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Ein Familienleben mit dem Federvieh

Das Jahr auf dem Hof Ein Familienleben mit dem Federvieh

Auf dem Geflügelhof Engelbach in Wollmar leben 27 000 Legehennen in Bodenhaltung. Seit mehr als 50 Jahren ist die Familie im Eiergeschäft, mittlerweile in dritter Generation, und vermarktet täglich rund 22 000 Eier.

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Auf dem Hof der Familie Engelbach in Wollmar läuft alles Hand in Hand: Vater Manfred Engelbach steht in einem der Hühnerställe. Mutter Martina kontrolliert weiße Eier. Sohn Thomas sortiert braune Eier in die Kartons.

Quelle: Nadine Weigel

Wollmar. Verteilt auf drei Ställe leben fünf Hühnergruppen verschiedenen Alters auf dem Hof. Mit 18 Wochen ziehen die Junghennen ein. Ihre volle Legeleistung erreichen die Tiere nach rund drei Monaten. Spätestens mit zwei Jahren werden sie geschlachtet.

Bis dahin legt jedes Huhn mehrere Hundert Eier, die von der Bauernfamilie vermarktet werden. Die Familie – das ist das Ehepaar Martina und Manfred Engelbach mit den beiden Söhnen Florian und Thomas. Sie führen gemeinsam mit vier Mitarbeitern den Familienbetrieb.

Gegen acht Uhr am Morgen beginnt die Arbeit mit der Kontrolle der Ställe. Gefüttert wird über den Tag verteilt fünf Mal. „Die Arbeit mit Hühnern ist flexibel, wir müssen ja keine Melkzeiten einhalten, aber jeder muss sein Pensum schaffen“, erklärt Thomas Engelbach, mit 26 Jahren der Jüngste im Familienquartett. Er führt durch einen der beiden großen Ställe, die 2009 und 2013 neben der Hofanlage in Fußnähe errichtet wurden. In einem Stall leben 10 000, im anderen 13 000 Hennen. Ein weiterer Stall mit 4 000 Hennen steht neben dem Wohnhaus der Familie. Vieles läuft automatisiert ab – wie das Auffüllen der Futterbänder. Darunter liegen Gitterböden, durch die die Fäkalien der Tiere fallen und auf Kotbändern abtransportiert werden.

"Die Hühner leben gesünder, wenn sie im Stall bleiben“

Lautes Gegacker schallt aus dem Stall. Braune und weiße Hennen flüchten in alle Richtungen, als vier Leute auf einmal durch die Schleuse treten. „Fremde in ihrem Stall sind die Hühner nicht gewohnt“, sagt Thomas Engelbach. Viele Tiere hocken auf mehreren Ebenen auf Volieren oder versammeln sich um einige Plastikschüsseln auf dem mit Sägespänen bedeckten Boden. Die „Picksteine“ dienen der Beschäftigung und versorgen die Hühner gleichzeitig mit Mineralien.
Ihre Hennen kaufen die Bauern von einem Zuchtbetrieb in Niedersachsen. Zwei bis dreimal im Jahr wird eine Gruppe komplett ausgetauscht und neue Hühner ziehen ein, bis zu 6 500 auf einmal. „Nach zwei Wochen fangen sie dann langsam an zu legen und bleiben etwa 20 Monate bei uns“, erklärt Florian Engelbach.

Manfred Engelbach fuhr mit seinem Vater Heinrich 1964 auf einer Kutsche bei einem festlichen Umzug.

Im Neubau leben derzeit Hennen im Alter von 21 Monaten. Bis kurz vor Weihnachten sollen sie noch bleiben. Mit eineinhalb bis zwei Jahren, je nach Legeleistung, werden sie „ausgestallt“, die jeweilige Gruppe wird in Norddeutschland geschlachtet.

