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Der Baum sagt schon, was er will

OP-Serie "Das schaffe ich" Der Baum sagt schon, was er will

Ein Händchen für Pflanzen hat unsere Autorin einfach nicht. Noch nie gehabt. Und dann gleich ein Bonsai? „Wenn‘s damit klappt, klappt es auch mit allem anderen“, dachte sie sich.

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Ein paar Blätter weniger, ein größerer Topf (rechts): Davon abgesehen hat der Bonsai die ersten Wochen aber gut überstanden.Foto: Maren Schultz

Marburg. Marburg. „Damit kannst du gar nichts falsch machen“, sagten meine Eltern, als sie mir den Kaktus vor die Wohnungstür stellten. Drei Wochen später beerdigte ich ihn in der Biotonne Meine Daumen sind wirklich alles - manchmal dreckig, meist leicht rosig - nur nicht grün. Ich habe drei Zimmerpflanzen, die alle derart anspruchslos sind, dass es ihnen nichts ausmacht, nur alle paar Wochen gegossen zu werden. Alle anderen Pflanzen habe ich bislang getötet. Darunter auch ein Bonsai, der - weil er ein Geschenk war - mir etwas mehr am Herzen lag.

Den leeren Platz vor dem Fenster, den er hinterließ, betrachte ich monatelang mit gemischten Gefühlen: Soll ich ihn „neu besetzen“ - immer mit der Gefahr, schnell wieder nur traurig herab hängende Blätter vor mir zu haben? Oder soll ich einfach akzeptieren, keinen grünen Daumen zu haben? So schnell will ich mich nicht geschlagen geben. Im Baumarkt kaufe ich einen neuen Bonsai. Etwas größer als der eingegangene soll er sein - dann ist er auch robuster, so meine Logik. Dabei darf er aber nicht zu teuer sein, damit ein Verlust nicht zu sehr schmerzt. Am Ende wird es ein 15-Euro-Bäumchen mit hellgrünen Blättern.

Zu Hause erhält er einen hellen Platz vor dem Fenster. Und jetzt? Bei einer Bonsai-Expertin aus Biedenkopf hole ich mir Tipps. Die 53-jährige Michaela hat selbst knapp 20 Bonsais - in allen möglichen Größen und Formen.

„Feucht genug ist er, aber umgetopft muss er werden“, lautet ihr erstes Urteil. Dann gibt sie mir die wichtigsten Tipps mit auf den Weg: alle zwei bis drei Tage gießen, nie austrocknen lassen aber auch nicht im Wasser stehen lassen. Einmal pro Monat baden. Im Frühjahr Äste und Wurzeln schneiden, im Sommer düngen, nicht in die direkte Sonne stellen.

Werde ich verstehen, was der Baum mir sagen will?

Nach einer Dreiviertelstunde brummt mir der Kopf. „Man muss die Bäume beobachten, die sagen einem schon, was sie wollen“, lautet ihr Rat. Hoffentlich verstehe ich auch, was mein Bäumchen mir sagen will. Wieder zu Hause halte ich mich streng an ihre Vorgaben. Täglich wird die Erde auf ausreichend Feuchtigkeit geprüft, ich kaufe Dünger und Bonsai-Erde und zupfe trockene Blätter ab. Nach einigen Wochen dann der erste große Schritt: Der Baum kommt in eine neue, größere Schale, gleichzeitig sollen Wurzeln und Äste geschnitten werden.

Als ich den Bonsai aus seiner Schale hebe, sehe ich sofort, weshalb das bisherige Gefäß viel zu klein war. Erde ist so gut wie keine mehr vorhanden, der ganze Topf bestand nur noch aus Wurzeln - und diese müssen jetzt geschnitten werden. „Etwa ein Drittel kürzen“, hatte Michaela mir geraten. Doch was ist ein Drittel? Die Wurzeln sind derart ineinander verwoben, dass kaum zu erkennen ist, wie lang sie eigentlich sind. Mit etwas Wasser spüle ich die restliche Erde ab und zupfe etwas halbherzig an den dünnen Wurzeln herum - mit dem Ergebnis, das ich sie abreiße. Bald liegt bereits eine beachtliche Menge der Wurzelverästelungen im Waschbecken. So war das sicher nicht gedacht.Schließlich lösen sich aber doch noch die dickeren Hauptwurzeln aus dem Ballen und ich schneide beherzt ein Drittel von ihnen ab.

Umtopfen, Zurückschneiden, Anschauen

Das Umtopfen in die neue Schale erweist sich als einfacher - zumindest das habe ich auch früher schon einmal gemacht.Und beim Zurückschneiden halte ich mich genau an Michaelas Vorgabe: „An jedem Ast nur zwei Blätter stehen lassen.“ Nach rund 20 Minuten ist das Werk vollbracht. Etwas kümmerlich sieht der Baum jetzt aus, mit den wenigen Blättern, die ich ihm gelassen habe. Doch immerhin kommt er jetzt den Abbildungen in den Fachbüchern wieder etwas näher.

In den folgenden Wochen beobachte ich das Bäumchen täglich und frage mich, ob es die Aktion unbeschadet überstanden hat. Doch tatsächlich: Nach einiger Zeit zeigen sich die ersten neuen Triebe. „Er lebt“, denke ich erleichtert - und greife schon nach einigen Wochen wieder zur Schere, um die neuen Triebe, die aus der Form wachsen, wieder zu kürzen.

"Der sieht doch sehr gut aus"

Zwei Monate nach dem ersten Besuch klingele ich wieder an Michaelas Tür. Wird sie die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie den Baum sieht? Doch offenbar habe ich mich gar nicht so schlecht geschlagen. Einige Blätter und Äste soll ich noch entfernen, aber „sonst sieht der doch sehr gut aus“, sagt sie. Einen Tipp gibt sie mir noch mit auf den Weg: „Auch wenn es jetzt wärmer wird - den Baum erst nach draußen stellen, wenn es auch nachts über zehn Grad bleibt. Zimmer-Bonsais mögen es nicht gerne kalt.“

Übrigens: Die Erkenntnis, die ich gewonnen habe, ist vor allem die: Ich bin mutiger geworden. Nachdem mein Baum das Zurückschneiden so gut überstanden hatte, rückte ich sogar dem Bäumchen eines Freundes mit der Schere zu Leibe. „Bring ihn nur nicht um“, gab der Besitzer etwas ängstlich zu bedenken. Doch da waren die langen Äste schon abgeschnitten.

von Maren Schultz

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