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Fast täglich Nachwuchs im Kuhstall

Das Jahr auf dem Hof Fast täglich Nachwuchs im Kuhstall

Familie Hewecker betreibt ihren Hof in siebter Generation. 260 Milchkühe gehören zum Betrieb. Die Hofarbeit ist ein Kreislauf aus Rinderzucht, Erzeugung und Vermarktung von fast 13 000 Litern Milch pro Kuh und Jahr.

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Ein Familienleben mit dem Federvieh

Sie alle kümmern sich, dass der Familienbetrieb läuft: Familie ­Hewecker mit ihren Angestellten.

Quelle: Privatfoto

Wolferode. Muhen klingt aus dem langen, rechteckigen Gebäude. Zu beiden Seiten der geteilten Stallanlage stecken braun-weiß gefleckte Kühe die Köpfe durch die Gitter, fressen aus großen Haufen die Grassilage.
Eine stete Brise weht durch den Laufstall mit Liegeboxen, den die Familie 2004 außerhalb von Wolferode hat bauen lassen.  Mehrere große Deckenventilatoren bewegen permanent die Luft. Es riecht kaum nach Kuhstall.

„Wir haben Licht und viel Luft – das macht die Arbeit für Mensch und Tier einfacher. Was so eine Kuh leistet, ist schließlich wie ein Marathon“, erklärt Julia Hewecker. Die 33-Jährige läuft durch den langen Mittelgang. Sie stammt ursprünglich nicht aus einer Bauernfamilie, hat Nutztierwissenschaften studiert und sich gemeinsam mit ihrem Mann Tobias Hewecker für das Hofleben entschieden. Das schweiße eng zusammen, das genieße die ganze Familie, erzählt die zweifache Mutter.

Die ganze Familie und fünf Mitarbeiter

Ihre vierjährige Tochter Milena und Sohn Jan, mit eineinhalb Jahren der jüngste Spross, wachsen auf dem Familienhof auf. Gerade der Filius ist immer mit von der Partie. „Die Kleinen müssen viel nebenher mitlaufen, aber das geht gut. Und bei welchem Beruf kann man seine Kinder schon mit zur Arbeit nehmen?“, fragt die Mutter fröhlich. „Und man hat seine Enkel immer um sich herum“, ergänzt Dieter Hewecker. Der 61-Jährige ist ihr Schwiegervater, leitet die GbR gemeinsam mit Sohn Tobias. Dessen Bruder Stefan verstärkt das Team. Der gelernte Landwirtschaftsmechaniker ist „der Techniker der Familie“, während die Schwester eine Laufbahn als ­Erzieherin eingeschlagen hat.

Fünf Mitarbeiter arbeiten weitestgehend selbständig mit im Betrieb.  „Das ist der sogenannte­ moderne erweiterte Familienbetrieb“, sagt Tobias Hewecker und grinst. Unterstützung können sich die Heweckers mittlerweile leisten. Die Angestellten füttern die Kühe, misten die Ställe und helfen auf dem Feld. Einen Teil des Futters für die Kühe – Grassilage, Gerste, Silo­mais und Körnermais – baut der Agrar-Betriebswirt selber auf rund 250 Hektar Acker- und Grünlandflächen an.

Die Stallarbeit beginnt um fünf Uhr morgens mit der ersten Melkrunde. Jeweils 20 Kühe­ auf einmal werden ihre Milch im Melkstand los. Die Tiere kennen den Prozess. In Reih und Glied warten sie geduldig unter der Maschine darauf, dass die Mitarbeiter ihnen die Melkbecher an die Euter setzen. Das geschieht auf dem Hof manuell, auf automatisierte Melkroboter verzichtet die Familie, „bei der Menge an ­Kühen bräuchten wir davon mehrere, dafür ist kein Platz“, erklärt Julia Hewecker.

Jeder Melkdurchlauf dauert mehrere Stunden und wiederholt sich am Mittag und Abend. „Wir sind einer der wenigen Betriebe, in dem dreimal am Tag gemolken wird – das ist besser für die Euter und bringt etwas mehr Milch“, erklärt Tobias Hewecker, dessen Betrieb an die Marburger Traditionsmolkerei liefert. Buchführung, Bestandskontrolle und Dokumentation der Hof- und Feldarbeit teilt sich die Familie untereinander auf. Moderne Technik hat längst Einzug gehalten im Stall. Jede Milchkuh trägt ein elektronisches Halsband. Mit einem Klick kann der Landwirt per Computerprogramm die Daten auslesen.