Bis vor rund zehn Jahren hielten die Landwirte die Tiere in Käfighaltung. Nach dem EU-weiten Verbot dieser Haltungsform sehen sie die heutige Bodenhaltung „als Kompromiss zwischen Tiergesundheit, Hygiene, Herdenmanagement und fairen Preisen“. Von Freilandhaltung ist die Familie nicht überzeugt. Alleine wegen möglicher Parasiten oder Krankheiten wie der Vogelgrippe, sagt Thomas Engelbach. „Die perfekte Haltungsform gibt es nicht, egal für welches Tier. Die Hühner leben gesünder, wenn sie im Stall bleiben“, findet er. Dort könne man viel einfacher und hygienischer arbeiten. Der aktuelle Lebensmittelskandal um das Reinigungsmittel Fipronil macht den Hühnerhaltern keine Sorgen. „Wir wurden von der Lebensmittelüberwachung kontrolliert, gefunden hat man nichts in unseren Eiern. Wir setzen auch keine Mittel ein“, betont Hofchef Manfred Engelbach. Kontrolliert werde der Hof mehrmals im Jahr vom Gesundheitsdienst.
Vierteljährlich kommt der Tierarzt, um die Hühner gegen Geflügelpest zu impfen und Salmonellenproben zu ziehen. „Weitere Medikamente oder Antibiotika werden nicht eingesetzt – das ist auch nicht nötig“, sagt Thomas Engelbach.

„Das Herz des Betriebes“

Mit geübtem Griff fängt er eine gackernde braune Henne ein, zeigt das Gefieder. „Den Tieren geht es gut, das ist ein schönes, volles Federkleid, die Mauser ist vorbei“, erklärt der junge Landwirt. Die Mauser gehört zum Lebenszyklus ihrer Hühner dazu und wird gezielt ausgelöst: Für einige Wochen werden das Futter und die Dauer der Beleuchtung im Stall reduziert. Das soll den Winter simulieren. In dieser Zeit stellen die Hennen das Legen ein und wechseln das Federkleid, „der ganze Körper regeneriert sich“, erklärt Manfred Engelbach.

Danach würden die Tiere größere Eier legen als zuvor. Die legen die Tiere in leicht schräg angebrachte Nester entlang der Stallwand. „Die Schwerkraft macht den Rest.“ Die Eier rollen durch eine Öffnung und landen auf einem langen Förderband. Von dort werden sie automatisch aus den beiden Hauptställen in die Sortierhalle transportiert, „das Herz des Betriebes“, erzählt Martina Engelbach.

An der Sortiermaschine in der großen Lagerhalle geschieht ein Großteil der Arbeit. Sechs Stunden benötigt die Familie am Tag für Stallkontrolle und Sortierung. Täglich laufen Zehntausende Eier über die Bänder. Die erste Station ist die Durchleuchtung. „Ein Blutei erkennt man daran, dass das Ei unter dem Licht ganz dunkel ist. Die werden aussortiert“, erklärt die 55-Jährige. Eine große Sortiermaschine kategorisiert die Eier automatisch nach den Gewichtsklassen S, M, L und XL. „Je höher das Gewicht desto wertvoller, ein M-Ei geht bei 53 Gramm los.“ Besonders große Eier zu legen schaffen nur etwa 30 Prozent der Hennen. „Alle wollen möglichst große Eier haben, die XL-Eier sind Türöffner“, sagt Manfred Engelbach.

Türöffner etwa in die großen Supermarktketten. Der Geflügelhof beliefert rund ein Dutzend Geschäfte, vor allem Supermärkte in der Region. „Marburger Land-Eier“ heißt die hofeigene Marke. Zweimal in der Woche werden die Eier für die Geschäftskunden per Hand verpackt, knapp 22 000 Eier in zwei Tagen.

Vermarktet werden sie ebenfalls auf Wochenmärkten oder direkt an der Haustür. Der Hof beliefert einen festen Stamm an 1 500 Privatkunden zwischen Schwalmstadt und dem Siegerland. Die Auslieferung mit den vier betriebseigenen Transportern ist die Hauptbeschäftigung der Familie am Nachmittag und bringt einige Kilometer auf den Tacho, „82 000 Kilometer hat der eine Sprinter drauf, und der ist erst zwei Jahre alt“, gibt der Hofchef einen Vergleich und lacht.
Arbeitet der 56-Jährige nicht gerade in den Ställen, steht er auf dem Feld. Einen Teil des Futters seiner Hühner – Weizen und Gerste – baut er auf 90 Hektar Ackerland an. Das reicht aber nicht für die Hühnerschar, den Rest bezieht der Hof durch einen ortsansässigen Landwirt. Sojaschrot und Mineralfutter werden beigemischt.

