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Money-Control sagt „Nein!“

OP-Serie "Das schaffe ich" Money-Control sagt „Nein!“

Ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin, aber ich kann nicht mit Geld umgehen. Obwohl, damit umgehen schon: Verdienen und ausgeben. Aber eben nicht bewusst einteilen und sparsam verwalten. Einen Monat lang will ich aber die Kontrolle übernehmen.

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Die Smartphone-App hilft Tim Gabel, den Überblick zu behalten. Wie viel hat er schon ausgegeben und vor allem für Was? Money-Control merkt sich, was er so oft vergisst.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Ich habe eine Kollegin, die setzt sich jeden Abend an ihren Schreibtisch und trägt ein, was sie tagsüber ausgegeben hat. Haushaltsbuch nennt man das. „Ich mache das, seit ich arbeite, damit ich nicht mehr Geld ausgebe, als ich einnehme“, sagt sie. Das ist logisch. Das liegt nahe. Aber nichts könnte mir ferner liegen. Mangelt es mir an Disziplin, frage ich sie? „Für mich ist das keine Disziplin“, sagt sie. „Das dauert eine Minute. Ich schreibe eben auf, was ich auf meinen Einkaufs- oder Tank-Zetteln, etc. stehen habe, und dann bin ich fertig.“ Sie könne sich aber gut vorstellen, dass ich nach zwei Tagen auf so etwas keine Lust mehr hätte: „Du wolltest eine ehrlich Antwort haben“, sagt sie. Und danach ganz uneitel: „Ich habe einfach Angst davor, dass ich
mehr ausgebe, als ich habe.“

Ich kann das alles nachvollziehen. Es erscheint mir vernünftig und eigentlich auch überhaupt nicht uncool, mit seinem Geld bewusst umzugehen. Auch mal was für langfristige Projekte oder Wünsche zu sparen. Ich habe mich auch nach einiger Zeit dazu durchgerungen, jeden Monat einen festen Betrag anzulegen. Aber immer wieder muss ich mein Konto aus diesem Topf auffüllen, damit es nicht ins Minus rutscht. Für mein neues Auto musste ich einen Kredit aufnehmen, obwohl es vielleicht auch möglich gewesen wäre in den Jahren vorher, jeden Monat 100 Euro zu sparen. Mit anderen Worten: Ich bin kein Fall für Peter Zwegat. Aber warum finde ich es so langweilig und mühselig, bewusst mit meinem Geld umzugehen, wenn es eine Reihe von Vorteilen mit sich bringen würde?

Ich bin „Typ 2“

„Ganz grob analysiert gibt es einfach unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen“, sagt der leitende Psychologe des UKGM in Marburg, Hans Onnop Röttgers. Jeder Mensch ist zwar anders, aber es gebe schon den  Typen, der eine Veranlagung zur zwanghaften Kontrolle hat und den kreativen, eher „chaotischen“ Typen. Während Typ 1 viele typisch deutsche Tugenden vereint, wie Pünktlichkeit und Struktur, dabei aber oft zur Pedanterie und Zwanghaftigkeit neige, wäre Typ 2 kreativ und offen für Neues, aber oft sehr unstrukturiert und der typische Hausschlüssel-Vergesser oder -verlierer.

Ich identifiziere mich eher mit Typ 2. „Während es für Typ 1 ganz natürlich und völlig automatisch sei, das Haushaltsbuch zu führen, ist es für Typ 2 einfach öde“, sagt Röttgers. Fast so, als würde es körperliche Qualen verursachen. Röttgers tröstet mich: „Ein funktionierendes System braucht immer beide Typen und lange dachten Psychologen, dass Persönlichkeitsstrukturen sich nicht ändern lassen. Inzwischen ist dieser Glaube aber überholt.“

Das heißt, es besteht noch Hoffnung. Bedeutet, nach vorne schauen und das Problem angehen. Die App: „Money-Control“ soll mir helfen. „Money-Control“ ist die meist heruntergeladene Haushalts-App, die im Google-Appstore zur Verfügung steht. Die App gibt es für alle gängigen Smartphone-Betriebssysteme. Kosten: 2,48 Euro.

