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„Bilderbuch-Bauernhof kehrt nicht mehr zurück“

Landwirtschaft „Bilderbuch-Bauernhof kehrt nicht mehr zurück“

In ihrer Serie „Das Jahr auf dem Hof“ widmet sich die OP der Landwirtschaft. Im Interview mit Kreisbauernverbands-Vorsitzender Karin Lölkes und Kreislandwirt Frank Staubitz ging es um die Situation der heimischen Höfe.

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"Das Jahr auf dem Hof"

Karin Lölkes (55) ist mit der Landwirtschaft groß geworden. Sie betreibt einen Milchviehhof in Simtshausen. Frank Staubitz (48) kam nach dem Abitur durch eine Ausbildung zur Landwirtschaft. Er führt einen Ackerbau-Betrieb in Caldern.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. OP: Das Höfesterben im Kreis schreitet unerbittlich voran. Was bringt Sie dazu, täglich weiterzumachen?
Karin Lölkes: Das viele Schöne, das der Beruf hat. Ich fand es immer schon wunderbar, dass man Berufstätigkeit und Familienleben eng miteinander verbinden kann. Alle unsere Kinder konnten beispielsweise immer mit uns gemeinsam zu Mittag essen, wir konnten für sie da sein, auch, wenn wir viel Arbeit hatten. Dazu kommt, dass wir Landwirte draußen in der Natur arbeiten. Für mich ist ein Beruf ohne natürliches Licht, was ganz viele Arbeitsplätze mit sich bringen, unvorstellbar.
Frank Staubitz: Dass Familie und Landwirtschaft so gut zusammenpassen, ist wirklich toll. Als Kind weiß man es noch gar nicht so zu schätzen (Staubitz schaut seinen achtjährigen Sohn Konrad an ). Der Konrad fragte mich neulich, „warum arbeitest du eigentlich nicht, der Papa vom Felix fährt jeden Morgen auf die Arbeit“ ( Staubitz lacht ). Im Sommer ist es für die Kinder ein kleiner Nachteil. Die anderen fahren jetzt in den Urlaub. In unserem Ackerbaubetrieb, der auf die Ernte hinarbeitet, ist diese Zeit der High Noon.

OP: Kann man mit Landwirtschaft, wenn man es richtig macht, noch immer gutes Geld verdienen?
Staubitz: Man muss sich einfach entscheiden: Kann der Hof im Vollerwerb geführt werden oder geht es nur im Nebenerwerb, weil die natürlichen Voraussetzungen nicht mehr hergeben? Man muss auch mal 50 Jahre zurückdenken: Da bestand unser Hof, der jetzt eine Größe von 250 Hektar hat, aus 17 Betrieben mit einer Durchschnittsgröße von 15 Hektar, alle im Vollerwerb. Das wäre heute nicht zu stemmen, dass ich mit unserem Betrieb für 80 Leute den Lebensunterhalt erwirtschafte. Damals haben auf diesem Land 20 Leute gearbeitet, heute machen wir es zu zweit.

OP: Dieses Geschäft scheint sich aber zu lohnen. Sonst wären Sie kaum der Besitzer der ehemaligen Klosterhof-Anlage in Caldern mit zwei großen Wohnhäusern.
Staubitz: Diese Häuser können auch ein Balast sein. Die kommen in die Jahre. Unsere alten Wirtschaftsgebäude, die alle­ unter Denkmalschutz stehen, wo mir die Denkmalpfleger sagen, wie toll das doch ist, wenn da über Nacht auf einmal alles verschwinden würde und es stünde stattdessen eine große Halle da, das wäre für mich wesentlich angenehmer.

OP: Aber doch noch mal zurück zur Frage des Einkommens...
Lölkes: Familien können von der Landwirtschaft leben, aber verschiedene Betriebszweige erreichen keine gerechte Entlohnung.

