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Das Graswunder von Sinkershausen

Miscanthus-Anbau Das Graswunder von Sinkershausen

Es wächst und wächst und wächst. Elefantengras, auch Chinagras oder Miscanthus genannt, gedeiht nicht nur in Afrika und Asien, sondern auch im Hinterland. Dort ermöglicht es der Familie Burk, ihren Hof weiterzuführen.

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Christian Burk (21 Jahre) will den Hof der Familie eines Tages übernehmen. Beim Vertrieb der Miscanthus-Trockenmasse wirkt er schon heute mit. Hier sieht man die gehächselten Halme in große Säcke verpackt.

Quelle: Nadine Weigel

Sinkershausen. Ohne das Elefantengras stünde der Hof von Hans-Dieter Burk vermutlich längst vor dem Aus. Ein Opfer des Strukturwandels. Acker- und Grünland, seit 13 Generationen und mehreren Jahrhunderten im Familienbesitz, Ställe und Scheune, wären womöglich verpachtet oder vielleicht sogar verkauft. „Ich habe über vieles nachgedacht“, räumt der gelernte Landwirt und Heizungsbauer ein, der mit seinem Hof einfach kein Geld mehr verdiente. Fast 20 Jahre sind seither vergangen.

Anfang der 2000er-Jahre haben die Burks schon manche Entwicklung durchgemacht. Der Betrieb wechselte vom Haupt- in den Nebenerwerb und wirft schließlich doch nichts mehr ab. Nur Arbeit gibt es reichlich. Da beginnt Hans-Dieter Burk, sich über den Anbau von Energiepflanzen zu informieren. Der 51-Jährige stößt bei seinen Recherchen auf Miscanthus, ein wahres Wachstumswunder. Damals sollte er noch nicht ahnen, dass diese Pflanze schon wenige Jahre später den Fortbestand seines Hofs in Sinkershausen sicherstellen würde.

20 Tonnen Miscanthus ersetzen 10 000 Liter Heizöl

Das Wundergras wächst inzwischen auf 14 Hektar Ackerland, die zum Betrieb gehören. „Den Bestand haben wir über einige Jahre aufgebaut, wir haben mit einer kleinen Fläche begonnen.“ Der Miscanthus wirft jährlich steigende Erträge ab, erweist sich als so vielseitig, dass sich selbst für eine Ernte von inzwischen bis zu neun Tonnen pro Hektar genug Abnehmer finden, „und zwar ganz ohne Werbung“.

Doch was macht die Schilfpflanze eigentlich zu einem solchen Renner? Unter anderem eignet sich das Elefantengras hervorragend als Brennstoff. Burk verkauft es beispielsweise an ein mittelständisches Unternehmen im Westerwald zum Verfeuern. Mit 20 Tonnen Miscanthus kann man Berechnungen von Fachleuten zufolge bis zu 10 000 Liter Heizöl ersetzen.  

Außerdem, so hat sich herausgestellt, ist das Elefantengras eine kleine Einstreu-Revolu­tion ( Fotos: Nadine Weigel). Viele Pferdebesitzer haben das inzwischen mitbekommen. „Wir haben kleinere und größere Ställe als Abnehmer“, berichtet Burk. Aus Frankenberg, Hüttenberg, dem Wetterau­kreis und aus Gießen kommen die Kunden nach Sinkershausen. „Und auch der Reitverein Gladenbach hat seinen Stall auf Elefantengras umgestellt“, zählt der Landwirt auf.

Miscanthus  schlägt das gute alte Stroh unter anderem, weil es ergiebiger ist. Die Pferdeäpfel lassen sich leichter entfernen, beim Ausmisten geht somit weniger Einstreu verloren. „Außerdem ist es ideal für Pferde, die allergisch auf Stroh reagieren“, erklärt Burk. Das liegt daran, dass es im Miscanthus kaum Pilzbefall gibt, während das beim Stroh häufig vorkommt.

