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Verliebt in die französische Kuh

Rinderzucht Verliebt in die französische Kuh

Nach einer Frankreichfahrt mit Rinderzüchtern war es um Stefan Damm geschehen. Seit sieben Jahren ist er vom Charolais-Fieber befallen – und hat seine ganze Familie damit angesteckt.

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Drei Generationen von Damms sind um Charolais-Jungrind „Marie“ versammelt: (von links) Jana, Luisa, Mutter Sabrina, Oma Anitta, Opa Gerhard, Vater Stefan und Lena mit Katze Molly.

Quelle: Nadine Weigel

Buchenau. „Marie“ ist sein „Mäuschen“. „Sunshine“, „Simone“ und „Yolo“ sind es aber auch. Man kann sich vielleicht nicht ohne weiteres vorstellen, wie dieser Kosename zu einem gut eine Tonne schweren Fleischrind passt. Doch wenn man Stefan Damm im Umgang mit seinen Charolais erlebt, dann schon.

Die gewaltigen Tiere mit meist cremeweißem Fell sind gutmütig, geduldig, handzahm. Sie versprühen mit ihrem wuscheligen hellen Fell einen fast teddybärigen Charme. „Die Kühe geben zurück, was man ihnen gibt“, sagt Stefan Damm. Der 41-jährige Nebenerwerbs-Landwirt leert einen kleinen Sack Schrot auf der Weide aus. Die Rinder stürzen in mächtigen Sprüngen herbei. Binnen Sekunden ist Stefan Damm von seinen Tieren umringt. Und er steht ganz entspannt mitten in der Herde.

„So war das schon immer mit dem Stefan“, berichtet Vater Gerhard Damm. „Schon als Kind und Jugendlicher hatte er einen Draht zu den Tieren, er sieht etwas in ihnen, das vielen anderen Menschen verborgen bleibt.“ Und deshalb wundert sich der 64-Jährige auch nicht weiter darüber, dass sein Sohn neben der Arbeit als Laborwerker in einem Marburger Pharmakonzern eine Herde von 24 Rindern als Hobby hält. „Es ist viel Arbeit – und es kostet viel Geld, aber der Stefan, der braucht das.“

Nach einer Frankreichfahrt mit Rinderzüchtern war es um Stefan Damm geschehen. Seit sieben Jahren ist er vom Charolais-Fieber befallen – und hat seine ganze Familie damit angesteckt.

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Ein Leben mit den Tieren, mit der landwirtschaftlichen Arbeit: auch für Damms Ehefrau Sabrina ein Muss. „Das gehört dazu, das ist mir wichtig“, sagt die 33-Jährige, die aus einer landwirtschaftlich geprägten Familie kommt und für ihren Mann vor einigen Jahren von Feudingen im Wittgensteiner Land nach Buchenau-Carlshütte gezogen ist. Ihr Shetland-Pony hat sie mitgebracht.

Auch für die Kinder sei es toll, mit den Tieren aufzuwachsen, findet die Industriekauffrau und hebt ihre Tochter Luisa ins Hühnergehege. Die Dreijährige verteilt begeistert Körner an Hühner und Hahn. Die zehnjährige Lena hält indes die Katze Molly auf dem Arm. Und die 13 Jahre alte Jana hilft ihrem Vater, den Triebwagen an den Traktor zu hängen. Die beiden älteren Mädchen stammen aus Stefan Damms erster Ehe, sind auf dem Hof aber genauso daheim wie ihre Halbschwester Luisa.  

Samstag (7. Oktober) geht es auf die Bundes-Jungviehschau

Die Damms wollen die beiden frisch gewaschenen und gestriegelten Kälber „Marie“ und „Sunlight“ zurück auf die Weide bringen – deshalb hängt der Triebwagen jetzt am Traktor, die beiden Jungrinder warten geduldig auf die Abfahrt. Nur durch die Bundesstraße 62 ist Damms Hof an der Carlshütte von der Rinderweide getrennt. Die Kühe verbringen die meiste Zeit des Jahres draußen, fressen sich am Grün der Lahnaue satt. „Nur im Winter holen wir sie rein in unseren Offenstall“, erklärt der Landwirt, der diese Haltungsform für „die beste und die gesündeste“ hält.

Familie Damm steckt seit einigen Wochen in den Vorbereitungen für die Bundes-Jungviehschau der Charolais-Züchter, die am Samstag (7. Oktober) in Alsfeld stattfindet. Im Vorfeld der Schau muss der junge Rüde „Sam“, der jüngste Neuzugang auf dem Hof der Damms, an der Leine bleiben. „Nicht, dass er an den Kälbern hochspringt und sie noch ganz verrückt macht“, sagt Sabrina Damm.

Die Rinder werden hübsch gemacht für die Schau. Und die Damms ziehen ihre speziellen T-Shirts und Westen an. Mit leuchtend weißem Faden sind auf der Brust ein Charolais-Rind und der Rasse-Schriftzug aufgestickt. Die Buchenauer stellen in Alsfeld zwei ihrer Jungrinder vor, „Marie“ und „Maja“. Sie hoffen auf eine Auszeichnung. Schon mit ihrem ersten eigenen Charolais, der Kuh „Delice“, holten sie vor einigen Jahren den Titel „Siegerkuh“.   