Familie spielt  mit dem Gedanken, einen vierten Stall zu bauen

„Alle 18 Tage werden 60 Tonnen Futter verbraucht“, rechnet Florian Engelbach vor, der „Mann für die Zahlen und Buchhalter des Hofes“. Wie sein Bruder hat sich der 29-Jährige für eine Ausbildung zum Landwirt entschieden und für die Arbeit im Familienbetrieb. „Das ist auch nicht mehr selbstverständlich. Bei mir war das anders, ich musste den Hof auf jeden Fall übernehmen“, sagt Manfred Engelbach und zuckt gelassen mit den Schultern. Er stammt aus einer Bauernfamilie. Im Jahr 1986 übernahm der damals 25-Jährige den Betrieb seiner Eltern, Heinrich und Katharina Engelbach. Früher gehörten auch noch 60 Zuchtsauen mit zum alten Hof. Die spätere Schweinemast wurde mittlerweile aufgegeben.

Im Jahr 1961 konzentrierte sich die Familie voll auf das Eiergeschäft. Zehn Jahre später siedelten die „Kurts“, so lautet ihr Dorfname, an den Ortsrand und errichteten den ersten Hühnerstall für 3 000 Hennen. Diese Zahl verneunfachten die Nachkommen bis heute. Die Familie spielt bereits mit dem Gedanken, einen vierten Stall zu bauen, sollte der Bedarf an Eiern noch steigen. „Man muss heute in der Landwirtschaft einfach wachsen, sonst hat man keine Chance“, sagt Manfred Engelbach.

Die tägliche Arbeit sei nicht einfach, auf dem Hof sind 12-Stunden-Tage keine Seltenheit, erzählt die Familie. Die vier scheinen ein eingespieltes Team zu sein, leben und arbeiten eng zusammen – und alle unter einem Dach. Das hat Vor- und Nachteile: „Man ist nah dran an der Arbeit, mit dem Kopf aber immer im Betrieb, auch in der Freizeit“, sagt Thomas Engelbach. Dennoch könne sich keiner einen anderen Beruf vorstellen. „Das ist eben unser Leben, und das geht nur miteinander – das macht einen Familienbetrieb stark“, sagt Martina Engelbach.

von Ina Tannert

 
Kennzahlen
  • Legehennen: 27 000 (verteilt auf drei Ställe mit 13 000, 10 000 und 4 000 Tieren)
  • Ertrag: im Durchschnitt 22 000 Eier am Tag
  • Sortierhalle: Täglich werden die Eier nach Gewicht in die Größen S, M, L und XL sortiert und verpackt
  • Vermarktung: Lieferung an Privatkunden und Geschäftskunden, vor allem Supermärkte, keine Discounter
  • Ackerbau: 90 Hektar Ackerland (Anbau von Raps, Weizen und Gerste)
  • Weitere Tiere: Zum Hof gehören neben den Hühnern zwei Hofhunde. Im Kaltstall leben drei Schweine, die zum Eigenverbrauch gehalten werden.
 
Es kommt (nicht) auf die Farbe an

Auf dem Geflügelhof leben sowohl weiße wie braune Legehennen. Die unterscheiden sich nicht nur in der Farbe, ist Thomas Engelbach überzeugt. „Die weißen sind scheuer, dafür lernfähiger. Die braunen Hühner sind dafür zutraulicher, ein bisschen träge und werden etwas schwerer“, erzählt der junge Landwirt.

Ob die Eier braun oder weiß werden, wird durch die Farbe des Gefieders und des Ohrläppchen sowie das Erbgut einer Henne bestimmt. Braune Hennen legen braune Eier, weiße Tiere eben weiße, „zumindest zu 99 Prozent“, sagt Thomas Engelbach. Nur alle paar Jahre komme es mal vor, dass ein weißes Huhn aus der Reihe tanzt und braune Eier legt. Das letzte lebte vor vier Jahren in seinem Stall. „Es gab damals nur einen Braunleger, das Huhn legte immer im selben Nest – ich habe nie herausgefunden, welches es war“, erinnert sich der  Junior mit einem Grinsen.

  • „Das Jahr auf dem Hof“ Teil 4 erscheint am Samstag, 9. September. Dann geht es um den Milchviehbetrieb der Familie Hewecker aus Wolferode und ihre 260 Milchkühe plus weiblicher Nachzucht. Als zweites Standbein betreibt die Familie zwei Biogasanlagen.
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