Jede Kuh ist im Handy

„Landwirtschaft – das heißt heute auch Statistiken und Grafiken am Computer anschauen“, erklärt ­Tobias Hewecker. Das geht mittlerweile auch per App, „jede Kuh ist in meinem Handy drin“, sagt der 36-Jährige.
Die Technik zeichnet das ­Bewegungsmuster jeder Kuh auf. Das sei wichtig für die Besamung und die Nachwuchsplanung. Das ist Aufgabe des Seniorchefs. Jeden Morgen überprüft Dieter Hewecker, ob eine Kuh brünstig ist. „Dafür muss man ein Auge haben und gucken wie sie aussieht. Wenn sich eine Kuh mehr als sonst bewegt, ist sie wahrscheinlich bullig.“

Fast täglich kommt Nachwuchs. „Wir haben etwa 250 Kälber im Jahr, jeden Monat gibt es so 20 Stück“, sagt der Senior. Das Jungvieh lebt im Kälberstall, „in unserer Krabbelstube“, erzählt Julia Hewecker. Wie in der konventionellen Haltung üblich, werden die Kälber direkt nach der Geburt von den Müttern getrennt und verbringen die ersten Monate in mit Stroh ausgelegten Boxen mit kleinem Auslauf. Die Bullenkälber werden verkauft. Die weiblichen Jungtiere ziehen mit etwa einem halben Jahr um und wachsen auf einem gepachteten Betrieb in Florshain auf. „Dorthin wird alles im Vorschulalter ausgelagert – vor dem ersten Kalben mit etwa zwei Jahren kommen alle zurück“, erklärt Dieter ­Hewecker. Dann werden die jungen Kühe zum ersten Mal besamt, geben ihre erste Milch und der Kreislauf im Betrieb beginnt von vorn.

Den Grundstein für den heutigen Betrieb legten im Jahr 1840 Tobias und Katharina Naumann, „meine Ur-Ur-Ur-Großeltern“, erinnert der Seniorchef. Sie erbauten das heutige Wohnhaus mit Stall mitten in Wolferode. Früher gab es dort noch eine kleine Schweinehaltung und eine Gastwirtschaft mit Tanzsaal, der ab 1912 als Schulraum genutzt wurde. Auf dem alten Hofkomplex lebt Dieter Hewecker noch heute mit Ehefrau Karin und Sohn Stefan.

Der andere ­Familienzweig lebt in einem neuen Haus neben der Stallanlage. „Jeder hat seinen eigenen Bereich. Das ist auch gut so, junge Leute müssen extra sein“, findet Karin Hewecker, die am Mittag vorbeischaut und ihren Mann sowie die Mitarbeiter zum Essen ruft. Sie hat das noch anders erlebt, mit vier Generationen am selben Esstisch. Da gab es auch mal Gezanke, „so herum läuft es viel harmonischer“.

Der Milchpreis erhole sich wieder

Die Zeiten haben sich geändert auf dem Hof Hewecker, auch für die Kühe. Noch vor knapp 30 Jahren lebten rund 40 von ihnen im Stall, heute hat sich die Zahl mehr als versechsfacht. Im Schnitt leben die Tiere fünf bis sieben Jahre auf dem Hof. Lässt ihre Leistung zu stark nach, kommen sie zum Schlachter. Rund 25 Prozent des Bestandes wird pro Jahr vom Viehhändler abgeholt, „da muss man ­eine wirtschaftliche Entscheidung treffen“, erklärt Tobias Hewecker.

Foto: Nadine Weigel

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Wirtschaftlichkeit – das bedeute auch Wachstum. „Man muss sehr genau planen – heute hören viele kleine Betriebe auf, dadurch wachsen die anderen. Es ist eine Spirale“, sagt er schulterzuckend. Das zurückliegende Jahr sei besonders hart gewesen für die Milchviehbetriebe. Der Milchpreis fiel auf 22 Cent, „damit kann ein Betrieb keine zwei Jahre überleben. Daran hängt die ganze Familie“, sagt Dieter Hewecker. Inzwischen erhole sich der Preis wieder.

Der Betrieb hat sich für die Krisenzeiten ein zweites Standbein geschaffen. Was die Kühe nicht fressen oder in den Verkauf geht, wird zu „Futter“ für die 500-kW-Biogasanlage in Erksdorf, die an das dortige Nahwärmenetz angeschlossen ist. Die Familie betreibt die Anlage in Kooperation mit einer weiteren Bauernfamilie. „Der Milchpreis schießt hoch und runter, da muss man genau planen, sonst ist man ratzfatz zahlungsunfähig. Das Biogas gleicht das wieder aus“, sagt Tobias Hewecker.

Eine zweite, kleinere Anlage­ mit 75 kW liegt direkt neben dem Stall in Wolferode. Heweckers haben sie erst dieses Jahr in Betrieb genommen, speisen sie ausschließlich durch die Gülle aus der Jauchegrube unter dem Stall.  „Bisher klappt das gut und es macht total Sinn“, sagt Dieter Hewecker. „Das ist der beste Dünger für unsere Felder. Die Abwärme aus den Anlagen wird zur Getreidetrocknung und zur Heizung des Wohnhauses genutzt. Wie bei der Milchkuhhaltung gilt – „alles ist ein Kreislauf“.

Gegen halb sechs macht die Familie Feierabend. Was noch zu erledigen ist, übernehmen die Mitarbeiter. „Die entlasten uns sehr, man kann so auch mal einen Tag frei machen“, sagt der Hofchef. „Aber ein letzter Blick in den Stall um zehn – das muss noch sein“.

von Ina Tannert

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