Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Viel Schwein haben reicht nicht

OP-Serie: Das Jahr auf dem Hof Viel Schwein haben reicht nicht

In seinem Stall in Leidenhofen hält Heinrich Fritz-Emmerich 580 Mastschweine. Mit einem Gewicht von 30 Kilo ziehen die Ferkel ein, mit einem Schlachtgewicht von 120 Kilo bringt er sie vier Monate später zum Metzger.

Voriger Artikel
"Ich wurde­ als Landwirt geboren"
Nächster Artikel
Ein Familienleben mit dem Federvieh

Im Schweinestall von Heinrich und Edith Fritz-Emmerich leben die Tiere in 44 Boxen. In der sogenannten Endmast hat jedes Schwein 1,4 Quadratmeter Platz. Pro Tag fressen die Tiere 1,2 Tonnen einer Futtermischung, die weitgehend automatisiert in die Tröge gelangt.

Quelle: Nadine Weigel

Leidenhofen. Kein Schwein zieht in diesen Stall ein oder wieder aus, ohne dabei sein exaktes Gewicht preiszugeben. „Rein und raus geht‘s immer über die Waage – ich will wissen, wie schwer meine Tiere sind und mit welchem Gewicht ich sie beim Metzger abliefere“, sagt Heinrich Fritz-Emmerich, der seine Schweine an vier Metzgereien in der Region verkauft.

Der 49-jährige Schweinemäster nimmt jährlich 1800 Ferkel­ auf, alle zwei Woche holt er neue Tiere in den Stall. „Ob das Massentierhaltung ist? Ich finde nicht“, sagt er. „Meinen Tieren geht‘s gut, sie haben genug Platz – und das muss auch so sein, sonst könnte ich keine gute Qualität abliefern.“ Seit zweieinhalb Jahren sei sein Bestand antibiotikafrei, führt er als Beleg an. „Die Ferkel bekommen einmal eine Wurmkur, das war‘s dann an Medikamenten.“

„Fritze“ lagerten den heutigen Schweinestall aus

Der Schweinestall des Familienbetriebs ist 60 Meter lang und 40 Meter breit. Er enthält 44 Boxen. So lange die Schweine noch klein sind, teilen sich 26 Tiere eine Box, später sind es 12 Tiere je Box. In der Endmast hat jedes Schwein 1,4 Quadratmeter Platz. Früher wurden die Schweine von „Fritze“, so heißt die Leidenhofer Familie mit Dorfnamen, daheim auf dem Hof gehalten. „Dass wir wachsen konnten, ist natürlich eine Folge des Strukturwandels – und das funktioniert auch nur, weil andere aufgegeben haben, in den meisten Dörfern hier gibt es nicht mehr viele Vollerwerbs-Landwirte“, erklärt der 49-Jährige.

Den heutigen Schweinestall, der rund 600 Meter von Leidenhofen entfernt in der Feldgemarkung steht, nahm die Familie vor 17 Jahren in Betrieb. „Es ist ein Kaltstall, gute Luft ist durch die Schlitze in den Seitenwänden und den offenen Giebel sichergestellt“, erklärt Heinrich Fritz-Emmerich. Die Kälte im Winter mache den Schweinen nichts aus, „sie haben ja ihr Wärmenest.“ Der Landwirt  führt den durch Gummimatten abgetrennten und überdachten­ Teil der Boxen vor. „Da kuscheln sich die Schweine rein und wärmen sich gegenseitig.“ Die Gummimatten dienen den neugierigen Tieren neben aufgehängten Ketten zugleich als Spielzeug.

Die Schweine stehen und liegen auf einem Holzboden mit Ritzen, das erleichtert die Reinigung des Stalls. Stroh gibt es nicht. Einmal am Tag rückt Landwirtin Edith Fritz-Emmerich (48) mit ­einem Schieber an und reinigt die Böden der 44 Boxen. Der Schweinekot wird vom Holz gekratzt, fällt durch die Ritzen. Zur Weiterverwertung kommt er in die Biogasanlage in Heskem.

