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Die „Frau Doktor“ und ihre alten Damen

OP-Serie "Das schaffe ich" Die „Frau Doktor“ und ihre alten Damen

Der Freitagmorgen ist geblockt - Sport steht auf dem Plan. Andere Termine müssen warten, denn an diesem Tag trifft sich eine Gemeinschaft, die vielmehr verbindet als die gemeinsame Bewegung.

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Die bunten Gummibälle gehören zum Inventar bei jeder Sportstunde im Niederaspher Dorfgemeinschaftshaus.

Quelle: Dennis Siepmann

Niederasphe. Niederasphe. Anneliese Müller ruht sich noch ein wenig aus - sie sitzt auf einem Stuhl in der Ecke und hält eine Trinkflasche in der Hand: „Mit der Diabetes ist das nicht so einfach - ich muss auch nach dem Sport noch vorsichtig sein und auf meinen Kreislauf achten“, sagt Müller. Sie nimmt einen großen Schluck Apfelsaftschorle, während die anderen Teilnehmerinnen bereits den Raum verlassen. Gerne nimmt Müller - die sich mit ihren 59 Jahren selbst als Küken der Gruppe bezeichnet - die Ruhephase nach der Übungsstunde in Kauf, denn der regelmäßige Sport hilft ihr im Umgang mit der Zuckerkrankheit. „Ich fühle mich hier bestens aufgehoben“, sagt Müller und blickt in Richtung von Christine Berger (Foto: Dennis Siepmann). Die Kursleiterin lächelt und sammelt in Windeseile die bunten Gymnastikbälle zusammen, die noch durch den Raum rollen.

Idee zur Sportgruppe kam Berger während der Arbeit

Die Idee zu einer Sportgruppe kam der ausgebildeten Physiotherapeutin Berger während der Arbeit in der Arztpraxis ihres Mannes. Bei sehr vielen Krankheitsbildern helfe regelmäßige Bewegung, erklärt Berger, die von den Kursteilnehmerinnen „Frau Doktor“ genannt wird: „Älteren Patienten, die in unsere Praxis kamen, konnte ich häufig nur den Tipp geben, möglichst viele Spaziergänge zu unternehmen. Es gibt einfach kein Sportangebot für Hochaltrige.“

Berger machte aus der Not eine Tugend und setzte sich das Ziel, die bestehende Versorgungslücke zu schließen und präsentierte ihr Konzept der heimischen Volkshochschule (Vhs).

Der Fachdienstleiter für Gesundheit, Wolfram Brönner, zeigte sich sofort von der Idee begeistert. Kurz darauf lief das Projekt an: Das war vor vier Jahren. Mittlerweile gibt Berger zwei Kurse, da sich immer mehr Teilnehmer einfinden. Brönner möchte das Konzept nun am liebsten im gesamten Landkreis etablieren. Der Erfolg der Gruppe ist auch ein persönlicher Erfolg für die Vorturnerin: „Ich bin hier mit offenen Armen aufgenommen worden. Heute sind wir eine enge Gemeinschaft, in der alle Charaktere vertreten sind.“ Die 48-jährige Berger nimmt die Rolle als Vertrauensperson dankbar an und beantwortet auch nach den Übungsstunden geduldig die Fragen der älteren Damen - Männer sind durchaus erwünscht, halten sich bei der Teilnahme aber noch zurück. Christine Berger fühlt sich sichtlich wohl in ihrer Rolle als Ratgeberin. Dennoch bleibt Christine Berger realistisch in Bezug auf die Wirkungskraft der gemeinsamen Sportstunden.

Vornehmlich gehe es darum, die Teilnehmer zu motivieren, etwas für ihre körperliche Fitness zu tun. „Das Programm wird niemanden heilen - das ist auch gar nicht das Ziel. Wir können jedoch den Status quo aufrecht erhalten und das allgemeine Befinden nachhaltig verbessern“, erklärt Berger.

Anneliese Müller pflichtet ihrer Kursleiterin bei: „Wir haben viel Spaß, werden aber auch gefordert.“ Dabei hat Berger verschiedene Methoden entwickelt, die sich speziell den Bedürfnissen der älteren Damen ausrichten. Deshalb finden viele Übungen im Sitzen statt.

Wer sitzt, ruht sich jedoch noch lange nicht aus: Durch Hinzunahme von Gummibällen oder elastischen Bändern kommt Schwung in das Niederaspher Dorfgemeinschaftshaus.

Bewegungsdrang der Frauen ist ungebrochen

Es wird gedehnt und jong­liert, die Bälle fliegen durch den Raum und die bunten Bänder bringen die Muskeln unter Spannung. Voll in Aktion kommt es auch vor, dass Christine Berger den Bewegungsdrang ihrer Gruppe zügeln muss. „Ich muss aufpassen, dass die Frauen nicht zu viel machen und sich nicht überanstrengen. Da geht es auch darum, zu erkennen in welcher Tagesform sie sich befinden“.

Aus diesem Grund hat die ausgebildete Physiotherapeutin immer ein wachsames Auge auf ihre Sportgruppe. Während sie das tut, bereitet im Hintergrund der CD-Player einen Klangteppich, zudem die Sportlerinnen ihre Muskeln, Bänder und Gelenke trainieren.Die Gruppe der Frauen hält zusammen - das merkt der aufmerksame Beobachter sofort. Vielleicht liegt es daran, dass es nicht bloß um den Sport geht, sondern um mehr: Darum, persönliche Geschichten miteinander zu teilen, Erfahrungen auszutauschen, um neue Kraft für den Alltag zu tanken. „Einige unserer Teilnehmer haben vorher überhaupt keinen Sport gemacht und verpassen mittlerweile keine einzige Stunde mehr“, betont Berger und lächelt in Richtung von Anneliese Müller. Die beiden Frauen sind sich einig: von den wöchentlichen Treffen hat jeder Beteiligte etwas.

von Dennis Siepmann

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