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Zeit ist reif: Äpfel geraten unter Druck

Apfelpressen Zeit ist reif: Äpfel geraten unter Druck

Seit 20 Jahren gibt es in Niederweimar „Die Erpresser“. Zeit zum Feiern hat das Team nicht, denn in der Kelterei herrscht von September bis Ende November Hochbetrieb. Aus der modernen Anlage fließt der Apfelsaft in Strömen.

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Es ist so weit: Die Äpfel sind reif. Seit 20 Jahren stellen  „Die Erpresser“ in Niederweimar aus frisch gepflückten Äpfeln Saft her.

Quelle: Thorsten Richter

Niederweimar. Mittwochs, freitags und samstags duftet es im Wiesenweg in Niederweimar nach frischem Apfelsaft. Das wird sich bis kurz vor Beginn der Adventszeit nicht ändern. Denn dort werden – nach Terminvereinbarung – Äpfel in
Eimern, Kübeln und Wannen angeliefert.

Das Besondere an dieser Kelterei: Die Kunden nehmen den Saft mit, den das Team aus dem mitgebrachten Obst gepresst hat. 50 Kilo sind die Mindestannahmemenge. Aus denen werden in wenigen Minuten etwa 30 Liter leckerer Apfelsaft.

Während die Anlage läuft, ist das Hallentor zur Straße hin geöffnet. Das ist wichtig: Denn ständig werden Behältnisse mit Äpfeln rein und Saftboxen rausgeschleppt. Das „Erpresser“-Team – Michael Sautner und Eckhard Herrmann – und dessen Helfer sind dankbar, wenn die Kunden dabei mit anpacken. Je mehr Hände mithelfen, desto schneller geht’s. Und es geht sehr schnell.

Die Äpfel werden in einen Waschbehälter gefüllt, schlechte, etwa angefaulte, werden aussortiert. Auf einem Förderband erfolgt die letzte Dusche, bevor die Früchte ins Mahlwerk wandern. Der Brei wird schonend gepresst, der Saft als Apfelsaft abgefüllt oder in spezielle Behälter gefüllt, in denen später der leckere Apfelwein entsteht.

Apfelsaft in Saftbox hält sich bis zu einem Jahr

Auf Wunsch wird der Apfelsaft der Kunden in Glas­flaschen abgefüllt. „Am beliebtesten bei den Kunden ist die Saftbox mit integriertem Zapfhahn“, sagt Herrmann. Die Box besteht aus einem wiederverwendbaren Karton aus Pappe
mit losem Innenbeutel aus zweilagiger Kunststofffolie, Inhalt fünf oder zehn Liter. Darin hält sich der Apfelsaft mindestens ein Jahr.

Die leere Kunststofffolie wird entsorgt. Nach vorheriger Vereinbarung kann der gepresste Apfelsaft auf etwa 80 Grad Celsius erhitzt werden, damit ist der pasteurisiert und noch länger haltbar. Gibt‘s genügend Äpfel, wie wohl auch in diesem Jahr, dann stellen die „Erpresser“ auch Apfelsaft und Apfelwein zum Verkauf her.  

Zwei wichtige Tipps gibt das Team alle Jahre wieder: Wer den Reifezeitpunkt seiner Äpfel einschätzen kann, der sollte frühzeitig einen Termin zum Pressen vereinbaren. Darüber hinaus empfehlen die Experten, nicht in
Panik zu verfallen.

Der Saft unreifer Äpfel schmeckt nicht gut. Lieber geduldig sein und heruntergefallene Äpfel aus der Hand essen oder anderweitig verwerten, rät das Team. Der Reifegrad lasse sich einfach ermitteln, indem man immer mal wieder einen Apfel koste, sagt Herrmann.

Je später im Jahr, desto besser die Qualität des Apfelsafts

Und er erinnert sich: „Den Apfelsaft mit der besten Qualität hatten wir im vergangenen Jahr an unserem letzten Presstermin, am 22. November“, erzählt Eckhard Herrmann und erklärt: „Solche Äpfel haben alle Wetterkapriolen mitgemacht und am meisten Sonne getankt.“ Das sei zwar nicht ausnahmslos so, hänge auch von der Sorte ab. Es gebe aber immer wieder Kunden, die ihre Äpfel zu früh pflücken würden, sagt er.  

Bei Minustemperaturen ruht der Pressbetrieb. „Sonst friert uns hier die Anlage ein“, erklärt Herrmann.

Der Kelterbetrieb mit seinem freundlichen Team erhält oft Besuch von Schul- und Kindergartenklassen. Die „Erpresser“ erklären den jungen Gästen gerne, wie aus Äpfeln leckerer Saft entsteht.

Und wie kam es zu dem Keltereibetrieb in Niederweimar? Sein Kumpel habe sich damals in Lich schon lange Apfelsaft pressen lassen und selbst Apfelwein zubereitet. Als er in seinem Keltereibetrieb zwei Jahre hintereinander keinen Press-Termin bekam, verkündete der Freund, dass es so nicht weitergehe. „Also besuchten wir eine Fachmesse in Stuttgart und kauften uns eine Grundausstattung."

"Erpresser"-Team hat sich das Keltern selbst beigebracht

"Viel haben wir selbst gebaut und am Anfang viel Lehrgeld gezahlt“, sagt Herrmann und gibt zu bedenken: „Wir haben das Keltern ja nicht gelernt.“

Das Handwerk haben sie sich selbst beigebracht. Längst läuft der Betrieb gut, der Kundenkreis wächst stetig. „Bis zur dritten Oktoberwoche ist die Kelterei ausgebucht“, berichtet Herrmann.