Wenn die Ferkel nach Leidenhofen kommen, sind sie etwa sechs Wochen alt, wiegen 30 Kilo. Sie kommen stets aus dem gleichen Betrieb, von einem­ Züchter in Haina (Kloster). „Früher kamen alle unsere Ferkel aus Schröck – den Betrieb gibt‘s nicht mehr, ein weiteres Opfer des Strukturwandels“, bedauert Heinrich Fritz-Emmerich, der jetzt deutlich  weiter fahren muss, um Jungtiere zu kaufen. „Es muss immer der gleiche Betrieb sein, aus dem die Ferkel kommen – sonst ist die ­Gefahr zu groß, dass Krankheiten eingeschleppt werden.“ Nach vier Monaten bringen die Mastschweine 120 Kilo auf die Waage. Das Schlachtgewicht. Stetige Futterzufuhr ist sichergestellt. Durch ein Rohrsystem gelangt die Mischung in die Tröge, die mitten in den Boxen stehen. „Uns war es wichtig, die Versorgung der Schweine weitgehend zu automatisieren – so haben wir mehr Freiheiten“, erläutert Edith Fritz-Emmerich. „Wenn man Milchkühe hat, dann ist es etwas ganz anderes, man muss melken und ist ständig an den Hof gebunden.“ Ihre Schwiegermutter Irmgard Fritz-Emmerich (76 Jahre) erinnert sich noch gut an diese Zeiten: „33 Jahre lang habe ich die Kühe gemolken“, berichtet sie.

Heutzutage halten „Fritze“ nur noch Mutterkühe – 44 an der Zahl, dazu die Nachzucht mit 112 Tieren. Die Milch der Mutterkühe ist für die Kälber bestimmt, niemand muss melken. Zur Herde gehört Bulle „Pedro“, der aus einer Sterzhäuser Zucht kommt und vor einigen Jahren in der TV-Sendung „Bauer sucht Frau“ zu sehen war. „Die Angus-Rinder bringen große Vorteile: Sie kalben sehr selbstständig, man muss nicht dauernd helfen oder den Tierarzt bestellen. Und sie sind eine hornlose Rasse, was die Verletzungsgefahr minimiert“, erklärt Heinrich Fritz-Emmerich, der seine 156 Rinder auf einer Fläche von 40 Hektar hält. „Sie können aus dem Bach trinken – das ist gut so, denn so eine Herde braucht 1600 Liter Wasser am Tag.“

Biogas und Mutterkühe sichern Zukunft des Mastbetriebs

Die Herde täglich zu kontrollieren, zu schauen, welche Kuh gekalbt hat, das ist eine der Aufgaben von Heinrich Fritz-Emmerich senior, der die Weiden mit dem Motorroller abfährt. „Ich werde hier überall eingesetzt“, sagt der 79-Jährige und lacht. Wie die Schweine gehen auch Fritz-Emmerichs Kühe­ vorwiegend an Metzgereien in der Region, teils werden sie auch zur Zucht ins Ausland weiterverkauft. Anders als die Kühe, die nur für die Wintermonate von der Weide in den Stall umsiedeln, sind die Schweine immer drinnen. Sie fressen täglich 1,2 Tonnen einer Futtermischung, die der Familienbetrieb vorwiegend aus eigener Ernte zusammenstellt. Drei hohe Futtersilos mit jeweils 15 Tonnen der fertigen Mischung stehen als Vorrat in der Maschinenhalle neben dem Schweinestall bereit. Der Getreideteil besteht aus geschrotetem Weizen sowie Triticale – einer Kreuzung aus Weizen und Roggen. Mineralfutter und Soja werden zugemischt. „Soja muss sein, die Tiere brauchen das Eiweiß, sonst werden sie zu fett – und fettes Fleisch wollen die Verbraucher nicht“, erläutert Heinrich Fritz-Emmerich.

Da Soja überwiegend aus Südamerika importiert wird, ersetzt der 49-Jährige einen Teil davon durch selbst angebaute Feldbohnen. „Mehr als acht Prozent geht aber nicht, sonst wird das Futter zu bitter, die Schweine mögen das nicht.“
Viele Ferkelzuchtbetriebe und Schweinemäster haben in den zurückliegenden Jahren aufgegeben. Schwein haben lohne­ sich heutzutage nicht mehr, heißt es. „Die Schwankungen auf dem Markt sind tatsächlich enorm. Man braucht weitere Einnahmequellen, um den Betrieb zu stabilisieren“, erklärt Heinrich Fritz-Emmerich.­ Im vergangenen Jahr zahlte er 50 Euro pro Ferkel, gegenwärtig sind es 80 Euro pro Tier. Bei 1,24 Euro pro Kilo lag der Schlachtpreis fürs Schwein im vergangenen Jahr, aktuell sind es 1,70 Euro. „Jetzt passt es vom Preis her wieder, im vergangenen Jahr haben wir nichts verdient an den Schweinen.“ Nur durch die Einnahmen aus weiteren Betriebszweigen wie der Mutterkuhhaltung und der Biogas-­Anlage, die der Landwirt gemeinsam mit zwei Berufskollegen in Heskem betreibt, sei sein ­Betrieb überlebensfähig.