OP: Was bedeutet „gerechte Entlohnung“ für Sie?
Lölkes: Das meine ich bezogen auf unsere Arbeitszeit, wir leisten ein immenses Pensum an Stunden. Mein Sohn sagt schon mal spöttisch, dass er am Mittwochabend seine 40 Arbeitsstunden erreicht hat.

OP: Auf welchen Stundenlohn kommen Sie denn in Ihren ­Betrieben?
Staubitz: Das schwankt kolossal. Bei mir im Ackerbau ist es abhängig vom Getreidepreis. Ich muss 1300 Euro pro Hektar erzielen, damit ich für mich überhaupt einen Stundenlohn ansetzen kann. Bei 16 Euro Getreidepreis erziele ich noch nicht einmal den Mindestlohn für mich, ich muss ja auch meinen Mitarbeiter entlohnen. Die Leute denken auch, dass wir wahnsinnig viel Geld aus Subventionen bekämen. An Ausgleichszahlungen kommen 14 Millionen Euro jährlich in den Landkreis, das klingt auch erst mal viel. Aber diese­ 14 Millionen Euro teilen sich auf 1600 Antragsteller auf. Im Durchschnitt sind das 8700 Euro pro Betrieb. Dieter Zetsche, der Chef von Mercedes-Benz, bekommt 14,3 Millionen Euro jedes Jahr. Da fühle ich mich nicht übervorteilt. Im Kreisgebiet gibt‘s noch 140 Milcherzeuger

OP: Wenn Sie hier nichts verdienen würden, dann würden Sie aber auch nicht weitermachen.
Staubitz: Ja, das stimmt schon. Wenn unser Betrieb 2000 Tonnen Getreide erntet und ich bekomme pro Tonne 20 Euro mehr als im Moment, dann sind das insgesamt 40000 Euro zusätzlich, dann kann ich das durch meine 2400 Arbeitsstunden pro Jahr teilen und dann hab ich einen Stundenlohn von 16,60 Euro. ( Anmerkung der ­Redaktion: 2400 Arbeitsstunden jährlich entsprechen etwa einer 46-Stunden-Woche bei ganzjähriger Arbeit ohne Urlaubszeiten.)

Hintergrund

Karin Lölkes (55) leitet mit Sohn Martin Lölkes (26) und drei Mitarbeitern in Simtshausen einen landwirtschaftlichen Betrieb. Eine der Stellen ist ein Inklusionsplatz in Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe. Betriebszweige sind die Milchkuhhaltung. Inklusive Jungvieh leben 350 Tiere auf dem Hof. Lölkes betreiben Ackerbau (160 Hektar), eine 75-KW-Biogasanlage und Photovoltaik. Karin Lölkes ist Hauswirtschaftsmeisterin. Sie wuchs mit der Landwirtschaft auf. Seit 2015 ist sie Vorsitzende des Kreisbauernverbands, erfüllt viele weitere Ehrenämter. Die Simtshäuserin ist verwitwet, hat eine Tochter und zwei Söhne.

Frank Staubitz ist 48 Jahre alt. Er betreibt mit einem Mitarbeiter und Aushilfen einen Ackerbaubetrieb mit 260 Hektar Fläche in Caldern. Grünlandflächen und eine Deutsch-Angus-Mutterkuhherde gehören dazu. Weiterer Betriebszweig ist die Saatgutvermehrung. Staubitz hat Landwirtschaft in Witzenhausen studiert. Zu dem Beruf kam er nach dem Abitur – er absolvierte eine zweijährige Ausbildung zum Landwirt. Staubitz hat gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin zwei Kinder. Als Kreislandwirt ist er seit 2016 der Vorsitzende des Gebietsagrarausschusses beim Landkreis und erfüllt zahlreiche weitere Ehrenämter.