Die jüngste Ernte brachte 150 Tonnen Trockenmasse

Im Frühling dieses Jahres kamen die Burks auf eine Ernte von rund 150 Tonnen Miscanthus-Trockenmasse. „Eine solche Menge können wir hier im Hinterland mit unseren steinigen, lehmigen Böden beim Getreide gar nicht erzielen.“ So stünde einer­ Chinagras-Ernte von zuletzt 9 Tonnen pro Hektar eine Weizen-Ernte von maximal 6 Tonnen gegenüber, rechnet Burk vor. Er atmet auf: „So kann ich später meinem Sohn etwas hinterlassen, wo er dann vielleicht auch sagen kann: Das hat mein Vater gut gemacht.“

Rund um Sinkershausen fallen die Felder, die mit der meterhohen  Schilfpflanze bewachsen sind, ins Auge. „Einmal gepflanzt wächst es 20 bis 25 Jahre lang jedes Jahr wieder nach“, erklärt Burk. Das Elefantengras benötige dazu weder Düngung noch Spritzmittel. „Und wenn man die Pflanzen nicht erntet erneuern sie sich von selbst, ohne, dass man das Feld bearbeiten muss.“ Kein pflügen, kein säen, kein Pflanzenschutz: Im Vergleich zum Getreideanbau fallen beim Miscanthus viele der Tätigkeiten weg, die Hans-Dieter Burk sonst in der nebenberuflichen Arbeit stemmen müsste. Die staatliche Förderung fürs das Bewirtschaften der Felder bleibt indes die Gleiche.

Die Ernte übernimmt ein Lohnunternehmen, welches das Elefantengras mit dem Maishäcksler in kleine Stückchen zerkleinert. Die Masse lässt sich lose auf Lastwagen oder Anhänger verladen, sie kann auch in große Säcke abgefüllt werden – je nachdem, was der Kunde wünscht.

Der Miscanthus kam über Burks Kontakt zu einem Agrarwissenschaftler ins Hinterland. Professor Ralf Pude, der an der Universität Bonn über das Elefantengras und ­deren Verwendungsmöglichkeiten forscht, war in den Anfangsjahren ein wichtiger Berater für den Sinkerhäuser Landwirt.

Betriebskennzahlen
Miscanthus-Anbau: Die Ernte von 14 Hektar – zuletzt knapp 150 Tonnen Trockenmasse – vertreibt Familie Burk als Brennstoff und Einstreu für Pferdeboxen.
Grünland: Das Heu von 20 Hektar Land wird vornehmlich an Pferdehalter verkauft.
Forstwirtschaft: Zum Hof gehören 7 Hektar Wald.
Pferdehaltung: Familie Burk bietet aktuell zwei Pensionspferden Quartier. Insgesamt stehen sechs Mietboxen zur Verfügung.

Überlebensperspektive und Chance für die nächste Generation

Und dann ging es los mit dem Graswunder. „Wir haben eine Setzmaschine gekauft, mehr brauchten wir nicht“, sagt Burk und erklärt, dass Elefantengras als Wurzelstock in die Erde eingebracht wird, „ähnlich wie bei Kartoffeln“. In den Jahren bis 2006 entwickeln sich die ersten Bestände so gut, dass die Burks den Anbau auf ihre gesamten 14 Hektar Ackerland ausdehnen.

Inzwischen reicht der Ertrag längst aus, um Hof, Stall und Scheune weiter zu erhalten und somit einem der letzten Höfe in Sinkershausen eine Überlebensperspektive zu geben – und eine Chance für die nächste Generation. Christian Burk (21) will an der Familientradition festhalten. „Die Arbeit in der Landwirtschaft bin ich von Kindesbeinen an gewohnt, das passt zu mir“, sagt der 21-Jährige und ist davon überzeugt, dass sein Vater Hans-Dieter mit dem Miscanthus-Anbau einen Volltreffer gelandet hat. „Es ist etwas anderes als früher mit den Tieren, wo wir täglich an den Hof gebunden waren. Das Elefantengras lässt uns viele Freiheiten, wir können uns die Arbeit einteilen – und das ist etwas, dass ich neben meiner Arbeit als Heizungsbauer gut machen kann“, sagt der Auszubildende.

von Carina Becker-Werner

Miscanthus-Anbau
Im heimischen Landkreis ist es eine Seltenheit. Hans-Dieter Burk aus Sinkershausen war der erste, der vor knapp 20 Jahren damit begann. Inzwischen gibt es einen weiteren Landwirt, der in Dautphetal auf kleinerer Fläche das Elefantengras anbaut. In anderen Bundesländern sieht es mit der Verbreitung des Chinagrases ganz anders aus. In Bayern wird es teils für Hotels und ganze Neubaugebiete über Nahwärmenetze als Brennstoff genutzt. Auch in Frankreich und England gibt es weitläufige Anbau­flächen. Die Miscanthus-Pflanzen werden mehrere Meter hoch. Sie bleiben über den Winter auf dem Feld stehen und sterben durch den Frost ab. Die Stängel sehen aus wie dünner Bambus. Geerntet werden die Pflanzen mit dem Maishäcksler.
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