Ein bisschen erinnern die Begriffe an Degenfechten und Tennis. Nicht aber an ein harmloses Kartenspiel. Luczak bestellt den zweiten Kaffee - ruft zur dritten Zigarettenpause und lässt seine vier Skatspielerinnen mit rauchenden Köpfen sitzen. Ein fünfter Neuling stößt zur Gruppe hinzu. Einer, der schon mal gespielt hat. „Kein Guter“, wie Luczak allein an der Art, wie er seine Karten hält, urteilt. „Nicht nur das Spiel anhand der Karten ist wichtig, sondern auch die Beurteilung der Spieler, die am Tisch sitzen“, macht er deutlich. Es ist ein Strategiespiel. Gepaart mit ein bisschen Psychologie, viel Konzentration und Mathematik. Die Neulingsrunde am Tisch will von Mathematik noch nichts wissen. Sie wollen nur das Traditionsspiel verstehen. Wollen verstehen, wie Generationen von Menschen sich über verregnete Skat-Sonntage freuen. Wie ein Kartenspiel immer wieder die unterschiedlichsten Menschen an einen Tisch holt.

Gespielt wird anfangs mit offenen Karten. Jeder einzelne Schritt wird so nachvollziehbar. Luczak ermahnt immer wieder: „Mitdenken, mitrechnen! Wie viele Augen liegen, wie viele habt ihr auf der Hand?“ 120 dürfen es sein. „Denkt nach!“ Er blickt in fragende Gesichter. Das Schweigen bedeutet: keine Ahnung. „43 Vielleicht?“ Luczak schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Das Feuer in euren Augen ist erloschen. Das reicht für heute“, sagt er. Kleine Protestrufe, dann die Einsicht: Skat in drei Stunden lernen? Unmöglich. Grundzüge verstehen? Machbar. Ja, nicken die vier Skat-Damen. Das Feuer ist erloschen. Die Glut der Begeisterung - sie wartet nur darauf, erneut entfacht zu werden.

von Marie Lisa Schulz

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