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Ich packe meine Koffer und nehme mit...

Pflegeheim Ich packe meine Koffer und nehme mit...

Was würden Sie einpacken, wenn Sie sich auf ein Leben auf wenigen Quadratmetern beschränken müssten? Irmgard Oepen (83) hat ihre Entscheidung schon getroffen und sagt: „Es braucht weniger als gedacht.“

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Was mitnehmen, wenn der Umzug ins Seniorenheim ansteht? Irmgard Oepen, Professorin, fünffache Mutter und zwölffache Oma hat sich dieser Frage gestellt.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Ein bisschen zerbrechlich wirkt sie, wie sie da auf der Bank sitzt. Krumm im Rücken, die Beine mit einer Decke bedeckt. Ihr Händedruck ist schwach, ihre Bewegungen langsam. In ihrer Stimme aber ist nichts von Schwäche zu hören. Sie ist voller Neugierde. „Körperlich habe ich einige Einschränkungen, aber mental musste ich noch nichts einbüßen“, erklärt Professor Irmgard Oepen. Seit vier Jahren lebt die 83-Jährige im Wohn- und Pflegeheim der DRK-Schwesternschaft Marburg. Ihre kleine Wohnung in Wehrda hat sie gegen ein Einzimmer-Appartement eingetauscht.

„Als Ärztin war mir einfach klar, dass das Leben nicht ewig geht“, sagt sie nüchtern. Mehr noch: Mit den Jahren kommen zahlreiche kleine Wehwehchen und erste ernstzunehmende Erkrankungen hinzu. „Ich leide unter dem Parkinson-Syndrom. Eigentlich kann ich noch alles machen. Nur eben im Schneckentempo“, fasst sie ihren Gesundheitszustand zusammen. Vor vier Jahren, da war die Krankheit noch nicht so weit fortgeschritten. Ihre fünf Söhne, allesamt Ärzte, und ihr eigener, hellwacher Verstand aber rieten ihr: Zieh in ein Wohnheim. „Ich wollte das machen so lange ich meine Sachen noch selbst regeln konnte“, erinnert sich die 83-Jährige.

Denn „selbst regeln“, über das eigene Leben bestimmen, das ist es, was Irmgard Oepen als größten Luxus empfindet. Fünf Söhne hat die Ärztin großgezogen. Zwischen Windeln wechseln, Pflaster kleben und Flasche geben hat sie sich habilitiert. Immer versucht, ihre Kinder und ihren Beruf unter einen Hut zu bekommen. Nach 25 Jahren Ehe ließ sie sich scheiden, musste auf eigenen Beinen stehen. Es folgte der Umzug in eine eigene Wohnung. Eine Wohnung, die nun vor vier Jahren aufgelöst werden musste. Viel hatte sich in den vergangenen Jahren angesammelt. Erinnerungen, Fachliteratur, ganz normaler Krims-Krams. „Bei fünf Kindern und zwölf Enkelkindern kommt einiges zusammen. Aber ich war nie ein Mensch, der gehortet hat.“ Trotzdem musste sie sich entscheiden: Was zieht mit um, was kommt weg?

„Als ich mir das Wohnheim angeschaut habe und sie mir sagten, dass ich sofort kommen kann, ging mir das doch alles viel zu plötzlich“, erinnert sich Oepen. So ein Umzug, „mein letzter“, wie sie selbst sagt, will schließlich gut vorbereitet sein. Immerhin gilt es, das ganze Leben, die Vergangenheit in Kisten zu verpacken, sich von liebgewonnenen Dingen zu trennen. „Ich habe ein halbes Jahr dafür gebraucht“, gesteht Oepen. „Aber ich habe nichts von meinen Sachen einfach so weggeschmissen.“ Nur verschenkt. Die zahlreichen Fachbücher beispielsweise, die sich im Laufe ihres Berufslebens angesammelt haben, gingen zurück an die „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP). Eine Gesellschaft, zu deren Gründungsmitgliedern Irmgard Oepen gehört.

Ihre Fotos, die hat sie an ihre Kinder verteilt. Nur ein paar hat sie behalten. Hat sie in ein eigenes, kleines Fotoalbum geklebt. Blauer Einband, grifffeste Seiten. Vollgepackt mit Erinnerungen, Zeitungsausschnitten und Briefen. Meist von ihren Enkelkindern und Kindern.

Zwei Bücherregale stehen noch in dem kleinen Zimmer im Wohnheim. Jeder Zentimeter ist genutzt. Meterweise Fachliteratur. Schließlich hat ihr Beruf und die Forschung einen Großteil ihres Lebens ausgemacht. Irmgard Oepen hat am Institut für Rechtsmedizin gearbeitet. „Ungeklärte Vaterschaft“ war ihr Spezialgebiet. „Wir waren von DNA-Untersuchungen noch weit entfernt“, erinnert sie sich heute. Damals wurde mit Blutgruppenanalysen gearbeitet.

Einen Ordner mit wichtigen Dokumenten und Zeugnissen hat sie neu angefertigt. Die bürokratischen Eckpfeiler ihres Lebens. „Da ist auch mein Abiturzeugnis drin. Das ist das schlechteste Zeugnis, das ich je in meinem Leben bekommen habe“, gesteht sie und sagt weiter: „Ich lebe hier von meinem selbst verdienten Geld. Darauf bin ich besonders stolz.“

Trotzdem vermisst sie manchmal die Selbstständigkeit, die Freiheiten, die sie noch hatte, als ihr Körper noch nicht von der Krankheit geprägt war. Einen Schaukel-Liegestuhl, eine kleine Bank mit drei Stühlen und ein Wandgemälde hat sie noch aus ihrer alten Wohnung mitgebracht. Neu in ihrem Zimmer ist der Rollstuhl. Voll elektronisch. Irmgard Oepen würde ihn am liebsten aus ihrem Gesichtsfeld verbannen. Der Rollstuhl erinnert sie an die Hilfe, die sie im Alltag benötigt.

Kleinere Ausflüge - ohne Begleitung nicht mehr möglich. „Früher bin ich häufig zu meiner alten Wohnung gegangen, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist.“ Früher. Das war in ihrer Zeitrechnung vor vier Jahren. Als das Zimmer im Wohnheim trotz der persönlichen Gegenstände und der eigenen Möbel irgendwie noch fremd war. „Ich habe mich niemals vor diesem Lebensabschnitt gefürchtet. Aber, dass sich der Gesundheitszustand mit dem Alter verschlechtert und noch niemand am Leben geblieben ist, das weiß man ja“, sagt sie, in ihrer sachlichen Art.

Der Umzug in das Wohnheim, das Aussortieren eines ganzen Lebens mit all seinen Erinnerungen - es gehört zu den wohl schwersten Entscheidungen, die Irmgard Oepen treffen musste. Eine Entscheidung, die sie jedoch niemals bereut hat.

von Marie Lisa Schulz

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