Den Betrieb hat er gemeinsam mit Michael Sautner im Laufe der Jahre erweitert. Zuletzt wurde die Anlage 2009 modernisiert. „Bei ständiger Zufuhr von Äpfeln könnten je Stunde 1 000 Liter Saft abgefüllt werden“, erklärt Herrmann.

Der Agrar-Ingenieur betreibt neben der Kelterei Ackerbau im 17 Hektar großen landwirtschaftlichen Betrieb.

Einen Teil der Hofgebäude hat er als Proberäume für Bands vermietet. Den Bedarf hat er früh erkannt. Denn der „Erpresser“ Eckhard Herrmann spielt selbst in einer Coverband.  

Kleine Apfelkunde

Der Marburger Kreisobstbauberater Dr. Norbert Clement erwartet in diesem Jahr eine gute Apfelernte. Der gefragte Fachmann auf dem Gebiet der Obstbaukunde (Pomologie) ist im Hauptberuf Leiter des Fachdienstes für Klimaschutz und erneuerbare Energien in der Kreisverwaltung. Mehr Früchte als gewöhnlich seien diesmal an den Bäumen hängen geblieben, deshalb gebe es verhältnismäßig kleine Äpfel, sagt er. Andere Bäume alternieren, tragen wenig bis gar keine Früchte, weil sie im vergangenen Jahr guten Ertrag brachten.

Für das Ausreifen von Äpfeln ist zwar eine gewisse Wärme förderlich. Aber warme Gegenden sind laut Dr. Clement nicht unbedingt gute Anbauregionen. Ideal sei es, wenn Äpfel möglichst lange abreiften. Im Zuge des Klimawandels sei zu beobachten, dass in Weinanbauregionen, in denen früher Äpfel zu Hause waren, heute keine mehr in großem Maß angebaut würden. Der Obstbau habe sich in Mittelgebirge verlagert. So sei aus der Rhön mittlerweile ein Obstanbaugebiet geworden, sagt der Fachmann. In wärmeren Regionen breiten sich zudem Krankheiten schneller aus, wie etwa der Feuerbrand. „Der legt erst bei etwa 25 Grad richtig los“, sagt der Pomo­loge.

Neben seiner fast 20-jährigen Beratungstätigkeit macht sich Dr. Clement für den Erhalt alter Sorten stark, betreute und betreut zahlreiche Initiativen und Projekte. Er erinnert an eine große und bedeutungsvolle Ausgleichspflanzung für das Neubaugebiet in Michelbach.
Im Norden des Marburger Stadtteils wurde auf einer 4,5 Hektar großen Fläche die „Hessenwiese“ angelegt. Dort sind etwa 120 hessische Lokalsorten angepflanzt, nicht nur Äpfel, auch Birnen und Kirschen. Eingefriedet ist die Obstbaumwiese mit einer Schneebeeren-Hecke in der Form Hessens.

„Die lokalen Sorten wurden dort gepflanzt, wo sie herkommen. So steht der Heuchelheimer Schneeapfel in Heuchelheim und der Trendelburger Kalvill bei Trendelburg“, beschreibt Dr. Clement.

Apfel-Allergien

Immer mehr Menschen reagierten allergisch auf die modernen Apfelsorten, die man gewöhnlich in Supermärkten kaufen könne, weiß der Pomologe Dr. Norbert Clement. „Früher kamen Allergien beim Genuss von Äpfeln eher selten vor“, betont er und erklärt: Die neuen Sorten basierten fast ausnahmslos auf der Sorte Golden Delicious.

Der Apfel trage eine Gen in der Schale, das bei vielen Menschen Allergien auslöse. Diesbezüglich habe der BUND-Lemgo sehr weitreichende Informationen gesammelt. Auf der Suche nach allergiefreien Äpfeln wurden die Leute nach ihren Erfahrungen beim Verzehr von Früchten gefragt. Eifrig berichten die Bürger, bei welchen Sorten sie allergisch reagieren und bei welchen nicht.

Bei den Äpfeln, die wenig bis keine Allergien auslösten, handele es sich ausnahmslos um alte Sorten, versichert der Spezialist. Sie seien in ihrer Genetik viel breiter angelegt. Es gebe viele Formen, Farben und Geschmacksrichtungen, beschreibt er. Auch die Schalenbeschaffenheit der alten Sorten sei anders. „Sie ist nicht so wachsig“, sagt Dr. Clement. „Wir wissen gar nicht, welche Vielfalt an Geschmacksrichtungen wir verloren haben“, bedauert er im Hinblick auf die vielen verlorengegangenen alten Sorten.

Inbegriff des wohlschmeckenden Apfels sei der Grafensteiner, versichert er. „Wenn Sie ihn jetzt probieren, ist das eine wahre Wonne, in ein paar Wochen ist er schon mürber. Dann gibt es wieder andere, die im Geschmack kommen“, beschreibt der Pomologe, gesteht aber ein, dass hinsichtlich des Geschmacks das subjektives Empfinden entscheidend sei: „Es gibt Leute, die mögen saure, knackige Äpfel, andere lieben die Würze oder die Süße“, beschreibt er.

„Die Sorten in den Supermärkten schmecken alle ähnlich, sind süß und fest“, weiß er aus eigener Erfahrung. Dr. Norbert Clement stellt erfreut fest, dass bei Gartenbesitzern das Interesse an alten Sorten wachse und sich Baumschulen auf diesen Bedarf einstellen.

von Hartmut Berge

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