"Die Rinder gehören zu unserer Familie"

Bei der Pflege der Rinder packen alle mit an, „sonst ginge es auch nicht mit zwei Industrie-Jobs, den Kindern und der Arbeit auf dem Hof“, sagt Stefan Damm. Er arbeitet in Vollzeit, seine Frau Sabrina in Teilzeit. Schon sein Vater Gerhard unterhielt die Landwirtschaft im Nebenerwerb. „Von der Milcherzeugung allein leben, das fand ich unattraktiv“, erklärt der 64-Jährige, der in seinem Hauptjob im Formenbau tätig war. Für die Milch bekam er damals 86 Pfennig pro Liter – deutlich mehr als die heutigen Erzeuger mitunter erhalten. Seine 80 Kühe gab Damm Senior trotzdem 1991 auf. „Bis dahin hab‘ ich jeden Morgen um halb fünf draußen auf der Weide gemolken – und um halb sieben war ich an meinem anderen Arbeitsplatz“, erzählt er lächelnd. Eine Strapaze? „Nein, das hab ich gern gemacht.“

Nach dem Ausstieg aus der Milchproduktion vor 26 Jahren hielten die Damms an der Rinderhaltung fest. Aus der eigenen schwarz-bunten Herde entstand durch Kreuzungen eine Mutterkuhhaltung von Fleischrindern. 2010 geht Stefan Damm mit einem Freund auf eine Züchterfahrt nach Frankreich, lernt die Rasse Charolais kennen. Er stellt seine Zucht auf die massigen weißen Rinder um, führt seither ein sogenanntes Herdbuch. „Dabei geht es uns nicht um die Fleischproduktion, sondern um das Züchten selbst“, erklärt der 41-Jährige, der alljährlich einige wenige Tiere an andere Züchter oder Mastbetriebe verkauft.

Pro Jahr lässt die Familie auch ein Tier für den eigenen Bedarf schlachten. „Von der ersten bis zur letzten Minute begleite ich meine Rinder dabei“, sagt Damm. „Dass sie keinem Stress ausgesetzt werden, merkt man später auch an der guten Qualität des Fleisches.“ Mit den Tieren leben, sie dann zu verkaufen oder zum Schlachter zu bringen, „das ist schon schwierig“, sagt Sabrina Damm, „die Rinder gehören ja zu unserer Familie“. Es habe ihm „das Herz gebrochen“, als seine erste Charolais-Kuh, die preisgekrönte „Delice“, vor einiger Zeit den Hof verließ, sagt Stefan Damm. „Sie wurde nicht mehr tragend, deshalb haben wir sie schlachten lassen.“ Der 41-Jährige schaut unglücklich drein. Dann strafft er die Schultern, „es sind Tiere, das gehört nunmal dazu“.

An der Spitze des Bundes-Zuchtverbands

Stefan Damms Leidenschaft für die Charolais wurde in der Züchter-Szene schnell erkannt. Der Nebenerwerbs-Landwirt wird 2012 in den Vorstand des Verbands der Deutschen Charolais-Züchter gewählt. Seit drei Jahren ist er Bundesvorsitzender des Vereins mit seinen 194 Mitgliedern. „Die Rasse ist in Hessen inzwischen weit verbreitet“, berichtet er. Von der Domäne Mechtildshausen bei Wiesbaden mit 350 Charolais bis hin zu Züchtern mit 10 bis 30 Tieren begeistern sich große und kleine Betriebe fürs französische Rind. „Kein Wunder, es sind einfach tolle Tiere“, sagt Stefan Damm und fährt „Marie“ mit den Fingern durch die Stirnlocken.

von Carina Becker-Werner

Mit und ohne Horn

Die Charolais-Rasse war von jeher eine Mastrasse. Die Milch ist dem Kalb vorbehalten. Als charakteristisch für die Reinrassigkeit gilt die Farbe: Die Rinder sind  einfarbig weiß, vereinzelt auch beigefarbig, wie man an den beiden jüngsten Kälbern aus der Herde der Familie Damm sehen kann (Foto: Nadine Weigel).

Charolais gibt es mit Hörnern und als hornlose Züchtung. Sie bringen ausgewachsen ein Gewicht von bis zu einer Tonne auf die Waage. Durch die Schlachtung können mitunter 500 Kilo Fleisch erzielt werden. Das Charolais-Rind und seine Kreuzungen seien in der Mastleistung unerreicht, hält der Deutsche Zuchtverband fest. Das Fleisch gilt als mager und fein marmoriert, soll aufgrund der Weidehaltung einen besonders aromatischen Geschmack haben. Die Rasse entwickelte sich aus einem Zweig der großen Jura-Rinderrassen. Sie setzte sich vorwiegend in Mittelfrankreich durch, wurde dort zur  Fleischerzeugung und als Arbeitstier genutzt.

1959 kamen die ersten Charolais-Zuchttiere nach Deutschland. Charolais-Rinder gibt es inzwischen in allen Bundesländern. Nach Verbandsangaben sind fast 10 000 Elterntiere ins deutsche Zuchtbuch eingetragen.

Infos über Bezugsquellen von Charolais-Fleisch gibt es online.

Kennzahlen Hof Damm in Buchenau-Carlshütte

Grünland: 19,3 Hektar
Tiere: Charolais-Herde mit 24 Tieren, darunter die französichen Zuchtbullen „Milord“ und „Lebaron“ sowie 10 Mutterkühe mit Nachzucht. 40 Hühner, 15 Tauben, 3 Katzen, ein Hund.

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Milchviehhaltung
Sie alle kümmern sich, dass der Familienbetrieb läuft: Familie ­Hewecker mit ihren Angestellten.

Familie Hewecker betreibt ihren Hof in siebter Generation. 260 Milchkühe gehören zum Betrieb. Die Hofarbeit ist ein Kreislauf aus Rinderzucht, Erzeugung und Vermarktung von fast 13 000 Litern Milch pro Kuh und Jahr.

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