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"Ich wurde­ als Landwirt geboren"

OP-Serie: Das Jahr auf dem Hof "Ich wurde­ als Landwirt geboren"

Daheim wird jede einzelne Kartoffelpflanze gehegt und gepflegt. In der Süßwarenfabrik in Stadtallendorf mischt Herbert Staubitz tonnenweise Milchpulver und Zucker zusammen. Ein Berufsleben der Kontraste.

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Viel Schwein haben reicht nicht

Carmen Gaus-Staubitz erntet Zucchini auf den Feldern des Bio-Hofs.

Quelle: Nadine Weigel

Wittelsberg. Carmen Gaus-Staubitz hockt auf dem Traktoranhänger, wässert behutsam die eben angelieferten Setzlinge. Die jungen Pflänzchen kommen später auf den Gemüseacker. Die Arbeit dort ist für diesen Tag weitgehend erledigt. „Morgens, wenn es noch nicht so heiß ist, geht‘s aufs Feld“, sagt die 52-Jährige. Dienstags und freitags erntet sie für ihren Marktstand in der Frankfurter Straße in Marburg – acht verschiedene Sorten von roten und grünen Blattsalaten, Zucchini, Mangold und Spinat, rote und gelbe Beete, Lauch, Kohlrabi, roter und weißer Kohl ...

„Der Markt war schon immer mein Fluchtpunkt – es ist eine tolle Abwechslung, weil man mit so vielen Menschen in Kontakt, mit anderen Themen in Berührung kommt. Bei den Stammkunden kennt man die Einkaufsliste irgendwann auswendig“, sagt die Landwirtin und strahlt. Sie wuchs im Schwarzwald auf, kam nach der Schulzeit übers Studium nach Gießen und auf Umwegen zur Landwirtschaft. „Ich habe den schönsten Beruf der Welt“, findet die 52-Jährige. Ihre Eltern waren „alles andere als begeistert“. Die junge Carmen gibt als Einzige von vier Töchtern ihr Studium auf, beginnt eine Ausbildung zur Landwirtin. Sie lernt auf dem Versuchsgut der Uni Gießen in Rauischholzhausen. Dort begegnet sie ihrem heutigen Ehemann Herbert Staubitz. Die beiden übernehmen 1989 den Hof seiner Familie in Wittelsberg.

Kohl und Salat werden durch Netze geschützt

„Zu sehen, wie die Pflanzen wachsen, der direkte Verkauf der Produkte an Menschen, die sich über die gute Qualität freuen – das macht diesen Beruf für mich aus“, erklärt die zweifache Mutter, für die es ganz wesentlich ist, in Bio-Qualität anzubauen – auf überschaubarer Fläche, mit vergleichsweise wenig Maschinen-Einsatz und unmittelbarem Kontakt zur Erde. „Ich verbringe viel Zeit mit Hacken – das muss fast täglich sein, sonst nimmt das Unkraut überhand“, sagt sie und schaut aufs Feld. Ein halber Hektar voller Gemüse.

Bio-Landwirt Herbert Staubitz kontrolliert die Frucht auf dem Feld.  Foto: Nadine Weigel

Bio-Landwirt Herbert Staubitz kontrolliert die Frucht auf dem Feld.

Quelle: Nadine Weigel

Über Kohl und Salat hat die Landwirtin weiße Netze ausgebreitet. „Dieser Falter dort, das ist ein Kohlweißling, seine Raupen nagen an den Kohlköpfen, wenn wir sie nicht schützen.“ Auch der zarte Salat muss verteidigt werden. „Wenn die Rehe ja mal einen Kopf komplett abfressen würden ... Aber sie knabbern überall die Salatherzen heraus und lassen den Rest stehen.“

Die Gaus-Staubitzes bauen Kartoffeln und Gemüse unter dem Bioland-Siegel an, verzichten auf chemisch-synthetischen Dünger und Pestizide. Das erfordert viel Handarbeit. Dass Landwirte heutzutage „quasi gezwungen sind, in immer größerem Umfang zu wirtschaften, um über die Runden zu kommen, dass sie zunehmend auf Pestizide zurückgreifen“, findet die 52-Jährige „extrem schade“.

Doch vom Strukturwandel ist auch der Wittelsberger Bioland-Hof nicht verschont geblieben. Mit dem Einkommen aus dem Industrie-Job von Herbert Staubitz stellt der Familienbetrieb seinen Fortbestand sicher. „Einmal war es so weit, die Bank hat gesagt, jetzt muss ein zweites Einkommen her, das den Hof mitträgt“, erinnert sich Carmen Gaus-Staubitz. Das war im Jahr 2005.

Fabrikarbeit und Kartoffelacker

Es ist ein Einschnitt für die Wittelsberger Familie. Der Hof wird zum Nebenerwerbsbetrieb. Seither steht die 52-Jährige tagsüber oft allein auf dem Feld, wird unterstützt von Aushilfen. Herbert Staubitz leistet täglich acht Stunden Fabrikarbeit, geht danach auf den Kartoffelacker. „Es ist fordernd“, sagt der 62-Jährige, der so noch ein paar Jahre weitermachen muss, um im Rentenalter wieder mehr Zeit für die Landwirtschaft zu haben. Kein Vergleich zu früheren Zeiten auf dem Bauernhof. „Da waren alle mehr oder weniger Selbstversorger mit Zubrot – und wenn mal eine Investition nötig war, dann wurde ein Bulle verkauft“, erklärt Carmen Gaus-Staubitz. Ihr Mann kennt diese Zeiten noch. „Ich wurde­ als Landwirt geboren“, sagt der 62-Jährige. „Über andere Optionen wurde nie diskutiert, es war klar, dass ich den Hof übernehme.“

Herbert Staubitz kommt 1955 zur Welt. Seine Mutter Elisabeth ist damals fast 40 Jahre alt, sein Vater Heinrich jenseits der 60. Durch Krieg und Krankheit hatten beide Elternteile ihre früheren Verlobten verloren, sie lernen einander vergleichsweise spät kennen. In der Hoffolge­ bricht quasi eine ganze Generation weg. „Hier fehlte einfach die Kontinuität“, konstatiert Carmen Gaus-Staubitz.

Für das Ehepaar Carmen und Herbert war damals klar, dass sie den Hof gemeinsam als Bio-Landwirte betreiben würden. „Es ist besser so für Mensch und Umwelt“, ist die 52-Jährige überzeugt. Bei der Umstellung hilft der Hof Duske aus Rauischholzhausen, der für die Anfangszeit einen halben Hektar Land bereitstellt. „So konnten wir gleich in Bio-Qualität anbauen“, erklärt Carmen Gaus-Staubitz.

Bio-Landwirtin Carmen Gaus-Staubitz mit einer Steige junger Pflanzen. Foto: Nadine Weigel

Bio-Landwirtin Carmen Gaus-Staubitz mit einer Steige junger Pflanzen.

Quelle: Nadine Weigel

Mit der Entscheidung für biologische Landwirtschaft rückt das Ehepaar von der Schweinehaltung ab, die früher ein wichtiges Standbein des Hofs war. „Es hätte sich nicht gelohnt – und ich hätte so auch nicht arbeiten wollen“, sagt Herbert Staubitz und bezieht sich auf moderne Tierhaltung „im Großstall, meist ohne Auslauf – und das Futter wird vom Wagen vorgelegt“. Der 62-Jährige findet: „Ein Tier gehört raus, wenn es auch nicht ganzjährig geht. Aber bei den riesigen Beständen heute ist das ja gar nicht mehr vorgesehen, artgerechte Haltung wird inzwischen ganz anders verstanden.“

"Ich war bei den Nachbarn zu Hause"

Heinrich Staubitz stirbt 1982 im Alter von 89 Jahren. Seine Schwiegertochter und Enkelinnen lernt er nicht mehr kennen. Witwe Elisabeth braucht ab den späten 1990er-Jahren Pflege. 20 Jahre lang ist sie durch einen gelähmten linken Arm beeinträchtigt, bis sie 2009 im Alter von 93 Jahren stirbt. „Ohne die Nachbarn hätten wir es niemals geschafft“, sagt Carmen Gaus-Staubitz und berichtet,­ was zwei Familien aus dem Dorf geleistet haben. „Jeden Morgen haben sie meiner Schwiegermutter beim Flechten der Haare und Anlegen der Tracht geholfen, ihr das Frühstück gemacht.“ Auch um die beiden kleinen Mädchen kümmern sich die Nachbarn häufig. „Gerade wenn ich zum Markt musste war das eine große Hilfe“, sagt die Landwirtin. „Ich war bei den Nachbarn zu Hause, ich hatte sogar ein eigenes Zimmer dort“, berichtet die jüngste Tochter Marie-Kristin (20).

Die Gaus-Staubitzes wohnen zu dritt auf ihrem Hof im alten Ortskern von Wittelsberg. Tochter Lena Staubitz (26) hat ­Betriebswirtschaft studiert. Sie lebt und arbeitet inzwischen in Zürich. Die jüngere Schwester Marie-Kristin ist nach acht Monaten in Neuseeland und Kanada wieder nach Wittelsberg zurückgekehrt. „Das Geld für die Reise habe ich mir durch Arbeit an unserem Marktstand verdient. Seit ich 14 war, habe ich dort jeden Samstag mitgeholfen.“

Herbert Staubitz freut sich auf die Zeit mit mehr Zeit

Die 20-Jährige wird nicht mehr lange bei den Eltern auf dem Hof wohnen. „Dass wir den Betrieb nicht übernehmen werden, war für uns schon immer klar, wir wollten studieren und etwas anderes machen“, sagt Lena, die zu ihren Eltern aufschaut. „Ich habe großen Respekt vor dem, was die beiden hier leisten. Und es war auch schön, so aufzuwachsen.“ Demnächst beginnt sie ein Studium, lernt erst in Halle und später in Paris. Sie hat sich für Interkulturelle Europa- und Amerika­studien entschieden.

„Wir müssen schauen, wie es hier weitergeht“, sagt Carmen Gaus-Staubitz. „Ich kann mir vorstellen, dass wir jemanden finden, der den Bioland-Betrieb vielleicht irgendwann übernimmt.“ Doch bis dahin ist es noch ein Weilchen hin. Herbert Staubitz freut sich auf ruhigere Jahre. Seine Devise: „Durchhalten.“ Früher war er bei den Grünen politisch aktiv, wirkte er im Kirchenvorstand mit. Jetzt nimmt die Arbeit so viel Zeit in Anspruch, dass gesellschaftliches Engagement für ihn gar nicht möglich ist. Bis er 65 ist, will er mit dem Job in der Fabrik weitermachen. Danach hat Herbert Staubitz wieder mehr Zeit, um Landwirt mit Leib und Seele zu sein.

von Carina Becker-Werner

Teil 2 der Reihe „Das Jahr auf dem Hof“ erscheint am Samstag, 12. August. Heinrich Fritz-Emmerich aus Leidenhofen stellt seinen Hof vor. Der Familienbetrieb unterhält eine Schweinemast, baut Getreide an, versorgt eine Mutterkuhherde und stellt Biogas her.

Die Kennzahlen
  • Seit 1991 Bioland-Hof, Nebenerwerbsbetrieb seit 2005
  • Gemüseanbau auf 0,4 Hektar Fläche, Direktvermarktung
  • Kartoffelanbau auf 4 bis 5 Hektar Fläche, Sorten: Anuschka, Marabell, Laura, Lilli; Verkauf an die soziale Einrichtung Hephata, die für den Weiterverkauf im Einzelhandel abpackt und für Kantinen schält
  • Anbau und Verkauf von Weizen, Dinkel, Roggen
  • Kleesamenvermehrung für Firma Camena
  • 25 Schwarzkopf-Mutterschafe
  • 2 Zuchtstuten mit der Nachzucht
Der Kartoffelkäfer
Herbert Staubitz kontrolliert regelmäßig, wie stark die Pflanzen vom Kartoffelkäfer befallen sind. „Die Larven sind das Problem, die fressen die Pflanze ab.“ Im Bioland-Anbau wird ein Präparat des tropischen Neem-Baums als Insektizid eingesetzt. Einen geringen Befall gibt es trotzdem schon mal. „Aber in diesem Wachstumsstadium schadet das nicht mehr, das Kraut stirbt bald ab“, sagt der Landwirt. Der Krautfäule­ wird im Ökö-Landbau mit einem Kupferpräparat vorgebeugt. Es darf auf ein und demselben Acker nur alle vier Jahre genutzt werden, damit sich nicht zu viel Kupfer im Boden anreichert.
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