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Das Geheimnis der tausend Regler

OP-Serie Das schaffe ich: Einen Song schreiben Das Geheimnis der tausend Regler

Der nächste Schritt zum Sommer-Hit: Zwei Tage mit Song-Coach, Produzent und Musiker Michal Bandac im Studio von Werner Eismann.

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Werner Eismann (von links), OP-Redakteur Carsten Beckmann und Produzent Michal Bandac im Mardorfer Studio.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Erst mal geht es gar nicht so sehr um große Kunst - es geht ums Timing. „Wir brauchen eine Arbeitsspur für deinen Song“, sagt Werner Eismann, den Michal vom ersten Moment an ehrfurchtsvoll als „Captain“ betitelt. Das altehrwürdige 24-Spur-Pult im vorderen Studioraum hat in der Tat etwas von einer Kommandobrücke: unzählige Schiebe- und Drehregler, Knöpfe, Kabel, Kabel und noch mehr Kabel.

Captain Eismann bittet - nicht zum Tanz, aber ins Hinterzimmer, das Schlagzeug, Keyboards und das Gesangsmikrofon beherbergt. Kopfhörer auf für den Click, Gitarre verkabelt, Tür zu, dann mal los. Auf 90 Beats pro Minute haben wir uns verständigt, die muss ich halten. „Quincy Jones hat mal gesagt: 90 bpm machen jeden Song zum Hit“, doziert Michal. Na dann, wenn‘s sonst nichts ist...

Präzise genug, um darauf aufbauen zu können, spiele ich eine erste Version von „Half Room“ ein, der Text klebt vorsichtshalber in Sichtweite an der Wand, denn „zu Hause konnte ich‘s noch“ gilt hier nicht. Merkwürdig eigentlich, dass die selbst geschriebenen Texte sich ebenso widerwillig im Kopf einnisten wollen wie die vielen Coversongs, die ich immer wieder spiele.

Gaffa und Taschentücher

Jetzt schlägt im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal die Stunde von Kollege Bandac, der trotz kleiner sprachlicher Klippen auf Anhieb perfekt mit Studioboss Eismann harmoniert: Es geht an die Drumtracks. „Ich brauch‘ mal Gaffaband und ein paar Taschentücher“, meint Bandac, nachdem er das Instrument inspiziert hat. Hier ein Trommelfell abgedämpft, da die Hihat-Maschine auf den Bodenfliesen fixiert, es kann losgehen. Erst mal nur Basstrommel und Snare, dann eine weitere Spur für die Becken - „Na, ich bin eben nicht Jeff Porcaro“, gibt Michal mit dem Verweis auf den früheren Drummer der Band „Toto“ zu und meint damit: Ich spiele nicht den ganzen Song am kompletten Schlagzeug, sondern erst nehmen wir die Bassdrum und die Snare auf, dann auf einer weiteren Spur das Ridebecken, dann Hihat und so weiter.

Tja, und obwohl Carsten Beckmann auch nicht gerade ein Steve Lukather ist, muss er trotzdem seine Gitarrenparts einspielen. Was auf der Bühne oder zu Hause schnell mal so weggeschrammelt wird, muss bei den Aufnahmen sitzen: Gleich zwei Akustikspuren sollen es sein, und die schön akkurat. Werner Eismann hat inzwischen aus seinem Bass-Arsenal einen schwarzen Warwick-Viersaiter hervorgezogen. „Jetzt fängt der Spaß an“, strahlt Michal und lässt die tiefen Töne weich pumpen. „Was wir hier machen, ist so ähnlich, wie ein Haus zu bauen“, erklärt der Amerikaner.

Die ursprüngliche Arbeitsspur - das Fundament. Drums, Bass, Harmonien - die Grundmauern. Steht das alles, kann sich der Architekt austoben. Wenn man ihn lässt. Nach fünf Aufnahmestunden begehe ich den Fehler des Tages: „Also, ich müsste spätestens um 16 Uhr dann mal am Schreibtisch sitzen.“ Mitten in Michal Bandacs Orgelspiel hinein fällt dieser Satz, und sein Blick sagt alles: „Was, ich dachte, wir machen hier offenes ­Ende!“ Dann wird‘s ein wenig hektisch im kleinen, feinen, aber eben analogen Studio: Jede Spur muss für jeden Refrain und jede Strophe einzeln eingespielt werden. Gut, dass der Recorder wenigstens eine Fernbedienung zum Vor- und Rückspulen hat, um die jeweils richtige Stelle zu finden. Diese Arbeitsweise und der plötzliche Zeitdruck sind Gift für die Kreativität.

„Lass uns heute noch den Gesangspart aufnehmen und den Rest morgen machen“, schlägt Michal vor. „Meinst du wirklich, das kriegst du jetzt hin?“, fragt mich Werner. Wir versuchen es einfach. Kopfhörer auf, Tür zu, erste Strophe, Refrain, läuft. Zweite Strophe, Refrain, Bridge, Refrain, Schluss. Tür auf. Michal hat den Kopf in den Händen vergraben, Werner dreht sich langsam um. „Und?“, frage ich und komme mir ein bisschen dumm vor. „Wenn du zufrieden bist - ich bin‘s“, sagt Michal und grinst. „Klar, nehmen wir“, meint auch Werner und jetzt gibt‘s erst mal eine Runde Gruppenknuddeln. Kreative Stressbewältigung, hätte auch schiefgehen können.

Liebesgeflüster

Ende gut, alles gut, und es kommt noch besser: Da ist sie wieder, die Kreativität kurz vor Toresschluss. Weil zufällig gerade meine Frau, der ich „Half Room“ gewidmet habe, im Studio vorbeischaut, flüstert sie sanft die Worte „Loving Hearts“ ans Ende der Refrains. Schönes Detail.

Feierabend in Mardorf, doch im Kopf ist längst noch nicht Feierabend. Daheim vom Spätdienst bei der OP, kurz vor Mitternacht: Gitarren ausladen, eine mit aufs Sofa nehmen, ein Glas Wein in Reichweite: Was mache ich morgen mit den acht Takten Gitarrensolo, die uns noch für „Half Room“ fehlen? Die Nachtschicht nach der Spätschicht zahlt sich aus, und der Profimusiker Werner Eismann erklärt dem ambitionierten Amateur: „Klar, je kürzer dein Solo ist, umso weniger darfst du dabei dem Zufall überlassen.“

Michal Bandacs Hirn geht derweil all die Sounds durch, die ins Bild passen könnten. „Hör mal auf Youtube bei Stevie Ray Vaughns ,Lenny‘ rein“, sagt er nach kurzem Grübeln und verschwindet noch mal kurz aufs stille Örtchen. Okay, „Lenny“ also. Zur Abwechslung mal ein sehr viel cleanerer Stratocaster-Ton, als es der Texaner sonst mochte: Sanft, mit viel Frucht, wenig Säure und langem Abgang. Ach nee, das war der Wein von gestern Abend.

Und jetzt wird‘s düster. Und es wird noch zeitintensiver als am ersten Tag. „The Ballad of Susannah McKee“ ist ein Sechseinhalb-Minuten-Monster, eine­ Nummer, die wohl kaum auf eine alte 45er-Vinyl-Single gepasst hätte. Aber eine tragische Story, noch dazu eine wahre, die will erzählt sein: In fünf Strophen und fünf Refrains folgen wir dem irischen Auswanderer-Paar von ihrer Heimat bis auf den Friedhof der kleinen australischen Insel Lady Elliot Island.

Die Arbeitsweise gleicht zunächst einmal wieder dem ersten Tag: Arbeitsspur mit Gesang, Drums, Klavier, Gitarre, Gesang, für jede Spur sechseinhalb Minuten Minimum, vorausgesetzt, der erste Take sitzt und die Aufnahme wird nicht in einzelne Parts zerlegt. Wird sie natürlich immer wieder, und der Zettel, auf dem Werner die passenden Zählwerkdaten und die dazugehörigen Spuren notiert, wird von Minute zu Minute unübersichtlicher. Doch ich habe ohnehin längst aufgegeben, dem Geheimnis der tausend Regler und Stecker auf den Grund zu gehen, und solange der Captain den Kurs kennt, muss ich nicht alles wissen.