In den 1990er-Jahren wollte der Bauer aus Leidenhofen als Erster einer langen Folge von Fritz-Emmerichs nicht mehr voll auf die Landwirtschaft setzten. Der Betrieb lief daraufhin jahrelang im Nebenerwerb. „Ich und die Autobranche, das war so ein Ding“, erzählt der 49-Jährige und schmunzelt. Er ließ sich zum Kfz-Mechaniker ausbilden, legte sogar seinen Meister ab und hatte ein kurzes Gastspiel als Autoverkäufer. „Das war‘s dann, ich wollte doch lieber Landwirt sein.“
Heinrich Fritz-Emmerich senior kann‘s noch immer kaum glauben. „Stellen Sie sich das vor, mein Sohn, der wollte doch eigentlich was anderes machen – und dann kommt er heim und hat es sich anders überlegt“, erzählt der 79-Jährige und ist glücklich, dass sich nun auch einer seiner Enkel für die Landwirtschaft entschieden hat. „Das freut mich sehr, dass es weitergeht, dass unser Betrieb gesund geblieben ist.“

Auf drei Heinrichs folgt bei „Fritze“ nun Sohn Andreas (19 Jahre). „Das war mir schon zu Schulzeiten klar, dass ich den Hof einmal übernehmen werde. Anders als die anderen musste ich da gar nicht erst zur Berufsberatung“, erzählt der frisch ausgebildete Landwirt, der seine dreijährige Lehrzeit gerade abgeschlossen hat und voll in den Familienbetrieb Fritz-Emmerich eingestiegen ist. Seine Brüder kommen ihm nicht in die Quere. Der Älteste Sohn, der 22 Jahre alte Christian, ist Elektroniker geworden. Und der 15-jährige Markus geht noch zur Schule. Doch wenn auf dem Hof mit angepackt werden muss, sind auch sie zur Stelle.

Andreas Fritz-Emmerich hat Visionen für den Hof. „Auf Bio umstellen, das wäre etwas.“  Vieles müsste sich dann ändern, „wir bräuchten wohl auch wieder einen neuen Stall, müssten Auslaufflächen schaffen“, merkt sein Vater an, „mal schauen, ob ich dazu nochmal bereit bin.“

von Carina Becker-Werner

  • „Das Jahr auf dem Hof“ Teil 3 erscheint am Samstag, 26. August.­ Dann geht‘s um den ­Geflügelhof Engelbach in Wollmar und seine 27.000 Lege­hennen.
Die Kennzahlen
  • Mastschweine: 580
  • Mutterkühe: 44 (Nachzucht: 112 Tiere
  • Biogas: 500-KW-Anlage in Heskem, Gemeinschaftsanlage von Fritz-Emmerich (Leidenhofen), Thomas Hein (Mölln), Peter Arndt (Hof ­Capelle)
  • Ackerbau: 40 Hektar Grünland, 170 Hektar Ackerland (Anbau von Winterweizen, Mais, Gerste, Triticale, Raps, Bohnen, Wickroggen)
  • Photovoltaik: insgesamt 40 KW auf Ställen, Wohnhaus und Maschinenhalle
  • Weitere Tiere: Zum Hof gehören neben den Schweinen und Rindern zudem drei Pferde (zwei Haflinger und ein Pinto), 15 Hühner, 25 Gänse, 15 Puten und drei Hofhunde
  • Bauerngarten von Oma Irmgard: Stockbohnen, Kopfsalat, Feldsalat Kartoffeln und Erdbeeren
Kleines Schweinelexikon
  • Börge: kastriertes männliches Schwein
  • Binneneber: männliches Schwein, bei dem sich ein oder beide Hoden nicht im Hodensack befinden, sondern in der Bauchhöhle oder im Leistenspalt stecken geblieben sind
  • Butzche: Hessisch für Ferkel
  • Eber: männliches Schwein, über 18 Monate alt
  • Ferkel: Schweinenachwuchs mit einem Gewicht von bis zu 25 Kilogramm
  • Jungsau: weibliches Schwein von der Geschlechtsreife bis zum ersten Wurf
  • Jungeber: männliches Schwein von der Geschlechtsreife (sechs Monate) bis zum Alter von 18 Monaten
  • Läufer: Schwein zwischen 25 und 50 Kilo
  • Sau: weibliches Schwein, nach dem ersten Wurf
  • Schwein: Oberbegriff für alle männlichen und weiblichen Tiere
  • Wutz: ein in Süd- und Mittelwestdeutschland geläufiges Synonym für Schwein im Allgemeinen
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Das Jahr auf dem Hof
Drei Generationen von Damms sind um Charolais-Jungrind „Marie“ versammelt: (von links) Jana, Luisa, Mutter Sabrina, Oma Anitta, Opa Gerhard, Vater Stefan und Lena mit Katze Molly. Foto: Nadine Weigel

Nach einer Frankreichfahrt mit Rinderzüchtern war es um Stefan Damm geschehen. Seit sieben Jahren ist er vom Charolais-Fieber befallen – und hat seine ganze Familie damit angesteckt.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr