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"Bio ist nicht das einzig Gute"

Das Jahr auf dem Hof "Bio ist nicht das einzig Gute"

Bio-Höfe sind in Marburg-Biedenkopf auf dem Vormarsch. Seit 2003 ist die Zahl der Betriebe im ökologischen Landbau von 110 auf 168 gestiegen. Das berichtet der Fachbereich Ländlicher Raum. Zum Auftakt der Serie „Das Jahr auf dem Hof“ sprach die OP mit Kreisbauernverbands-Vorsitzender Karin Lölkes und Kreislandwirt Frank Staubitz über Perspektiven für Bio-Anbau und Tierwohl.

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Kreislandwirt Frank Staubitz (48) und Kreisbauernverbands-Vorsitzende Karin Lölkes (55) wünschen sich von den Verbrauchern mehr Wertschätzung für landwirtschaftliche Erzeugnisse.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. „Aktuell gestalten sich die Preise im Bio-Sektor für die Erzeuger etwas sinnvoller“,  sagte Kreislandwirt Frank Staubitz im OP-Interview. „Bio-Anbau bedeutet einen absoluten Mehraufwand –  es muss sicher sein, dass dies vom Verbraucher auch honoriert wird.“ 2016 kamen laut „Foodwatch“ 4,8 Prozent der in Deutschland verbrauchten Lebensmittel aus der Bio-Schiene. Die Landwirtschaft könne die Nachfrage nach Bio-Produkten problemlos befriedigen, sagte Staubitz.

OP: Welche Rolle spielen die Bio-Erzeuger im Kreis und wie stark kann ihre Zahl noch wachsen?
Frank Staubitz: Ich nehme gern das Beispiel von Joachim Gabriel, er unterhält in Stedebach den ältesten biologisch-dynamisch wirtschaftenden Hof im Landkreis. Als er vor mehr als 30 Jahren anfing, wurde er belächelt. Inzwischen hat er sich voll etabliert. Er wirtschaftet so, weil es seiner Überzeugung entspricht und weil er den Kundenstamm hat. Laut „Foodwatch“ kamen im vergangenen Jahr 4,8 Prozent der in Deutschland verbrauchten Lebensmittel aus der Bio-Schiene. Da ist es überhaupt kein Problem, dass wir Erzeuger diese Nachfrage befriedigen. Und wenn sie steigt, dann werden wir auch mehr in Bio-Qualität produzieren. Es muss nur sicher sein, dass der absolute Mehraufwand auch honoriert wird.

OP: In welchem Verhältnis ­stehen Sie als konventionelle ­Erzeuger zu Ihren Kollegen, die biologisch wirtschaften?
Staubitz: Viele wollen uns an diesem Punkt gern ausspielen, nach dem Motto: Das sind die Guten, das sind die Bösen. Keine Chance! Wir sind alle Landwirte, wir sitzen alle im gleichen Boot. Dass sich die Preise im Bio-Sektor im Moment etwas sinnvoller gestalten, das ist okay. Es gab auch schon Zeiten, da waren die Preise zwischen Konventionell und Bio gar nicht weit auseinander – und der Mehraufwand konnte auch nicht gedeckt werden.
Karin Lölkes: Ich bin auch der Ansicht, dass jeder so wirtschaften sollte, wie er es für sich vertreten kann. Seitens des Landes Hessen gibt es Bemühungen darum, dass mehr Landwirte biologisch wirtschaften,­ das Problem ist der Absatz. Und auch das Einkommen.
Meiner Meinung nach ist es für die Landwirte am interessantesten, die ihre Bio-Erzeugnisse direkt vermarkten können. Wenn sie auch noch an den Handel abgeben müssten, sprich: an die großen Märkte und Discounter, das könnten die kleinen Familienbetriebe im Landkreis auf keinen Fall leisten. In die Märkte kommen vor allem Produkte aus dem Ausland oder aus Mecklenburg-Vorpommern, wo es riesige Betriebe­ ­gibt. Dort kommen nämlich die meisten Bio-Lebensmittel her und nicht vom kleinen Erzeuger aus der Region. Die Familienbetriebe sind darauf angewiesen, dass sie ihre Produkte gut und persönlich absetzen, direkt an den Verbraucher oder über eine Einkaufsgemeinschaft, sonst klappt es einfach nicht mit den schwarzen Zahlen.
Staubitz: Der Verbraucher sollte bloß nicht glauben, Bio sei das einzig Gute. Auch im Bio-Bereich kommen Belastungen vor, beispielsweise bei pilzbelasteten Partien, weil der Pflanzenschutz nicht angewandt werden darf. Bio ist eine Möglichkeit. Es ist aber auch gar kein
Fehler, wenn ein Land sich in Zeiten weltweiter Unruhen selbst ernähren kann.

OP: Wie meinen Sie das?
Staubitz: Nehmen wir den Weizen als wichtigste­ Getreideart: Wir haben in Deutschland eine Selbstversorgung von 102 bis 104 Prozent. 50 Prozent dieses ­Ertrags hätten wir nachweislich nicht ohne Pflanzenschutz und Düngung – die Restmenge­ müsste dann von irgendwo
herkommen, produziert unter Bedingungen, über die wir nichts Genaues wissen. Wir wären abhängig von Lieferungen aus anderen Ländern.

OP: Wie geht‘s weiter in der Diskussion rund ums Tierwohl? Verbraucherverbände fordern bessere Haltungsbedingungen. Wie viel darf das kosten und wer soll es bezahlen?
Staubitz: Ich würde aus Praktikersicht sagen, den Tieren­ geht es ja gar nicht schlecht. Klar, weitere Verbesserungen sind möglich, aber da wird ja auch dran gearbeitet. Wir hatten zwei Schulklassen von der Geschwister-Scholl-Schule an zwei Tagen hier zu Gast. Wir sind nach Sterzhausen zu einem neugebauten Boxen-Laufstall mit 250 Kühen gefahren, um zu zeigen, wie Tierhaltung heute aussieht. 250 Kühe – da fragt man sich, ist das jetzt Massentierhaltung. Aber als wir von der Besichtigung zurückfuhren, waren die beiden Lehrerinnen sich einig, dass es einer Kuh kaum besser gehen kann als in einem solchen Stall. Einige Kühe waren am Fressen, als wir dort waren. Andere ließen sich vom Melkroboter melken oder lagen in der Liegebox. Wieder andere standen unter der Massagebürste und ließen sich das Fell
massieren. Es war hell, ein laues Lüftchen wehte an diesem Tag durch den Stall. Da habe ich mir gedacht: Dieser Vormittag war aber wirklich goldrichtig investiert.
Lölkes: Die neuesten Ställe bieten das, aber je älter ein Stall ist, desto mehr Dinge sind vielleicht noch aufzuarbeiten. ­Bezahlen muss es letztendlich der Verbraucher. Der Handel wird ­dafür nicht aufkommen.
Staubitz : Müssen denn zehn Grillwürstchen tatsächlich für zwei Euro erhältlich sein? Und die werden dann auf einem 1 000 Euro teuren Luxus-Grill gebrutzelt …
Lölkes: Wir wünschen uns natürlich, dass die Menschen den Wert der Lebensmittel kennen und nicht nur ihren Preis. Wir wünschen uns Wertschätzung den Tieren und auch der Arbeit des Landwirts gegenüber.

OP: Womöglich fehlt da der ­direkte Kontakt zwischen Verbrauchern und Landwirten …
Staubitz: Und es soll kein Verbraucher die Scheu haben, wenn er mehr erfahren will, sich an den Bauernverband zu wenden. Dann kriegt er Betriebe genannt, in denen er sich ­informieren kann. Es gibt zwar auch schwarze Schafe, Betriebe, wo einiges im Argen liegt, über die man dann in der Zeitung liest. Wer seine Tiere nicht vernünftig versorgt, dem muss das Handwerk gelegt werden, weil dieses eine Prozent zieht die 99 anderen Prozent, die das gut machen, mit in Verruf.

von Carina Becker-Werner

  • Teil 1 des Interviews verpasst? Sie finden es hier.
  • Am kommenden Samstag geht‘s weiter mit der Serie „Das Jahr auf dem Hof“, dann mit einem Porträt des Bioland-Betriebs Gaus-Staubitz in Wittelsberg, der Gemüse sowie Kartoffeln anbaut und auf dem Markt in Marburg verkauft.
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