Michal hat im Eismann‘schen Instrumentenpark ein Cello entdeckt und bittet Werner, in den Zwischenspielen einen ganz tiefen Ton zu streichen. So tief, dass die C-Saite schnell noch mal auf G runtergeschraubt wird - jaaa, Gruselfaktor zehn, der noch durch eine mit einem selbstgebastelten Bogen gestrichene E-Gitarre angedickt wird. Was fast harmlos als Folksong über ein Liebespaar im langsamen Walzertakt beginnt, steigert sich in eine tieftraurige Tragödie, die den Zuhörer mit der Frage allein lässt: War der Tod Susannah McKees ein Unglück, Suizid oder gar Mord? Oh, Entschuldigung, da gehen die Pferde schon wieder mit mir durch!

Kanonendonner

Michal spielt auf der Akustikgitarre zwei bittersüße Spuren in der hohen Lage ein, die hinterher nach Mandoline klingen. Die sparsamen gesetzten Drums haben etwas von fernem Kanonendonner, das Bassregister des Klaviers dröhnt ebenso finster. Dazu kommt noch ein gefühlt 70 Jahre altes Scandalli-Akkordeon aus dem Fundus meiner Schwiegermutter zum Einsatz, und Michals Partnerin Franziska Knetsch toppt das Finale mit gespenstischem Soprangesang.

Habe ich‘s jetzt geschafft? Fast. Im nächsten Teil von „Mein eigener Song“ geht es um den Mix der Aufnahmen und das Video zu „Half Room“.

Der Songtext:

„Half Room“

Radiosender bieten ihren Hörern regelmäßig Übersetzungen von Songtexten an – das können wir auch. Hier die sinngemäße Übersetzung von „Half Room“:

Gehen mir zu viele Gedanken durch den Kopf, die gar nicht meine eigenen sind?

Ist meine „Weisheit“ immer nur das Ergebnis von zu viel Wein?

Habe ich zu viel Mist als Fakten verkauft, nur um zu zeigen, dass ich einer bin, der weiß, wie man sich als Intellektueller aufzuführen hat?

*

Habe ich regiert wie ein König der leeren Versprechungen? Bin ich ein Dieb, weil ich ­Dinge besitze?

Meine ganze, traurige Existenz braucht Hilfe und Unterstützung. Guck nicht so kritisch, ich bin am Ertrinken, bitte, hör mir mal zu:

*

Stell dir Yoko Onos „Half Room“ vor und dann schau mich kurz mal an.

Klar, du hast Recht, wenn du sagst: Hier ist mein Mann, ich sehe dich doch!

Doch mir geht es wie dem halben Stuhl, der in diesem Yoko-Kunstwerk an der Wand hängt oder dem halben ­Sideboard, das kurz vorm ­Zusammenkrachen ist.

Aber wenn du in der Nähe bist, wirkst du wie ein Spiegel, der all die fehlenden Stücke ergänzt. Und ich fühle mich vollkommen, wenn ich unseren Herzschlag höre.

*

Habe ich mich zu sehr mit der Frage beschäftigt, was richtig und was falsch ist?

Habe ich viel zu lange gewartet, bevor ich angefangen ­habe, Songs zu schreiben?

Habe ich mich zu viel um meine äußere Erscheinung gekümmert? Habe ich zu lange auf grünes Licht gewartet, ­anstatt einfach zu machen, was ich machen sollte?

*

Habe ich all die Zeichen nicht gesehen? War ich nicht überall dort, wo ich hätte sein sollen? Habe ich mich hinter meinem Zynismus versteckt, anstatt für andere da zu sein? Komm sag‘ mir, was du siehst, bin das wirklich ich?

von Carsten Beckmann

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