Ich habe mir für meinen Selbstversuch einen im wahrsten Sinne des Wortes günstigen Monat ausgesucht: Den Februar. Der hat nur 28 Tage. Gleicher Lohn, weniger Zeit, das erscheint mir für einen Finanz-Anfänger sinnvoll. Die App ist nicht sehr hübsch, aber das sind Haushaltsbücher ja meist nicht. Man kann ein Konto anlegen und muss dann Art, Währung und einen Grundbetrag auswählen. Vermutlich soll man da seinen derzeitigen Kontostand eingeben. Ich entscheide mich aber für Null, damit ich zunächst mal einen guten Überblick über Ein- und Ausnahmen habe.

Es ist allerdings sehr schön, dass ich mein Handy immer dabei habe und es sogar anfängt Spaß zu machen alles einzugeben. Man kann unterschiedliche Einkaufs-Kategorien wählen und den einzelnen Bereichen eine eigene Farbe geben.  Lebensmittel sind türkis, Benzin ist blau und Elektronik/DVDs sind braun. Es nervt etwas, dass man sich die Kategorien und Farben, wenn man verschiedene haben möchte, erst einstellen muss.

App spart nicht von alleine

Eine schöne Funktion ist, dass man nicht verrechnete Beträge mit einem roten Punkt versehen kann. Wenn man also ein Geschenk für einen Freund besorgt, kann man markieren, dass man noch Geld von Anderen dafür bekommt. So hilft es zum Beispiel, wenn man am Ende des Monats nochmal schaut, ob man auch alles verrechnet hat. Genauso kann man auch eintragen, wenn man selber Anderen etwas schuldet.

Wobei die App nicht hilft, ist weniger Geld auszugeben: „So sind nach einer Woche die ersten 1000 Euro weg. Darin enthalten allerdings Miete, der monatliche Sparbetrag, das Fitness-Studio, ein Skiausflug, Tanken und Lebensmittel.

Wobei die App hilft, ist allerdings, sich bewusst zu machen, wie viel Geld man schon ausgegeben hat und was man sich noch leisten kann. Ein Brillenkauf steht diesen Monat noch an, der Preis: 500 Euro. Der Spielraum nach hinten heraus wird also immer geringer. Jeder Eintrag wird schmerzhafter. Nach rund zwei Wochen verlässt mich wirklich zwischendurch die Lust, eine Zeitschrift, das Mittagessen mit Kollegen und den Supermarkt-Einkauf einzugeben. Ich bin sauer: Dass das Leben so teuer ist, dass ich nicht mehr verdiene und dass ich nicht besser verzichten kann. Ich kann ja schließlich jetzt nicht einfach die Zugfahrt nach Berlin absagen, wo ich meine Freundin besuchen will. Und die Brille brauche ich auch und bald einen neuen Laptop, der alte gibt den Geist auf. Ich habe ein schlechtes Gewissen denen gegenüber, die an der Armutsgrenze und jeden Cent zum puren Überleben umdrehen müssen.

Kampf um grüne Zahlen

Aber: Ich werde auch aktiv. Überlege mir zum Beispiel wie ich noch an Einnahmen kommen könnte. Und tatsächlich fallen mir ein paar Sachen ein. Und die Motivation, mal wieder ein paar grüne Zahlen in mein elektronisches Haushaltsbuch einzugeben, dass ich meine Ideen auch wirklich in die Tat umsetze. Ich verkaufe alte Elektrogeräte, DVDs und Playstation-Spiele (40 Euro). Ich köpfe mein Sparschwein, das schon überquillt (130 Euro) und bringe einer Kollegin, die Kontakt zu einem Second-Hand-Shop hat, ein paar gut erhaltene Kleidungsstücke mit (bis heute noch nicht verkauft). Ich habe zum ersten Mal Kontrolle über meine Finanzen. Das Gefühl ist ambivalent. Die Überwindung, Ausgaben einzugeben ist sehr groß. Dafür ist das Ergebnis eindeutig: Wenn mein Geld zur Neige geht, spare ich mir den Kauf eines Pullis und bleibe einen Abend zu Hause, obwohl meine Freunde weggehen. Money-Control sagt: „Nein“. Am Ende des Monats habe ich etwas zu viel ausgegeben. Und das liegt an der Sonderausgabe „Brille“. Glücklicher Zufall: Am 3. März habe ich Geburtstag und kann das teure Gestell so refinanzieren. Am Ende steht also eine schwarze Null. Bis auf Weiteres.

von Tim Gabel

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