OP : V iele Landwirte sind ja sehr unzufrieden mit ihrer wirtschaftlichen Situation - viele geben auch auf, suchen sich eine andere Arbeit. Wagen Sie einen Ausblick zur Situation der heimischen Höfe in den kommenden fünf bis zehn Jahren?
Lölkes: Die Zahl der Betriebe wird weiter zurückgehen. Jedenfalls die der Vollerwerbs-Landwirte. Aktuell gibt es davon noch 240 bei insgesamt 1200 Betrieben.

OP: Bleibt in unserer Region noch flächendeckende Landwirtschaft erhalten oder wird der Bauernhof zur Ausnahmeerscheinung?
Lölkes: Ja, es wird es auch in absehbarer Zukunft bei einer flächendeckenden Landbewirtschaftung bleiben. Zum einen, weil die Betriebe weiter wachsen, zum anderen, weil interessanterweise einige Junge auch wieder neu einsteigen.
Staubitz: Da hat eine Generation ausgesetzt mit der Landwirtschaft. Und jetzt kommen die Enkel. Sie machen es nicht, um etwas verdienen zu wollen, sie machen es, um das Land der ­Familie zu bewirtschaften, weil sie es einfach schön finden. ­Natürlich nur im Nebenerwerb. Die Strukturen haben sich ja stark verändert.

OP: Inwiefern?
Staubitz: Anhand der Milcherzeuger kann man es vielleicht am besten verdeutlichen. 1984 hatten wir 2400 Milcherzeuger im Landkreis, heute sind es noch rund 140. Allerdings haben wir inzwischen 500 Mutterkuhhalter, 1984 waren es 16. Es ist auch gut, dass die Strukturen sich so verändern, sonst wäre das Hinterland, wo wirklich viele Flächen sind, die man nicht wirtschaftlich lohnenswert bearbeiten kann, außen vor. Deshalb bin ich ein Fan von den ­Nebenerwerbsbetrieben, die sagen, wir machen es, weil wir es gern machen. Sonst sähe es hier so aus wie im Dillgebiet, da gibt es schon Flächen, die zuwachsen und verginstern. Das wär‘s dann gewesen mit unserer Kulturlandschaft, wie wir sie kennen und schätzen mit ihren Feldern, Wiesen und Weiden.

OP: Landwirten wird ja nachgesagt, dass sie viel und gern über ihre Arbeit klagen.
Lölkes: (lacht) Die gibt es. Aber das ist nicht jedermanns Einstellung. Zwischen Spezialisierung und Vielseitigkeit
Staubitz: Geklagt wird vor allem über die Steine, die man in den Weg gelegt bekommt in Form von neuen Vorgaben aus Brüssel, beispielsweise die Düngeverordnung. Da können hier viele Betriebe sagen: Das war‘s jetzt für uns. Gott sei Dank ­haben wir im Landkreis einen Wasser- und Bodenverband, der die Technik bereitstellt und die Landwirte unterstützt. Hat ein Güllefass mit 18 Kubikmetern vor 10 Jahren 20000 Euro gekostet, kostet das gleiche Fass mit den jetzt vorgeschriebenen bodennahen Verteileinrichtungen 100000 Euro. Und diese Technik wird dann von jedem Betrieb verlangt, egal, ob er 20 oder 200 Kühe hat.

OP: Hinzu kommt, dass einigen Betrieben die Spezialisierung das Genick bricht. Dazu hat man den Höfen von staatlicher Seite ja viele Jahre lang geraten. Wie wirkt sich das jetzt aus?
Lölkes: In der Milchkrise war es für die Betriebe, die kein weiteres Standbein hatten, sehr schwierig. Jene, die noch Photovoltaik, Bullenmast oder etwas anderes zusätzlich hatten, konnten immerhin daraus ein Einkommen generieren. Was die Spezialisierung angeht, hat die Fachberatung etwas versagt, auch, wenn sie das nicht hören will.

