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Radfahr-Kurs

Integration auf zwei Rädern

Radwege gibt es in Syrien nicht und geradelt wird ohnehin nicht viel. Deshalb hat Naema Al Ahmad es auch nicht gelernt. Jetzt wohnt die 40-Jährige in Marburg – und kann auch mit dem Fahrrad fahren.
Naema Al Ahmad lernte mit 40 Jahren das Fahrradfahren.

Naema Al Ahmad lernte mit 40 Jahren das Fahrradfahren.

© Frank Rademacher

Marburg. „Nach der ersten Übungsstunde war ich müde, es war sehr schwer“, erinnert sich Naema Al Ahmad an den 5. November, den Tag, an dem es zum ersten Mal rund ging. Und das zunächst im buchstäblichen Sinne. Auf dem Übungsplatz der Jugendverkehrsschule, auf dem vormittags Schüler das richtige Verhalten im Straßenverkehr üben, hatten die elf Frauen genügend Platz, um sich mit dem Zweirad vertraut zu machen – oder längst Vergessenes wieder aufzufrischen. Fahrradfahren verlernt man ja angeblich nicht. Natürlich Unsinn, man muss nur lange genug warten.

Der Erfolg kommt mit dem Muskelkater

Warten wollte Renate Latsch von der Bürgerinitiative für soziale Fragen aber nicht länger. Als Frauen immer wieder nach einer Möglichkeit fragten, Fahrradfahren zu lernen, nahm sie Kontakt mit dem Sportkreis auf. Und da hatte sie in Sportscout Zehra Demir genau die Richtige gefunden. Sie hatte zuvor schon in Stadtallendorf zwei solcher Kurse angeboten. Zusammen mit den Übungsleitern Balkis Pakravan und Hubert Alexander wurde der zehn Trainingseinheiten umfassende Kurs in die Tat umgesetzt.

Gleichgewichtsübungen und das „Laufradeln“ standen am Anfang, ehe es an das sichere Aufsteigen und Anfahren ging. Der Muskelkater sei ziemlich schlimm gewesen, bekennt Naema Al Ahmad – aller Anfang ist bekanntlich schwer. „Aber in der dritten Stunde hat es geklappt“, berichtet die Gynäkologin, die schon von Berufs wegen weiß, wie wichtig Sport für Frauen in ihrem ­Alter ist.„Ich war schon immer sportlich interessiert und mein Mann und die Kinder können schon Rad fahren“. Da wollte die 40-Jährige nicht länger außen vor bleiben.

Unterstützt wurde das Projekt von Claus Schäfer vom Büro für Integration des Landkreises und Brigitte Hermann, Regionalkoordinatorin im Programm „Integration durch Sport“ bei der Sportjugend Hessen. Sie berichtete zum Abschluss des Kurses, dass die Fahrradkurse in anderen Bundesländern schon länger ein Erfolg sind. Mit ihnen könne die Benachteiligung von Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund im Sport ein wenig abgebaut werden.

Jürgen Hertlein, Vorsitzender des Sportkreises, zeigte sich überrascht, wie gut die Frauen das Radfahren innerhalb von vier Wochen gelernt hatten. „Ich hatte schon mit einigen Stürzen gerechnet, aber es ist gar nichts passiert“, zollte er den Frauen seinen Respekt. Und mit leeren Händen war er auch nicht gekommen. Für jede Teilnehmerin gab es am Ende nicht nur einen Fahrradpass, sondern auch einen neuen Helm. Der sei als zusätzlicher Anreiz gedacht, jetzt auf dem Rad zu bleiben.
Im Frühjahr soll zudem eine gemeinsame Radtour organi­siert werden, bis dahin darf das gerade Gelernte also nicht wieder in Vergessenheit geraten. Und der erste Kurs in Marburg soll nur der Anfang gewesen sein.

Das Projekt funktioniert auch ohne Werbeaktionen

Mindestens zwei Kurse sind künftig pro Jahr geplant, einer im Frühjahr und ein zweiter im Herbst. Die Nachfrage ist schon jetzt da. „Neun Frauen stehen schon jetzt auf der Warteliste für Marburg“, berichtete Renate
Latsch. Und Werbung habe sie für den ersten Kurs keine gemacht, aber er sei auch so nach zwei Wochen voll gewesen. Interessierte Frauen können sich auch auf der Homepage des Sportkreises anmelden.
Ein eigenes Rad hat Naema Al Ahmad zwar noch nicht, aber ihr 13-jähriger Sohn Mahmoud hat eines, das genau so groß ist wie das Rad, auf dem seine Mutter in den vergangenen Wochen das Fahrradfahren gelernt hat. Der freue sich schon, jetzt mit ihr gemeinsam zu radeln, berichtet die Syrerin und das Lächeln in ihrem Gesicht verrät, dass er mit dieser Vorfreude nicht alleine ist.

von Frank Rademacher


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