OP: Mehrere Betriebszweige zu haben und nicht nur Milchvieh - ist das im Landkreis schon zur wirtschaftlichen Überlebensfrage geworden?
Lölkes: Ja, gerade für die Höfe, die in den letzten Jahren ganz neu investiert hatten und immense Zahlungen leisten mussten. Mit dem Milchpreis konnten sie den Abtrag jedenfalls nicht schaffen, da mussten andere Geldgeber helfen.
Staubitz: Bei den knappen Spannen, die wir haben, muss man allerdings wirklich Spezialist sein, um überhaupt etwas übrig zu behalten. Es ist aber schwierig, in zwei oder drei Wirtschaftszweigen der absolute Spezialist zu sein. Es gibt Betriebe, da übernehmen zwei Söhne den Hof. Der eine macht Schweinemast und ist in dem Thema voll drin, der andere kümmert sich um die Kühe und ist da der Experte. Und dann wird noch Biogas erzeugt. Wenn man so breitgefächert aufgestellt ist, dann kann man schon mal quersubventionieren.
Lölkes: Das vorige Jahr war ja das zweite Jahr Milchkrise in Folge. Da haben wir vom Kreisbauernverband aus Gespräche mit allen Banken in der Region geführt. Meine Beraterin hat mir gesagt, dass die Bank auch Lehren aus dieser Krise gezogen hat, dass sie die Betriebe künftig dazu anhalten will, sich ein zweites Standbein zu suchen. Man könnte ja etwa auch ins sogenannte Beton-Gold investieren, ein Mietshaus oder etwas anderes unterhalten, was ein regelmäßiges Einkommen bringt.

OP: Sehen Sie da irgendwo noch Chancen für die Rückkehr des berühmten Bilderbuch-Bauern­hofs mit vielen verschiedenen­ Tieren und einer bunten ­Mischung von Arbeitszweigen?
Lölkes: Nein.
Staubitz: Diese Welt gibt es nicht mehr. Wenn man moderne Heimatfilme aus dem bayerischen Raum schaut, dann könnte man denken: Das ist sie, die heile Welt. Da stehen 20 Kühe im Stall. Aber Vorsicht, die 20 Kühe sind in dem engen Stall alle angebunden. Von daher: Die vermeintlich heile Bauernhof-Welt, wie die Leute sie sich vorstellen, hat mit artgerechter Tierhaltung eigentlich nicht viel zu tun. Besser und artgerechter, als wir die Tiere heute halten, war es nie.
Lölkes: Aber wir wollen jetzt hier auch nicht die Anbindehaltung verteufeln. Auch bei uns in der Region gibt‘s noch Betriebe, wo die Kühe angebunden sind. Aber es sind oft Höfe, die in ein paar Jahren aufhören, wo nicht mehr in einen neuen Stall investiert wird. Oft haben diese Höfe dafür die Möglichkeit, die Tiere auf die Weide zu bringen.

OP: Was können Sie als offizielle Vertreter Ihrer Berufsgruppe denn tun, um die Menschen besser über die Arbeit der Landwirte aufzuklären?
Staubitz: Ziel muss es sein, dass wir im Kreis einen landwirtschaftlichen Lehrpfad einrichten. Dafür gibt es anderorts schon Beispiele. Es muss eine feste Beschilderung geben, der Pfad muss an Feldern und einer Tierweide vorbeiführen und man sollte regelmäßig Führungen anbieten - das müssen wir angehen.
Lölkes: Gute Idee, das kann der Kreisbauernverband nur unterstützen. Da muss man nur noch überlegen, wo. Günstig wäre es sicher am Lahntalradweg, wo 70000 Menschen im Jahr vorbeikommen und der Lehrpfad auch Publikumsverkehr hätte.

  • Teil 2 des Interviews folgt in der Montagsausgabe der OP - mit den Themen Bio-Lebensmittel, Tierwohl und vielen Infos zur Landwirtschaft im Kreis.

Interview von Carina Becker-Werner

 
 
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